Kapitel 4 : Erinnerungen

Malik blieb noch eine ganze Weile verdattert an Ort und Stelle zurück. Was in Allahs Namen hatte sich Altair dabei gedacht?

War der Kerl jetzt vollkommen übergeschnappt? Was ob der Situation, in der sich der Jüngere nun befand... nicht unbedingt verwunderlich war. Aber der Braunhaarige hätte den anderen bei weitem Willensstärker eingeschätzt... nein er war es auch, also hatte er das nicht nur aus irgend einer vergänglichen Laune heraus getan.

Dem musste ganz einfach so sein.

Zumindest redete sich der Rafiq das ein.

Schließlich riss er sich zusammen, er musste dem Ganzen auf den Grund gehen.

Wieso hatte Altair so reagiert? Wegen einer Hochzeit? Malik war schon lange im Alter um eine Frau und genug Kinder zu haben die seinen Lebensunterhalt im Alter verdienten... es war nur Normal... also warum störte es den anderen so... der ebenfalls schon Frau und Kinder haben könnte?

Malik schüttelte den Kopf und nahm nun die Verfolgung des anderen auf.

Was hieß Verfolgung... er wusste wohin Altair gehen würde.

Der nun mehr als untypisch gekleidete Assassine hetzte durch die Straßen von Masyaf. Ohne groß darüber nachzudenken schwang er sich auf den Rücken eines schwarzen Pferdes und preschte davon. Seine Gedanken rasten. Beschäftigt wie er war, bemerkte er kaum wohin er das Tier lenkte auf dem er saß.

Als er sie schließlich in der abgelegnen Gegend wieder fand... vor einer kleinen, windschiefen, beinahe auseinander fallenden Hütte... stutzte er einen Moment. Hier war er ewig nicht gewesen, aber jetzt kam es ihm ganz gelegen.

Das Rauschen des Flusses drang an sein Ohr und das Rascheln der Bäume im Wind.

Die Hütte war gut vor neugierigen Blicken verborgen, da sie sich geschützt in einen kleinen Hain schmiegte. Er band das Pferd an einen der Bäume und ließ es in Ruhe das spärliche Gras hier bekauen. Langsam näherte er sich der Hütte und öffnete die schief in den Angeln hängende Tür die unter der unerwarteten Bewegung nachgab und nach innen fiel.

Unweigerlich musste der Braunhaarige lächeln. Es war wirklich lange her.

Vorsichtig betrat er das baufällige, unscheinbare "Gebäude" und sah sich um. In einer Ecke lagen noch immer die Decken und Kissen, die er früher immer zum schlafen genutzt hatte, wenn er die schnauzte voll vom dem Trubel in Masyaf hatte und einfach nur noch seine Ruhe haben wollte. Allerdings waren sie mehr als staubig, nah daran zu zerfallen und auch von Ungeziefer zerfressen, nichts wirklich Einladendes. Altair verließ die Hütte und trat nach draußen in die Sonne.

Wieder drang ihm das Rauschen des Flusses an die Ohren und er beschloss sich den Staub und den Dreck vom Stall abzuwaschen.

Er konnte nicht schwimmen, aber er wusste, dass hier das Ufer des Gewässers seicht war und, dass das flache Ufer auch ein paar Meter in den Fluss hineinragte. Er tätschelte im vorbeigehen kurz das Pferd was schnaubend den Kopf neigte. Dann schlug sich der Assassine durch das am Ufer dichtere Unterholz und trat hinauf auf den groben, weißen Sand der den Fluss in einem schmalen Streifen säumte und sich heiß durch die Schuhe anfühlte.

Der Braunhaarige zog sich die Schmutzige Kleidung aus und trat dann an den Fluss heran, das Wasser war im Gegensatz zum heißen Sand eiskalt, der Fluss wurde von einem Bergsee gespeist, weswegen er das ganze Jahr über kalt war.

Altair trat nackt in das immer etwas tiefer werdende Wasser und als er bis zu den Oberschenkeln im Wasser stand begann er sich zu waschen.

Es war erfrischend und nach einiger Zeit hatte er sich an die eisigen Temperaturen gewöhnt.

Malik war dem Jüngeren schnell gefolgt, er hatte sich ebenfalls ein Pferd genommen und war einige Minuten nach Altair angekommen.

Er band das Pferd neben dem des Anderen an.
Sein Verdacht hatte sich bestätigt. Der Ältere lächelte vor sich hin. Altair war doch irgendwo berechenbar, zumindest wenn man ihn etwas näher kannte.

Allerdings fand er den anderen auch in der Hütte nicht vor, aber deutlich Fußabdrücke waren zu erkennen.

Malik ging schließlich den Spuren nach, die der Andere hinterlassen hatte und landete schließlich am Ufer des Flusses.

Und was er da sah ließ ihn innehalten.

Altair, nackt im Wasser. Die Wassertropfen glitzerten auf der vernarbten Haut des Jüngeren.

Kräftige Muskeln, die von straffer Haut überspannt waren und sich anspannten und entspannten bei jeder Bewegung die er tat.

Das war ein Anblick für sich.

Malik hatte den Anderen schon mehrmals nackt gesehen, doch das jetzt berührte etwas in ihn, was vorher noch nicht da gewesen war.

Dem war er sich sicher.

Nachdem sich Altair die Haare noch schnell gewaschen hatte, wie das so ohne reinigende Seife eben zu bewerkstelligen war, drehte er sich um und das erste was er sah war Malik der wie angewurzelt dastand und ihn anstarrte.

Der Nackte runzelte die Stirn. Gut der Ort war kein Geheimnis, zumindest nicht für Malik, der diesen Ort früher auch genutzt hatte, oft hatten sie auch zusammen gebadet... und sich unterhalten, aber meistens hatten sie hier zusammen trainiert, besonders dann, wenn Altair den Ansprüchen Al Mualims nicht gerecht geworden war, hatten sie bis zum umfallen geübt und Malik hatte sich immer freiwillig zur Verfügung gestellt. Abgesehen davon war Malik auch der einzige Freund gewesen, den der Braunhaarige hatte... gehabt hatte und jetzt hatte er es hoffentlich nicht versaut...

Es war eine ganze Zeit her gewesen, dass die beiden sich gesehen hatten.

Malik war als Novize sehr beschäftigt damit den vielen Aufträgen nachzukommen, die ihm aufgetragen wurden. Oft war er Tage-, wenn nicht gar Wochenlang unterwegs um den Anforderungen gerecht zu werden, die es zu erfüllen galt, wenn er je ein vollwertiger Assassine werden wollte.

Altair wat nun ebenfalls Novize, jedoch noch mitten in der Erstausbildung. Oft musste er noch immer Stallarbeiten erledigen, aber nun hatte er wenigstens ordentliches Training.

Seine Begabung kam schnell ans Licht und bald schon hatte Al Mualim ihn höchstpersönlich ins Training genommen.

Der Braunhaarige befand sich am Ufer eines vom Schmelzwassers angeschwollenen Flusses der nun mehr ein reißender Strom war.

Über den Fluss spannte sich eine alte hölzerne Brücke, die nicht mehr begehbar war. Nur einzelne Pfosten ragten aus den tosenden Strömungen.

Sein Meister stand am Ufer und gab dem jungen Novizen Anweisungen. Dieser sollte so schnell wie nur möglich den Strom über die Überreste der Brücke überqueren und wieder zurück kommen.

Der Junge nickte nur und schluckte.

Schließlich nahm er sich zusammen und sprang auf den ersten Pfosten, schnell folgten ein paar weitere.

Allerdings wurde er durch das Auftauchen eines anderen Novizen abgelenkt der bei Al Mualim zum Halt kam und hastig auf den Meisterassassinen einredete. Offenbar gab es Probleme.

Altair wollte gerade umdrehen, als schließlich der morsche Pfosten unter ihm brach, er reagierte schnell sprang auf den nächsten aus dem Wasser ragenden Pfahl, der jedoch glitschig von der aufsprühenden Gischt war und er rutschte ab und fiel in den reißenden Strom.

Er wurde unter die Oberfläche gerissen, schluckte Wasser und wurde davon gespült.

Plötzlich wurde um ihn herum alles schwarz, als er mit dem Kopf gegen einen sich im Wasser befindlichen Felsen knallte.

Malik, der das alles in einem Schockmoment mit angesehen hatte reagierte sofort, er rannte am Ufer entlang so schnell ihn seine Beine trugen, dabei bedacht die nun reglose Gestalt die im Wasser trieb nicht zu verlieren.

Die Nachricht die er Al Mualim überbracht hatte war nun mehr als nebensächlich.

Sein Herz pumpte sein Blut durch die Adern, während er versuchte noch schneller zu werden.

Schließlich erblickte er etwas, das die Rettung sein könnte.

Der Fluss machte einen scharfen Knick und am Ufer beugte sich eine alte Weide über das Wasser, Malik sprang den Baum hinauf und versuchte den jungen Novizen zu packen, der dank der Flussbiegung etwas langsamer geworden zu sein schien.

Schließlich fasste er das durchnässte, braune Gewand und strengte sich an Altair aus dem Wasser zu ziehen, was ihm nach einen mehrminütigen Kampf mit dem schnell fließenden Wasser zum Glück auch gelang.

Altair kam Wasser spuckend wieder zur Besinnung.

Nach einigem Blinzeln erkannte er Malik über sich der ihn breit angrinste.

"Junge, wenn du mich nicht hättest, wärst du auf einem Auge blind und jetzt beinahe ertrunken...", nuschelte er eher erleichtert, als vorwurfsvoll.

Er verdanke Malik sein Leben, zweimal... und wie dankte er es dem Älteren, indem er sich seinen Ratschlägen widersetzte und somit verantwortlich für Kadars Tod war und dafür, das Malik jetzt nur noch einen Arm hatte... und verdammt er sah in dem Mann mehr als nur einen Freund.

Altair schüttelte den Gedanke beiseite...

"Warum bist du hier?", fragte er unbeteiligt und schämte sich nicht seiner Nacktheit, ruhig ging er wieder aus dem Wasser, nahm sich seine Hose und schüttelte das Stroh ab was sich noch immer daran befand.

Dann zog er sie sich über. Er hatte absichtlich in die Du-Form gewechselt. Sie waren allein... und sie waren mehr oder minder Freunde. Er schüttelte leicht den Kopf.

"Es tut mir leid.", er wandet sich von dem Anderen ab und hob seine anderen Sachen auf und ging stur an dem Älteren vorbei.

"Geh wieder nach Jerusalem."
"Nein, ich habe hier noch etwas zu erledigen!", meinte er und ein kleines Grinsen zeichnete sich in Maliks Gesicht ab, als er den Jüngeren am Arm festhielt.

Die Furchen in Altairs Stirn wurden tiefer und er spürte den Griff des Älteren überdeutlich. "Was...?" Damit hatte er nun nicht gerechnet...

Malik sah die Verwirrung im Gesicht des anderen.

"Du hast doch damit begonnen... bist mir in Jerusalem gefolgt..."

Dem Älteren war nun klar, weswegen der Andere es getan hatte.

"Du hast gesehen, wie mich die junge Frau angesehen hat, wie ihr Vater mich gebeten hat sie zu heiraten."

"Du bist schlicht und ergreifend eifersüchtig!", vielleicht sogar mehr als das, schlussfolgerte der Rafiq. Es amüsierte ihn, das der Ibn-la-Ahad solche Züge offenbarte. Allerdings auf eine positive Art und Weise.

Er mochte den anderen, als Freund. Aber konnte er sich auch mehr darunter vorstellen?

Besonders... da diese "Art der Liebe" nicht gebilligt wurde.

Aber der Kuss... hatte ihn verwirrt, als er ihm gefolgt war, war ihm aber auch klar geworden, dass es ihm auch irgendwo gefallen hatte. Die Lippen des anderen auf den seinen zu spüren, hatte ein Kribbeln in ihm ausgelöst, dass er nicht leugnen konnte.

Alatir riss sich aus dem festen Griff des anderen los und schüttelte den Kopf.

"Das bildest du dir ein.", zischte er, obwohl er genau wusste, dass Malik recht hatte!

Dann striff er sich sein Oberteil über und stapfte durch das Gestrüpp wieder auf den kleinen freien Platz vor der Hütte.

Er war im Begriff die Zügel des grasenden Pferdes von dem Baum abzubinden, als er von hinten gepackt wurde, gegen den nächsten Baum gedrückt wurde und die entschlossenen dunklen Augen Maliks blickte, der ihn eisern festhielt...

"Was ist?", fragte nun Alatir betont ruhig.

"Du elender Narr!", erwiderte der Ältere und küsste ihn nun seinerseits. Diesmal zog sich der Kuss in die Länge, bis auch Altair ihn erwiderte.

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