Die Last der Verantwortung

Colonel Caldwell saß im Konferenzraum und summte leise „Sweet Transvestite" aus der Rocky Horror Show vor sich hin. Er bemerkte nicht, wie Dr. Weir ihn amüsiert beobachtete. Irgendwann machte sie jedoch auf sich aufmerksam: „Hätte nicht gedacht, dass Sie die Rocky Horror Show mögen." Caldwell zuckte erschrocken zusammen und wirkte peinlich berührt. „Haben Sie sich auch mal eine Vorstellung angesehen? Theater oder Kino, mit Reis und allem?" fuhr Dr. Weir fort.

Mit einem leichten Hauch von Bedauern schüttelte Caldwell den Kopf: „Irgendwie bin ich nie dazu gekommen. Und Sie?"

Dr. Weir zog einen Stuhl zu sich heran und setzte sich: „Während meiner Unizeit habe ich mal die ‚Magenta' gegeben. Meine Eltern waren pikiert, als sie es herausfanden. Ich fand es toll. – Was machen Sie hier eigentlich? Verstecken Sie sich vor Ihrer Crew?"

Der Soldat lächelte Dr. Weir an: „Mehr oder weniger. Ich wollte mich nur mal ein wenig zurückziehen, ohne ständig mit irgendwelchen Fragen belästig zu werden. Dieser Job ist ein 24-Stunden-Job."

„Wem sagen Sie das? Mit jedem kleinen Problem wird man konfrontiert. Man sollte meinen, dass die hochprofessionellen Kräfte, die für diese Expedition angeheuert wurden, Streitigkeiten über die Vergabe von Nachtisch selbst lösen könnten."

„Nachtisch?"

„Eine von 23 Emails des heutigen Tages. Der Koch würde angeblich mit Absicht zu wenig blaue Götterspeise herstellen."

Caldwell erwiderte mit erschöpfter Stimme: „Falls es Sie tröstet, ich habe ähnliche Probleme mit meiner Crew. Und wochenlang in einem Raumschiff zusammengepfercht zu sein, hilft dabei nicht gerade. Da reichen schon die kleinsten Anlässe, und die gehen sich gegenseitig an die Gurgel. Und wer muss dann entscheiden? Wer muss entscheiden, welcher Wissenschaftler den Hochleistungsrechner von wann bis wann nutzen darf? Wer muss entscheiden, ob ein Rennen mit den 302ern stattfinden darf? Und egal, wie man entscheidet, irgendwer ist immer sauer."

Weir nickte zustimmend: „Alle erwarten, dass man Entscheidungen trifft, und wenn man sie dann fällt, ist es auch nicht allen recht. Aber ohne uns wären die doch aufgeschmissen. Sagt man zu allem Ja und Amen, ist man kein guter Vorgesetzter. Aber wenn man derjenige ist, der ‚Nein' sagen muss, dankt es einem auch keiner."

„Ich verstehe voll und ganz, was Sie meinen. Und ich wette, dass Sie es mit Ihren Stellvertretern auch nicht gerade leicht haben. Sheppard..."

Dr. Weir unterbrach Caldwell sofort: „Sheppard ist ein guter Mann. Ich würde ihm ohne zu Zögern mein Leben anvertrauen."

„Ihr Leben vielleicht, aber wie sieht es mit Ihrer Buchführung aus?"

Die Expeditionsleiterin lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und seufzte. In dem Moment klopfte es an der Tür und Dr. McKay betrat, ohne eine Antwort abzuwarten, den Konferenzsaal. In seinen Händen hielt er eine Schale mit blauer Götterspeise, die mit kandierten Zitronenscheiben gespickt war: „Elizabeth, der Koch terrorisiert mich! Das macht der absichtlich! Das grenzt schon fast an Sabotage! Ah, sind Sie eigentlich irgendwie beschäftigt?"

Der Kommandant der Daedalus stand auf und ging zur Tür: „Ich muss sowieso zurück auf das Schiff."

„Bis später, Colonel. Wissen Sie, ich vermisse die Zeit an der Universität."

Caldwell lächelte und verabschiedete sich mit einem melodischen „It's just a jump to the left and then a step to the right, und dann bin ich auch schon auf der Daedalus."

„Habe ich irgendetwas verpasst?" fragte McKay irritiert.

„Nein, nicht wirklich." Weir nahm dem Wissenschaftler die Schale mit der Götterspeise ab, steckte einen Finger hinein, zog ihn wieder heraus und leckte ihn voller Genuss ab. „Oh, das ist gut, genau das habe ich gebraucht. Danke, Rodney."