Die Niederlage war vorbestimmt.
Wer die Gunst Lolth´s verlor war dem Tode geweiht. Denn es geschah nur selten, dass man diese wiedererlangte, vor allem wenn man nicht wusste woran es lag, dass man sie verloren hatte.
Zudem nutzten diese Gelegenheit viele Häuser um an mehr Macht zu gelangen. Besonders verlockend war es, wenn dieses Haus eine höhere Stellung hatte als das Eigene.
Es kam oft genug vor, dass sich auch mehrere niedrige Häuser zusammenschlossen um ein Mächtigeres vollkommen zu vernichten, auszulöschen, vom Angesicht der Welt zu tilgen.
Und wenn es die niederen Häuser nicht taten, tat es ein Höheres um im Willen Lolth´s zu handeln und um eine eventuell bestehende Bedrohung zu vernichten.
Schwäche wurde ausgemerzt.
Diesmal war es das elfte Haus. Auvryndar.
Es hatte ein merklich schlechtes Los gezogen.
Insgesamt drei Häuser hatten sich gegen das Elfte verbunden.
Es war eine schiere Übermacht.
Allein 500 Sklaven boten sie zusammen auf.
Die zwar nicht das wirkliche Problem darstellten, da sie ungeübt waren und gegen ihren Willen gezwungen wurden zu kämpfen.
Dahinter verbarg sich aber die wahre Gefahr, rund 550 nach Blut gierende, hervorragend ausgebildete Drowkrieger, die für Macht alles tun würden. Insgesamt bekam es das Haus auch noch mit sieben Hohepristerinnen - die zudem in der Gunst Lolth´s standen - zu tun. Dagegen waren die drei des Hauses Auvryndar machtlos.
Der schützende Zaun der das Haus umgab, war schon längst unter der Wucht einiger Zauber gefallen.
Und die Sklaven strömten in den Hof.
Bald darauf folgten die Drowkrieger, der nun feindlichen Häuser. Nicht, dass sie je freundlich gesinnt waren.
Der Begriff Freundschaft hatte hier unten keinerlei Bedeutung.
Immer wieder leuchteten unterschiedliche Lichter auf, die je für eine andere ausgelöste Falle und somit für einen anderen Zauber standen. Das Haus Auvryndar war keinesfalls unvorbereitet, jedoch nicht ausreichend, gegen solch eine Übermacht.

Dem ganzen Schauspiel folgte der Blick zweier rot glühender Augen.
Das Haus war dem Untergang geweiht, schon bald würde sich der Großteil der Streitmacht ergeben und sich später den anderen drei Häusern anschließen. Ein Drow entschied sich immer zu Gunsten seiner Selbst.
Er jedoch hatte keine solche Wahl. Ihm stand der Tod bevor.
Calaghar Auvryndar war der Hausmagier und erster Sohn der Mutter Oberin Alyonia, ein Adliger und Adlige wurden getötet, damit das angreifende, in dem Fall die angreifenden Häuser vor der Auslöschung geschützt waren.
Er wandte seinen Blick ab und lies ihn stattdessen über seine Gemächer wandern, um zu sehen ob er alles Notwendige dabei hatte.
Eigentlich sollte er bei der Verteidigung mit helfen, was jedoch aussichtslos war. Wie es jeder wusste.
Ein paar Zauber mehr oder weniger wurden an der Situation nicht das Geringste ändern.
Calaghar hatte andere Pläne.
Schon Tage vor dem Angriff hatte er seine Flucht geplant die er im Trubel des Kampfes durchziehen wollte.
Lolth war nicht seine Göttin, er folgte einem anderen Gott, der sich ihm in einem Traum offenbart hatte.
Generell folgte er anderen Prinzipien, was vielleicht auch der Grund für die Ungunst Lolth´s gegenüber diesem Haus war. Er wusste es nicht.
Auf jeden Fall stand fest, dass er hier verschwinden würde und dies nicht allein.

Leise verließ er seine Gemächer, nur mit einer magisch vergrößerten Tasche, die viele und auch große Dinge fassen konnte - ohne das Gewicht und die Größe der Tasche zu beeinflussen-, seinem Piwafwi (magischer Umhang) und seinem Langschwert, und machte sich auf den Weg zu einem der anderen Räumlichkeiten. Um genau zu sein zu denen seiner Mutter. Unbemerkt gelangte er bis zu der Tür, denn bis hier hin war die feindliche Macht noch lange nicht vorgedrungen.
Genauso unbemerkt verschwand er in dem anschließenden Zimmer.
Lange musste er auch nicht suchen um sein Ziel zu finden.
Wie zu erwarten gewesen befand sich hier nur ein weiteres Lebewesen.
Von weitem sah er die Körperwärme die es ausstrahlte, denn das riesige Zimmer in dem er sich befand war unbeleuchtet.
Weiterhin leise, um nicht doch noch Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, man wusste ja nie, ging er weiter und gelangte schließlich zu dem Tisch auf dem ein Bündel wackelte.
Schnell war er bei seinem kleinen Bruder dessen Augen munter zu ihm aufblitzten.
Alyonia hatte ihn einfach hier gelassen, wie unwichtiger Krempel. Er war ja auch nur männlich und verdiente es nicht beschützt zu werden.
Calaghar lies ein leises Seufzen erklingen.
Überall war es das Gleiche. Er wollte ihm ein solches Schicksal ersparen. In im Sinne seines Gottes erziehen. Dieser würde es akzeptieren, da war er sich sicher.
Die verfluchte Spinnengöttin hinter sich lassen, die er so sehr verachtete, schon solange er denken konnte. Hatte sie ihm doch nur diese Striemen auf dem Rücken eingebracht, ihn gedemütigt, ihn als minderwertig, jedoch anderen Rassen gegenüber wieder als höher gestellt, erachtet. Er hasste dieses ewige Ränkespiel, sehnte sich nach Ruhe und nicht nach einem Dolch in seinem Rücken oder einer Peitsche die ihm die Haut aufriss, wenn er einer Frau widersprach. Er hatte es so satt!
Wut ließ die roten Augen funkeln.
Er wollte die Drow von der Spinnenkönigin befreien. Es gab mehr als die Knechtschaft unter der selbst ernannten Göttin. Er hatte es selbst bei einem „Ausflug" an die Oberfläche gesehen. Das Leben dort oben erschien ihm nicht so schlecht wie es ihm oft genug eingetrichtert wurde. Böse Absichten konnte er bei den „Feenwesen" nicht entdecken, als er sie in ein paar ruhigen Minuten vor dem Angriff beobachtet hatte. Aber was sollte er als Einzelner schon dagegen tun?
Während seines Studiums hatte er sich oft mit Schriften befasst, die von der Oberfläche stammten, nur durch Zufall war er an die Meisten gelangt und hätten seine Mitstudenten oder Meister auch nur geahnt was er tat wenn er allein war ….
Er hatte ein Buch gefunden in dem die Geschichte der Drow aus anderen Blickwinkeln dargestellt wurde. Warum die Dunkelelfen verbannt wurden.
Was er davon glaubte war nicht wirklich klar gewesen bis ihm der höchste der Seldarine erschien. Von da an wusste er was richtig war und was er machen sollte um diesen ewigen Intrigen und der meist bösartigen Handlungen zu entrinnen, die bisher sein Handeln bestimmt hatten. Selbst konnte er nie entscheiden, hatte immer zum Wohle des Hauses gehandelt und die meisten Befehle die er bekam nicht einmal in Frage gestellt.
Selber hätte er nie in betracht gezogen das es dieser Gott war, dem er folgte, der ihn aus seiner Lethargie riss, ihm anderes zeigte.
Aber jetzt war es ein deutlicher Weg, der erleuchtet wurde.
Erleuchtet… das war das richtige Wort. Sein Weg führte ihn an die Oberfläche.
Er schüttelte leicht den Kopf um seine Gedanken zu vertreiben. Später hatte er noch genug Zeit darüber nachzudenken, jetzt wollte er nicht noch mehr Zeit vergeuden.
Calaghar hoffte nur inständig, dass man ihn und seinen Bruder akzeptieren würde, hoffte dass er dem gerade mal ein Jahr alten Dunkelelfen eine bessere Zukunft geben konnte und er wollte einfach nicht glauben, das man von Geburt an so verdorben war wie ein Drow. Er selber bezeichnete sich schon lange nicht mehr so. Er war ein Dunkelelf!
Er nahm das immer noch wackelnde Bündel, zu dem er eine seltsame Verbundenheit empfand und verlies die Gemächer.

Jetzt war schon deutlich der Kampfeslärm, Klingen die Funken sprühend aufeinander schlugen, zu vernehmen, der vorhin nur undeutlich an sein Ohr gedrungen war.
Hoffentlich hatte er nicht zu viel wertvolle Zeit vergeudet, als er seinen Gedanken nachhing.
Leise sprach er einen Zauber den er vorbereitet hatte und der sie beide unsichtbar machen würde - der Piwafwi hatte zwar dahingehend einen gewissen Effekt, der aber nicht vollkommen wirkte- und einen großen Teil der Körperwärme verhüllen würde, so dass man sie kaum von dem umgebenden Stein unterscheiden konnte.
Deutlich spürte er das Kribbeln das vom Kopf ab bis hinab zu seinen Füßen eine leichte Gänsehaut verursachte.
Dann sprach er noch einen Zauber der sie in Stille versinken lies, jedoch konnte er noch alles hören was um ihn geschah.
Er setzte sich wieder in Bewegung, auf dem Weg zu einem geheimen Ausgang, den nur die Aldelsfamilie kannte.
Das Glück war ihm hold, denn bisher war ihm noch niemand über den Weg gelaufen.
Er schalt sich für den Gedanken, denn genau in dem Moment hörte er ein leises Scharren was immer näher kam, das achtbeinige, hüfthohe Haustierchen seiner Mutter rauschte an ihm vorbei, vermutlich auf dem Weg zu ihren Gemächern. Der Hausmagier atmete auf, seine Zauber wirkten, wie er jetzt sicher wusste. Er musste sich beeilen, würde die Spinne, wäre seine Vermutung richtig, sicherlich die Mutter Oberin unterrichten, dass das Bündel, was er im Arm hielt, fehlte und nicht nur das: Seine Spuren würden sicher noch sichtbar sein. Das Vieh besaß eine fremde Intelligenz, was es gefährlich machte.
In dem Moment verfluchte er Menzoberranzahn.
Hätte er ein Portal öffnen können, hätte er nicht diese Probleme, so musste er aus dem abschirmenden Bereich hinaus, bevor er diese Magie anwenden konnte.
Als er sicher war, dass die Spinne weg war betätigte er einen versteckten Schalter in der Wand und verschwand durch einen Spalt, der sich auftat und sich genauso rasch, wie er sich geöffnet hatte, hinter ihm schloss.
Der Weg der sich dahinter auftat fiel steil ab und führte, wie er wusste ein ganzes Stück unter das Anwesen Auvryndar und dann nach Westen, so dass er innerhalb einer Stunde außerhalb von Menzoberranzan war. Wenn alles gut ging musste er nur noch auf die Patrouillen achten die um Menzoberranzan umher schlichen. Dann konnte er sich durch ein Portal an den Ort teleportieren, den er als einzigen von der Oberfläche kannte. Er hatte nur durch Zufall erfahren wie dieser hieß. In den Mondwald würde das Portal führen.

Calaghar sah sich kurz um als er den Geheimgang verließ.
Er konnte keine Spuren erkennen und hoffte auch, dass seine Zauber noch zuverlässig hielten. In seine Fähigkeiten setzte er relativ viel Vertrauen, nur die Aufregung und die Nervosität machten ihm zu schaffen und ließen ihn zweifeln.
Vorsichtig und sich wachsam umsehend ging er weiter. Immer mit dem Gedanken im Kopf, dass er auf eine Patrouille treffen oder auf irgendein anderes Wesen stoßen könnte, was hier unten hauste.
Das Kullern von Steinen ließ ihn inne halten. Er sah in die entsprechende Richtung und blieb wie angewurzelt stehen.
Was machte ein Gedankenschinder hier?
Er fluchte leise. Gegen solch ein Wesen hatte er sich nicht geschützt. Traf man solche
auch nicht oft.
Das Einzige was ihm blieb war die Flucht, und er hoffte, der Gedankenschinder war anderweitig beschäftigt und noch zu weit weg um ihn bemerkt zu haben.
Er strebte in die entgegengesetzte Richtung davon.
„Corellon Larethian schütze mich!", war sein Gedanke. Auf der Oberfläche gab es nicht so gefährliche Lebewesen.
Zumindest hatte er keine gesehen.
Nach seinen „Artgenossen" waren ja auch die Feenwesen die schlimmsten von allen Oberflächenbewohnern.
Nicht darauf achtend wo er eigentlich hin rannte, landete er schließlich in einer Höhle die in einer Sackgasse endete. Kurz sah er sich um, bevor er stehen blieb. Er hatte den gedankenschinder abgehängt, immerhin war er ein ganzes Stück gerannt. Sein Blick wanderte in das Gesicht seines Bruders. Dieser sah ihn direkt an, griff mit seinen kleinen Händchen nach einer Strähne seines hüftlangen, weißen Haares, was offen über seine Schultern hing, um daran zu ziehen.
Dies entlockte dem ehemaligen Hausmagier ein Grinsen.
Er wickelte seinen Bruder so in seine Decke, dass er ihn wie einen Rucksack auf dem Bauch tragen konnte, so hatte er die Hände frei um nach seinen Utensilien zu suchen um ein Portal zu öffnen. Nach seiner Rechnung müsste er weit genug außerhalb Menzoberranzans sein um dies zu bewerkstelligen. An der Oberfläche dürfte es, für die Verhältnisse dort oben, dunkel sein. Der letzte Blick zu Narbondel hatte den Einbruch der Nacht angezeigt, als er verschwand. Er sammelte seine Gedanken und hob erst einmal den Stillezauber auf. Dann konzentrierte er sich und beschwor die Magie für ein Portal.
Es funktionierte. Kurz sah er noch einmal zurück.
Er hoffte es würde das letzte Mal sein, dass er es sah. Niemandem würde er den Aufenthalt in der intriganten Gesellschaft der Drow wünschen.
Calaghar wuschelte seinem kleinen Bruder durch die kurzen Haare und lächelte sanft, dann trat er, ohne noch einen Blick zurück zu werfen, durch das Portal.

Er kniff die Augen zusammen, die schmerzten, der ungewöhnlichen Helligkeit ausgeliefert, aber schnell gewöhnte er sich daran, immerhin hatte er die meisten Studien im Kerzenlicht verbracht.
Langsam öffnete er sie wieder und schloss erst einmal das Portal hinter sich, was zusätzlich ein violettes Licht verströmte.
Zum ersten Mal sah er seinen Bruder im normalen Licht und nicht in der Infrarotsicht.
Er hatte ungewöhnliche Augen.
Ein Hellgrünes und ein Blutrotes. Seine strahlend weißen Haare schimmerten im Licht, was sein silbriger Himmelskörper verströmte.
Der Mond, wie die Oberflächenelfen ihn nannten.
Calaghar sah sich nun um. Um ihn herum befanden sich allerlei Bäume, die er nicht zuordnen konnte. Er drehte sich in jede Richtung und blieb bei einem weit entfernten Licht hängen.
Eine Flamme die durch die Bäume kaum auszumachen war.
Er hielt darauf zu, aber vorher hob er noch den Unsichtbarkeitszauber auf.
Einen falschen Verdacht wollte er nicht erregen, wenn er in mitten von den Elfen auftauchte. Sichtbar war sein Auftreten schon verdächtig genug und er kam in friedlichen Absichten, was für die hiesigen Elfen wohl kaum vorstellbar war.
Er ging einer ungewissen Zukunft entgegen.
„ Hm… mal sehen wie das Alles endet …", nuschelte er in der Handelsprache.
Kurz musterte er das kleine Gesicht seines Bruders.
„Ich würde gern wissen was du davon hältst….Sharrak…"

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Kritik? Immer her damit. :)