Vor dem Spiel

Tess Carlisle saß aufrecht und mit erhobenem Haupt auf dem gepolstertem Besucherstuhl und beobachtete Henry Pope, den Direktor des Level fünf Fox River in Illinois, dabei wie er ihre Akte durch seine Lesebrille hindurch interessiert beäugte.
Sie wurde das Gefühl nicht los, dass ihm an dem Dokument etwas missfiel, denn er legte immer wieder kaum merklich die Stirn in Falten und seine Augen huschten kurz über den Rand der Brille hinweg um sie zu mustern. Sie begann langsam zu schwitzen, schlug ihre Beine übereinander und zwang sich dazu ihre Hände gefaltet in ihrem Schoß zu behalten.
Die junge Frau mit den langen blonden Haaren schluckte um ihr Unbehagen zu verbergen und sah am Direktor und dessen gerunzelter Stirn vorbei zu den vergitterten Fenstern, gegen die lautstark der Starkregen prasselte und dadurch die Stille des Raumes mit einem angenehmen Plätschern füllte. Tess sah ihr leicht verzerrtes Spiegelbild inmitten des beleuchteten Raumes, der sich in den Fenstern spiegelte, eine unfertige Miniatur des Taj Mahal direkt hinter sich, und strich sich langsam eine Haarsträhne hinters Ohr. Sie blinzelte, atmete gleichmäßig und wartete.
Direktor Pope räusperte sich schließlich, legte seine Lesebrille und ihre aufgeschlagene Akte beiseite und lehnte sich in seinem schicken dunkelbraunen Bürosessel mit der hohen Rückenlehne zurück. Die Hände hatte der ältere, korpulente Herr mit dem Oberlippenbart auf die Armlehnen gelegt und trommelte mit den Fingern beinahe ungeduldig auf das dunkle Holz, während er sie weiterhin überlegend, beinahe ungläubig ansah. Er überdachte seine Entscheidung, und dies gefiel Tess überhaupt nicht. Jetzt war endlich die Stunde der Wahrheit gekommen, und es konnte sich ebenso zum Schlechten wie zum Guten wenden.
Nerven zerreißend langsam lehnte er sich nach vorn, blätterte ihre Akte kurz eine Seite weiter und schließlich wieder zurück.
„Verstehen sie mich bitte nicht falsch, Miss Carlisle", begann der Direktor endlich und seine Führungsposition hallte deutlich im Klang seiner Stimme wider. „Ihr Lebenslauf ist beeindruckend."
„Danke, Sir", fühlte sie sich genötigt zu sagen, da er eine kleine Pause ließ, und hob ihre Mundwinkel leicht in die Höhe.
„Trotz Ihres jungen Alters zählten bereits namhafte Institute zu Ihren Arbeitgebern. Institute, die Ihre Mitbewerber nicht einmal in einhundert Jahren von Innen sehen würden." Pope blätterte erneut eine Seite weiter und maß den letzten Eintrag mit Blicken. „Zuletzt das Federal Bureau of Investigation." Tess musste grinsen. Ja, das FBI zog irgendwie immer. „Ihre Arbeitszeugnisse sind ebenfalls vortrefflich. Deswegen erlauben Sie mir die Frage, was Sie dazu veranlasst sich bei uns als Justizvollzugbeamter zu bewerben, Special Agent Carlisle."
Nun ja, das mit dem Special Agent stimmte nicht ganz. Nicht mehr. Aber sie würde den Direktor nicht korrigieren. Stattdessen stellte sie beide Füße in den schwarzen Pumps nebeneinander auf den feinen Teppichboden, strich sich ihr perfekt sitzendes Kostüm glatt und lächelte Pope aufrichtig an.
„Es hat persönliche Gründe", sagte sie schlicht und ihr Gegenüber auf der anderen Schreibtischseite zog eine Augenbraue nach oben. Eine Geste, die sie befremdlich fand, und doch sprach sie unbeirrt weiter. „Mein Vater, mein Onkel, sogar mein Neffe waren oder sind Wärter in Strafvollzuganstalten von hier bis San Francisco. Es liegt so gesehen in der Familie, dass wir früher oder später alle im Gefängnis landen."
Pope sah sie ausdruckslos an und schien bemerkt zu haben, dass sie nicht wirklich geantwortet hatte. Es war sowieso eine Lüge gewesen, spielte aber keine Rolle. Sie brauchte diese Zusage. Scheiße, sie hatte nicht einmal einen Neffen. Also setzte sie auf die Waffen der Frauen, zeigte lächelnd ihre weißen Zähne und bedachte ihn mit einem Augenaufschlag der sogar Elton John sofort auf die Seite der Heterosexuellen gezogen hätte. Angespannte drei Sekunden lang passierte nichts, außer dass Pope sie mit leicht geöffnetem Mund ansah, als wäre sie die gute Fee die ihm gleich all seine Wünsche erfüllen würde.
Letztendlich blinzelte er, räusperte sich und sein Blick fokussierte sich auf seiner Schreibtischunterlage. Vermutlich war da gerade jemand aus dem Reich der Träume wiedergekehrt. Tess beobachtete wie er nach seiner goldenen Schreibfeder griff und daran herum nestelte.
„Sie erinnern mich an jemanden", gab er offen zu und brachte Tess damit zum Stutzen.
„Sir?"
„An eine alte Bekannte. Sie sind nicht zufällig mit den Holdens aus Wisconsin verwandt?"
Tess' freundliche Fassade bröckelte, als sie sich den Erinnerungen des Direktors gegenüber sah. Sie wollte, dass das hier endlich ein Ende fand. Möglichst bevor die Sonne implodierte.
„Nein, Sir", antwortete sie demnach wahrheitsgetreu. „Tut mir sehr leid."
Es vergingen weitere Sekunden, in denen sie sich fragte, ob der Direktor vielleicht vergessen hatte, dass sie auch noch anwesend war. Dann stand er plötzlich auf und sein Sessel rollte einen guten Meter nach hinten. Sie beeilte sich, sich ebenfalls zu erheben, als er ihr seine Hand über den Eichentisch entgegen streckte. Tess schüttelte sie, nicht wissend was sein Verhalten zu bedeuten hatte und bemerkte, dass er etwa einen halben Kopf größer war als sie.
„Willkommen im Fox River Staatsgefängnis, Officer Carlisle."
Tess' Augen glitzerten, als sie seine Hand fester packte und ihr Herz einen Sprung machte. Die erste Hürde war gemeistert.
„Danke, Sir."

~ Ende des Prologs ~