Kälte

Ganz alleine stand ich nun auf der matschigen Erde, den Blick meinen Reifen zugewendet, die Hände auf den Knien. Rick hatte recht gehabt als er sagte, die Reifen seien total zerbissen: Das Gummi hing in Fetzen von den Felgen herab und bot einen furchtbaren Anblick.

Na toll, dachte ich und rieb mir meine Arme, Gänsehaut unter meinen Fingern. Wie soll ich hier bitte schön heil rauskommen? Ich verfluchte mich, weil ich meinen Freund nicht nach der Nummer des Abschleppdienstes gefragt hatte, die er ja zur Genüge kannte – es kam nicht selten vor, dass in der „Discomeile" unserer Stadt ein paar Reifen aufgeschlitzt wurden.

Als ich früher einmal viel Zeit dort verbracht hatte, musste ich mich auch dieser Dienstleistungen bedienen, doch dies war nun vorbei, jetzt, da ich meinen Job als Rechtsanwalt hatte. Doch irgentwo musste ich sicherlich noch eine Visitenkarte haben...

Tatsächlich fand ich eine, die säuberlich in meinem nach alphabetischer Reihenfolge geordnetem Stapel von Karte steckte. Ich fand sie zwischen Maggys zauberhafte Rechtsanwälte und Stereo Disco.

Kurzerhand tippte ich die Nummer in mein Handy, auf das ich ganz stolz war, und wählte. Mach schon...

„RTM Abschlepp-Service?", ertönte eine Frauenstimme am anderen Ende.

„Ja, hallo. Mein Wagen ist stehen geblieben, besser gesagt ist die Luft aus den Reifen entwichen", sprach ich mit einem kurzen Seitenblick auf die riesigen Löcher, „ Embledon Road, kleines Wäldchen. Sie wissen schon, am Anfang der Straße. Wann können sie da sein?"

„In frühstens einer halben Stunde. Es dauert leider immer eine ganze Weile bis wir den richtigen Helfer gefunden haben. Aber es wird sicherlich einer in der Nähe sein."

„In einer halben Stunde erst? Es ist ganz schön kalt hier.", meinte ich und zog mich bibbernd in den Innenraum meines Transporters zurück.

„Dann setzen sie sich doch solange in ihr Auto." Wie nett. Das habe ich schon getan.

„Ich zahle noch ein bisschen drauf, wenn sie in einer Viertelstunde da sind. Ich habe gleich einen Termin. Und ich weiß zwar nicht, was mit dem Wetter passiert ist, aber es sieht fast so aus, als würde es gleich schneien, und ich hab nur ein T-Shirt an und keine Jacke." Der Himmel färbte sich wirklich sehr dunkel.

„Funktioniert ihre Heizung nicht mehr?", fragte die Stimme ein wenig spöttisch. Ich gab ein leichtes knurren von mir. „Ja, leider. Und jetzt beeilen sie sich bevor ich es mir noch anders überlege!" Gereizt drückte ich auf den roten Hörer und schaltete mein Radio an.

Guten Tag! Sie hören momentan die Tagesthemen mit Bertha Krause.

Die Erklärung von Windhoek wurde heute verabschiedet. Damit wurde zu mehr Pressefreiheit als Bestandteil der Demokratie aufgefordert, zudem plädiert man für eine internationale Unterstützung bei der Schaffung unabhängiger Medien, der Journalistenausbildung und Unternehmensführung.

In den nächsten Sätzen wurde von Politik und Wirtschaft geredet. Diese Meldungen schienen nicht sehr wichtig zu sein - dennoch waren sie eine akkute Ablenkung von jeglicher Langeweile. Plötzlich hörte ich etwas sehr unerwartetes:

Wir kommen nun zu den lokalen Nachrichten:

In einem Starbucks-Geschäft in Greyfield fand heute eine heftige Schlägerei statt. Ein gewalttätiger Mann von 23 Jahren griff zwei ahnungslose Cafe´-Besucher an, von denen sich aber einer erfolgreich wehren konnte. Als er den Mann unfähig gemacht hatte, verschwand er mit seinem Begleiter spurlos. Die Polizei nahm den Angreifer fest und bittet die Augenzeugen nach dem Sieger ausschau zu halten.