Das Ende alles Bösen

Das ist mein erster Kamikaze-Kaito-Jeanne-Fanfic. Er spielt ungefähr 15 Jahre nach Fynns Wiedergeburt als Marrons Tochter Natsuki. So ziemlich alle Charaktere aus den Mangas kommen vor, aber speziell geht es um Natsuki und Shinji. Die Charaktere gehören leider, leider nicht mir, sondern Arina Tanemura und ihrem Verlag (vielleicht kann ich sie ihr ja abschwatzen, dann veröffentliche ich das hier bald als Manga!). Lest und sagt, was ihr davon haltet. Viel Spaß.

Kapitel 1: Einseitige Gefühle

„Mutter!", rief Shinji Minazuki und zog sich rasch an. Es war schon ziemlich spät. „Ist mein Essen fertig? Ich muss los!"

Miyako seufzte. Warum versuchte es dieser unmögliche Junge nur jeden Tag wieder? Er wusste doch genau, was ihn erwartete. Anderseits, überlegte sie und schmunzelte, musste sich Yamato bei mir auch ziemlich anstrengen. Aber das war nichts gegen Shinjis Qualen.

„Gleich", beruhigte sie ihn und schnürte sein Lunchpaket zusammen. „Sie wird ja doch wieder ohne dich gehen, also hast du noch massig Zeit."

„Nein, heute erwische ich sie!", beharrte der Junge und stapfte zurück in die Küche. Sein Blick war sehr entschlossen, aber das war jeden Tag so. „Diesmal schaffe ich es!"

Miyakos Blick war mitleidig, als sie ihm seine Mahlzeit für die Schule übergab. Sie wusste, dass Reden bei ihm zwecklos war. „Sag mal, willst du dich nicht vielleicht einmal bei den anderen Mädchen umsehen, Shinji?", fragte sie behutsam. „Sie ist nicht das einzige weibliche Wesen auf der Welt..."

„Nein! Ich will nur sie, Mutter! Keine andere!"

Sie seufzte erneut. Das hatte sie geahnt. „Na, dann lauf. Bald wird sie zum Bus gehen. Schönen Tag."

„Weiß ich und danke." Shinji hatte sein Lunchpaket bereits eingepackt und rannte zur Haustür. Miyako verdrehte die Augen. In genau zehn Sekunden würde er bei den Nachbarn läuten und darauf warten, eine Abfuhr erteilt zu bekommen. Sie wunderte sich zwar manchmal, warum Marron und Chiaki das ohne Kommentar zuließen, die beiden mussten Shinji früher wirklich sehr gemocht haben. Als Schwarzengel „Access Time"...

Anfangs hatte sie es nicht glauben wollen, dass ihr kleiner Junge, der oft genug auch frech und ziemlich unfolgsam war, in seinem früheren Leben ein Engel gewesen war, der Marrons und Chiakis Tochter Natsuki, ebenfalls ein Engel, geliebt hatte. Aber bei der Vergangenheit, die ihre beste Freundin und ihr Mann teilten, dürfte sie eigentlich gar nichts mehr wundern. Sie würde wohl nie begreifen, was damals geschehen war, als die beiden Engel mit Marron und Chiaki verschwunden waren. Als der Junge und das Mädchen schließlich zurückgekehrt waren, waren sie seltsam traurig und glücklich zugleich gewesen. Sie hatten niemals gesagt, wo sie gewesen waren oder was sie gemacht hatten, nur, dass Access Time und Fynn Fish nicht mehr existierten. Und dass Kaito Jeanne und Kaito Sindbad nie mehr auftauchen würden. Darüber war sie sehr froh gewesen.

Einige Jahre später, als Shinji dann geboren wurde, waren die beiden wieder sehr seltsam gewesen, hatten aber nichts gesagt, und da sie sich beide gut mit dem Kleinen verstanden, hatte Miyako es auch schnell beiseite geschoben. Sie und Yamato waren an den Rand der Stadt gezogen, Chiaki und Marron nach einer Weile auch und das Leben war seinen Lauf gegangen. Bis Natsuki geboren wurde.

Als Shinji die Kleine zum ersten Mal sah, direkt nach ihrer Geburt, hatte er sie mit „Fynn" angesprochen, aber Miyako hatte nicht darauf geachtet, weil sie im nächsten Moment das wohl unmöglichste Erlebnis in ihrem Leben sah: Der vierjährige Junge hatte dem Neugeborenen einen Heiratsantrag gemacht! Noch heute musste sie grinsen, wenn sie daran dachte. Sie hatte es als Laune abgetan. Damals.

Aber als diese Laune jahrelang nicht abklang, hatte sie darauf bestanden, dass Chiaki und Marron ihr die Wahrheit sagten. Die beiden waren sehr ernst gewesen und hatten es zuerst mit Ausflüchten versucht, sie würde das nicht glauben, doch sie war hart geblieben. Zuletzt hatten sie es gestanden, aber erst, als sie Marron an ihr Versprechen erinnerte, ihrer Freundin immer die Wahrheit zu sagen. Shinji und Natsuki waren die beiden Engel, die Kaito Jeanne und Kaito Sindbad immer begleitet hatten, Fynn Fish und Access Time. Beide waren wiedergeboren worden, Access mit der Erinnerung an sein früheres Leben und damit an seine Liebe zu Fynn, diese jedoch wusste nichts mehr davon.

Sie hatte Yamato niemals etwas davon erzählt. Er wusste nicht, wer Jeanne und Sindbad waren und dabei sollte es auch bleiben. Sie wusste, dass er nicht schlecht von Marron und Chiaki denken würde, aber er war nun mal Geschäftsmann und würde diese Geschichten sicher noch schwerer akzeptieren können als sie selbst. Ihr kleiner Junge... ein Engel? Schwer vorstellbar, auch wenn Chiaki ihr grinsend versichert hatte, dass Access so gut wie nichts mit dem Klischee-Engel zu tun gehabt hatte.

Während sie das Frühstück für Yamato und sie selbst auftrug, erinnerte sie sich daran, wie Shinji und Natsuki aufgewachsen waren. Es hatte den Jungen schier zur Verzweiflung getrieben, dass das vier Jahre jüngere Mädchen sich nicht an ihre gemeinsame Zeit erinnern konnte. Er hatte es ihr niemals erzählt, in diesem Punkt waren Chiaki und vor allem Marron sehr bestimmt gewesen, aber er hatte ansonsten alles versucht, um ihr zu gefallen. Leider war diese Fürsorge bei seiner Angebeteten nicht auf fruchtbaren Boden gefallen.

Anfangs schien es Natsuki zwar zu gefallen, aber als sie älter wurde, empfand sie Shinjis Gegenwart immer einengender. Eines Tages sagte sie ihm klipp und klar, er solle ihr nicht überall hin folgen und schlug ihm die Tür vor der Nase zu. Daraufhin war er zwei Tage lang nicht aus seinem Zimmer herausgekommen. Erst als Miyako Natsuki davon erzählt hatte und diese bei ihm geklopft hatte, war er herausgekommen. Sofort hatte er sie umarmen wollen, aber sie hatte ihm eine Ohrfeige gegeben und ihm zugebrüllt, sie habe das nur für Miyako getan. Aber auf irgendeine seltsame Art hatte sich der Junge sogar über die Ohrfeige gefreut!

„Und so ist es immer noch", murmelte sie, während sie die Milch aufwärmte und den Kaffee zubereitete. „Er kommt einfach nicht von ihr los." Vor ein paar Wochen war er auf die Idee verfallen, Natsuki jeden Tag zum Schulbus zu begleiten, was sie zum Anlass nahm, früher aufzustehen und zu laufen. Seitdem lieferten sie sich einen erbarmungslosen Wettstreit, dessen Leidtragende Marron und sie waren, die immer früher aufstehen mussten.

„Wer kommt nicht von wem los, Schatz?"

„Guten Morgen, Yamato", begrüßte sie ihren Ehemann strahlend. „Hast du gut geschlafen?"

„Besser als du, denke ich", entgegnete dieser und nahm ihr den Kaffee ab. „Ich musste immerhin nicht in aller Herrgottsfrühe aufstehen. Langsam glaube ich, wir sollten Shinji über Nacht in seinem Zimmer einschließen und erst pünktlich zur Busfahrt rauslassen."

„Du weißt doch, wie viel ihm Natsuki bedeutet", meinte Miyako und gähnte kurz. Sie war tatsächlich noch müde. Wenn Yamato bei der Arbeit war, musste sie sich noch einmal hinlegen. „Es ist ihm einfach nicht auszureden."

„Wenn du willst, rede ich mal ein ernsteres Wort mit ihm", bot ihr Mann besorgt an. „Ich kann schließlich nicht erlauben, dass du wegen seiner Launen irgendwann umkippst."

„Danke." Miyako lächelte Yamato an und gab ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange. „Das ist nicht nötig. Ich schaffe das schon. Wer früher auf Verbrecherjagd gegangen ist, lässt sich doch nicht von einem liebeskranken Jungen in die Knie zwingen!"

„Wenn ich wählen könnte, wären mir die Verbrecher lieber. Die wecken dich wenigstens nicht auf, wenn sie uns ausrauben."

„Ach, du!" Miyako lachte und schlug Yamato spielerisch auf den Hinterkopf. „Du wirst wohl auch nicht erwachsen, wie? Und dabei wolltest du früher immer so ernst sein wie ein Erwachsener."

„Stimmt." Yamato biss von seinem Toast ab. „Das waren noch Zeiten, was? Aber damals hast du mich fester geschlagen als jetzt."

„Heute musst du auch das Geld nach Hause bringen. Da kann ich dich nicht einfach zusammenschlagen." Sie setzte sich an den Tisch und trank etwas Kaffee. Mit einem Mal wurde sie ernst. „Aber irgendwann muss er sich damit abfinden, dass Natsuki etwas Abstand braucht."

„Finde ich auch", stimmte Yamato zu, während er den zweiten Toast schmierte. „Wenn er ihr derart auf die Pelle rückt, wird er sie nie erobern. Er sollte ihr etwas mehr Freiraum lassen. Glaubst du, irgendwann wird etwas aus den beiden werden?"

„Vielleicht", stimmte Miyako zu und in ihrem Geist formte sich das Bild der beiden Kinder, die sich umarmten. Und plötzlich wuchsen ihnen Flügel aus dem Rücken. Sie lächelte. „Ich finde, sie passen sehr gut zusammen."

Yamato sah auf die Uhr. „Na ja, wie dem auch sei, ich muss los. Wir haben heute einen wichtigen Termin bei einem Kunden." Er stand auf und packte seine Jacke und seinen Aktenkoffer. „Bis heute Abend, Schatz. Spann etwas aus, ja?"

„Mach ich. Und du, sorg dafür, dass der Rubel fließt, sonst muss ich wieder so rabiat wie früher werden!"

Der braunhaarige Mann lachte und gab ihr einen Kuss. „Ich werde mich bemühen." Dann rannte er wie Shinji zur Tür. Miyako trank ihre Kaffeetasse leer. Wer hätte wohl vor ein paar Jahren gedacht, dass sie und Yamato heiraten würden? Sie selbst wohl am allerwenigsten. Aber auch wenn sie Chiaki noch immer sehr mochte, musste sie doch zugeben, dass er und Marron das perfekte Paar waren. Und Yamato war auch nicht mehr der schüchterne Klassenstreber von früher. Wenn sie ehrlich war, hätte sie es wohl kaum besser treffen können. Sie stand auf und hob die Teller auf. Sollten sich andere mit ihren beiden Männern herumschlagen, sie würde jetzt den verdienten Schlaf nachholen.

Shinji klingelte Sturm und ließ der Türglocke kaum einen Moment zum Verschnaufen. Seine Lider waren zwar schwer wie Blei, aber das wäre es ihm wert, wenn er Fy... nein, Natsuki endlich begleiten könnte. Denn auch, wenn sie es nicht wollte, hatten sie beide doch in etwa denselben Schulweg. Sie hatte also keine Möglichkeit, ihm zu entkommen.

Noch einmal presste er den Daumen an die Klingel, als er endlich hörte, wie die Tür aufgeschlossen wurde. Als das Gesicht im Türrahmen erschien, glaubte er im ersten Moment, es wäre Natsuki, aber dann erkannte er Marrons ziemlich verschlafenen Züge. Obwohl sie schon beinahe vierzig war, fiel ihr langes Haar noch immer in Wellen über ihre Schultern. Sie hatte seit dem Teenageralter natürlich etwas zugenommen, aber das stand ihr keineswegs schlecht. Und ihr Gesichtsausdruck war noch genauso gütig und vollkommen, wenn sie ihn anlächelte. Er konnte sich gut vorstellen, dass Gott sich in dieses Lächeln verliebt hatte. Aber heute gelang ihr das nicht ganz.

„Morgen, Shinji", meinte sie und gähnte mit vorgehaltener Hand. „Heute also noch eine halbe Stunde früher, wie?"

„Tut mir Leid", entschuldigte sich der, aber seine Augen glühten erwartungsvoll. „Ist Natsuki noch da?"

Marron zog den Morgenmantel etwas fester um ihre Schultern, da der Morgen ziemlich frisch war. Nun, immerhin machte sie das etwas wacher. „Nein, da bist du leider umsonst gekommen. Ich habe leider vergessen, dich gestern noch anzurufen." Sie schnitt eine Grimasse. „Damit habe ich mich wohl selbst um den Schlaf gebracht. Natsuki hat heute bei Yumemi und Seijuro übernachtet."

Shinjis Gesicht wurde von unsichtbaren Bleigewichten gen Boden gezogen. „Aber..."

„Es tut mir Leid, Shinji, aber so ist es nun mal", entgegnete Marron. „Wenn ich dir einen Rat geben darf: Komm in den nächsten Tagen nicht mehr so früh. Chiaki war schon gestern fuchsteufelswild und das bessert sich bestimmt nicht, wenn du ihn jeden Morgen so früh weckst."

Shinji biss sich auf die Lippen, als er fühlte, dass seine Augen feucht wurden.

„Bist du das schon wieder, Shinji?", rief eine verärgerte Stimme aus dem ersten Stock des Hauses herunter. „Natürlich, wer sonst? Hör mal, wenn du uns noch EINMAL so früh aufsuchst, dann mache ich dir nie wieder Pfannkuchen! Du scheinst das nicht zu wissen, aber ein Mensch braucht ein gewisses Pensum an Schlaf!"

„Siehst du?", fragte Marron lächelnd. „Das meine ich."

„Aber es tut weh", klagte Shinji in Ermangelung eines besseren Ausdrucks. Nun waren seine Augen wirklich feucht. „Ich liebe sie schon seit unserem letzten Leben. Ich kann es nicht ertragen, sie jeden Tag zu sehen, ohne dass sie mich erkennt. Aber noch weniger könnte ich ein Leben ohne sie ertragen."

Marron tupfte dem Jungen die Tränen von den Wangen weg. „Du solltest dich eine Weile von Natsuki fernhalten, Shinji", empfahl sie. „So schwer es dir auch fällt. Aber wenn du sie mit deiner Gegenwart erdrückst, wird sie nie erkennen, was sie an dir findet."

Der Junge schluckte und nickte. „Bitte... richte Chiaki meine Entschuldigung aus. Ich werde euch nicht mehr belästigen."

„Du belästigst uns nicht, Shinji. Du bist uns jederzeit willkommen,... solange dieses jederzeit nach dem Frühmorgen ist. Ich bin ganz sicher, dass Natsuki dich liebt, auf ihre Weise."

Shinji nickte wieder und drehte sich um. Als er wegging, waren seine Schultern gebeugt. Marron beobachtete ihn sorgenvoll. Dass Natsuki nichts von ihrer gemeinsamen Vergangenheit wusste, belastete den wiedergeborenen Access Time schwer. Sie hoffte, dass Natsuki genug von Fynn in sich hatte, um sich irgendwann in ihn zu verlieben. Niemand hatte es verdient, so zu leiden.

„Ist er endlich weg?", fragte eine brummige Stimme hinter ihr, während sich ihr wohlbekannte Arme auf die Schultern legten.

„Nein, grade gegangen", antwortete sie, immer noch dem verschwindenden Shinji nachsehend. „Er lässt dir seine Entschuldigung ausrichten."

„Das sollte er auch!" Chiaki schnaubte. „Seit meiner Arztprüfung hab ich nicht mehr so wenig Schlaf bekommen!"

„Sei nicht so streng mit ihm", meinte Marron und drehte sich zu ihrem Mann um. Ihre schönen, großen Augen blickten ihn nachdenklich an. „Du müsstest doch eigentlich am Besten verstehen können, wie er sich fühlt. Schließlich musstest du ja auch lange darauf warten, bis ich zugegeben habe, dass ich dich liebe."

Chiaki lächelte warm, auch wenn seine Augen von dunklen Ringen unterlegt waren. Obwohl sie beide schon auf die Vierzig zugingen, sahen sie keineswegs schlecht aus. Chiakis freche Gesichtszüge waren einer erwachsenen Miene gewichen und sein Körperbau konnte sich durchaus mit jüngeren Männern messen. Die blauen Haare, welche nun einige silbergraue Streifen enthielten, was ihm aber gut stand, waren ziemlich zerzaust. Und in dem zerknitterten Hemd und der Trainingshose, die er trug, sah er einfach verführerisch aus. Manchmal fragte sich Marron, ob dieses Aussehen vielleicht auch ein wenig Hilfe von oben bekam.

„Na schön, verzeihen wir ihm noch einmal. Aber ich hoffe für ihn, dass er es morgen nicht noch mal versucht!"

„Ach, komm schon", schnurrte Marron und schlang spielerisch ihre Arme um ihn. „Gib doch zu, dass er dich an dich selbst erinnert. Du bist auch nicht grade ein Ausbund an Schüchternheit gewesen, damals!"

„Damals? Das hört sich so elend lang an!" Er runzelte geschauspielert die Stirn. „Dabei könnte ich schwören, dass du dich überhaupt nicht verändert hast seit... damals."

„Ach, du!", rief Marron lachend und drückte sich an ihn. Sie genoss dieses Gefühl, die Nähe seines Körpers genauso wie die wärmende Berührung seiner Liebe zu ihr. „So jung bin ich nun wirklich nicht mehr! Aber wer weiß... es zahlt sich ja doch aus, wenn man Gott persönlich kennt."

„Er soll sich da bloß raushalten!", verkündete Chiaki. Der wiedergeborene Adam schob seine Eva etwas von sich und sah sie fest an. „Ich lasse nicht zu, dass irgendjemand dich mir streitig macht! Nicht einmal er!"

„Oh, mein großer Beschützer wird eifersüchtig!" Marron kicherte. „Vielleicht sollte ich im Himmel einmal einen Besuch machen, damit du mich von dort entführen kannst!"

Auf Chiakis nächste Aktion war sie nicht gefasst gewesen, auch wenn sie es an seinem hinterlistigen Grinsen hätte merken können. Plötzlich verloren ihre Füße den Kontakt zum Boden und als sie nach hinten fiel, fing ein starker Arm ihre Sturz ab, während ein anderer ihre Beine hochhob. Sie kreischte amüsiert und schlang ihre Arme um Chiakis Hals, während dieser sie zur Treppe trug.

„Chiaki!", lachte sie. „Du bist ein alter Kindskopf!"

„Das „alt" will ich überhört haben!", entgegnete er und trug sie die Treppe hoch, direkt ins Schlafzimmer. „Ich werde dir gleich zeigen, dass ich noch rüstig genug für dich bin!" Damit setzte er seine Frau sanft auf ihrem Bett ab und legte sich neben sie. „Schließlich kommt es nicht alle Tage vor, dass ich einen freien Tag habe und Natsuki irgendwo anders ist."

Marron ließ sich zurücksinken, als er seinen Mund auf ihren drückte und schloss die Augen. In den nächsten beiden Minuten hielt es keiner der beiden für nötig zu sprechen.

„Natsuki, du Schlafmütze", krähte Yumemi fröhlich, während sie mit ihrem Kissen leidenschaftlich auf das andere Mädchen einschlug. „Wir müssen zur Schule, steh auf!"

„Lass mich", brummte Natsuki und versuchte, das Geschoss von sich fernzuhalten, was ihr aber nicht viel nützte. Unwirsch drehte sie sich um – nur um gleich darauf an den Schultern gepackt und aus dem Bett gehoben zu werden.

„Aufwachen, Schätzchen", erklang Seijuros tiefe Stimme an ihrem Ohr. „Ich will wegen dir nicht zu spät kommen."

„Auch du, mein Freund Seijuro", deklamierte das Mädchen schicksalsergeben und gähnte herzhaft. „Schon gut, ich bin ja wach. Lass mich wieder runter."

„Wieso denn?" Der Junge grinste unverschämt. „Ich finde das ganz schön so." Gleich darauf bekam er einen Polster an den Kopf gedonnert.

„Lass sie runter, Seijuro", warnte ihn Yumemi. Das 17-jährige Mädchen mit den langen Jahren funkelte ihren Bruder richtig drohend an. Natsuki wusste gar nicht, was sie hatte. Sie selbst fand an den Schmeicheleien von Seijuro gar nichts auszusetzen, aber Yumemi tat so, als wolle er sie irgendjemandem wegnehmen, der seiner Schwester sehr wichtig war.

„Ist ja schon gut", gab der Junge klein bei, aber die gute Laune war aus seinem Gesicht verschwunden. „Beeil dich jetzt, Natsuki, der Bus fährt gleich. Bei uns ist das zwar ne halbe Stunde später als bei dir, aber du hast auch ziemlich lange geratzt." Dann verließen beide das Zimmer, damit Natsuki sich anziehen konnte.

Das Mädchen selber machte sich immer wieder Gedanken, wenn die beiden sich mit diesen Blicken wie erst betrachteten. Sie WUSSTE, dass sie Geheimnisse vor ihr hatten, aber welche? Seijuro sah sie immer so traurig an, als wäre sie bereits vergeben und Yumemi schien bestrebt zu sein, jeden ihrer Verehrer zu vergraulen, sobald er ihr nahe kam. Trotzdem mochte sie die beiden, auch wenn sie nicht so recht wusste, warum. Das hatte nicht einmal so sehr etwas damit zu tun, dass die Eltern der beiden, Kagura und Yashiro, ihre Eltern von früher kannten. Irgendwie hatte Natsuki schon beim ersten Zusammentreffen mit Yumemi und Seijuro gewusst, dass sie die beiden mögen würde.

Dann schüttelte sie den Kopf und zog sich schneller an. Sie musste sich beeilen und an etwas Positives denken. Sie grinste boshaft. Zum Beispiel daran, dass Shinji heute wohl Krach mit ihrem Vater bekommen würde. Chiaki war schon ziemlich gereizt wegen ihm. Und noch dazu würde er völlig umsonst zusammengestaucht werden, weil sie ihm entwischt war. Natsuki runzelte kurz vor dem Spiegel die Stirn. Erst jetzt fiel ihr auf, dass Yumemi gestern ein seltsam trauriges Gesicht gemacht hatte, als sie ihr gesagt hatte, weshalb sie bei ihnen übernachtete. Und Seijuros Miene war noch komischer gewesen, irgendwie glücklich und traurig zugleich. Na, egal. Hauptsache, sie kam jetzt nicht zu spät.

Hastig griff sie nach ihrer Schultasche, öffnete die Tür von Yumemis Zimmer, in dem sie schon einige Male übernachtet hatte und rannte die Treppe hinunter. Unten warteten die beiden bereits ungeduldig. Natsuki verbeugte sich noch einmal vor der Mutter ihrer Freunde, die gerade das Geschirr abtrug. Yashiro lächelte sie an und winkte kurz, dann waren die drei auch schon draußen.

„Schaffen wir's noch?", fragte Natsuki im Laufen. Ihr war gar nicht wohl bei dem Gedanken, ihre Freunde könnten wegen ihr Schwierigkeiten in der Schule kriegen.

„Ja, ja, keine Sorge", entgegnete Seijuro und sah auf die Uhr. „Wird zwar mächtig knapp, aber wir müssten's noch packen."

„Da vorn! Der Bus ist schon da!", rief Yumemi und beschleunigte noch einmal. „He!", brüllte sie, „wartet gefälligst auf uns!"

Natsuki grinste kurz. Normalerweise war eigentlich sie die impulsivere von ihnen beiden, aber irgendwie fehlte ihr heute etwas. Konnte es vielleicht sein, dass sie den morgendlichen Streit mit Shinji vermisste? Nein, das war unmöglich. Hastig fegte sie den Gedanken beiseite, während sie im Bus einstieg und sich neben Yumemi in den Sitz fallen ließ. „Der Kerl interessiert mich nicht im geringsten!", flüsterte sie.

Unglücklicherweise hatte Yumemi scharfe Ohren. „Welcher Kerl?", fragte sie gespannt. Ihre Augen nahmen einen misstrauischen Glanz an. „Wieder ein neuer Freund von dir?"

„Quatsch", entgegnete Natsuki und verzog die Lippen. „Als ob du irgendjemanden an mich ranlassen würdest. Ich rede von Shinji."

„Was hast du eigentlich gegen ihn?", fragte Yumemi sie. „Ich finde ihn wahnsinnig nett... und ich bin sicher, dass er dich ehrlich liebt."

„Woher willst du das wissen?", fragte Natsuki und übersah den enttäuscht-wissenden Blick ihrer Freundin. „Der Kerl geht mir auf den Geist! Wieso kann er mich nicht endlich in Ruhe lassen? Zwischen uns war nichts, ist nichts und es wird auch nie was geben!"

„Sag das nicht", bat Yumemi sie. „Meinetwegen geh ihm eine Weile aus dem Weg, aber sag das nicht. Soll Seijuro vielleicht mal mit ihm reden, dass er dich in Ruhe lassen soll? Die beiden sehen sich beim Basketball-Training."

„Als ob das was nützen würde!" Natsuki schnaubte. „Nicht mal meine oder seine Eltern können ihn davon abbringen, mir nachzustellen! Er führt sich auf, als hätte ich ihm irgendwann zugesichert, dass ich ihn liebe!" Sie schüttelte den Kopf, darum entging ihr, wie Seijuro aus dem Fenster blickte und Yumemi die Augen schloss. „Wenn das so weitergeht, muss ich ihn mal RICHTIG verprügeln, sonst kapiert er es nicht!"

„Dann sollte ich ihn auf jeden Fall vorwarnen", erwiderte Seijuro. „Ich richte ihm aus, dass du ihn eine Weile nicht mehr sehen willst, ja?"

„Ja, danke." Sie schenkte dem Jungen ihr strahlendstes Lächeln, aber seltsamerweise sah er daraufhin wieder aus dem Fenster. Verwirrt wollte sich Natsuki an Yumemi wenden, aber das Mädchen war gerade in ein Gespräch mit dem Jungen vor ihr verwickelt. Zum Glück hielt in diesem Moment der Bus, sodass sie sich festhalten musste und der Gedanke ihr entschlüpfte.

Den Rest der Fahrt verbrachten sie mit belanglosem Gerede und allmählich entspannte sich die Stimmung zwischen ihnen wieder. Kalt lief es Natsuki erst wieder über den Rücken, als sie an ihrer Schule ankamen. Denn vor dem Tor stand, geduldig wartend, niemand anderer als Shinji. Natsuki fluchte sehr undamenhaft, sodass sich mehrere Schüler verwundert nach ihr umdrehten und versteckte sich hinter Seijuro, der gerade ausstieg.

„Ich bin nicht da", zischte sie dem verwunderten Jungen zu. „Tu so, als wären Yumemi und du allein hier. Shinji steht vor dem Tor." Seijuro sah kurz aus dem Bus und nickte. Langsam stiegen er und seine Schwester aus, Natsuki mit ihren Körpern verdeckend. Diese beobachtete Shinji, der sich unter den Schülern umsah. Offenbar hatte er sie nicht bemerkt. Noch zwei Meter, bis sie außerhalb seines Sichtfeldes waren, noch einer...

„Natsuki!"

Sie war nahe daran, ihre Kampfsportkünste an der unschuldigen Schulhofmauer auszulassen. Hatte Gott denn überhaupt kein Erbarmen mit ihr? Gleich darauf merkte sie, wie jemand hinter sie trat.

„Natsu..."

Blitzartig drehte sie sich um und gab dem überraschten Shinji einen Kinnhaken, der ihn zurückstolpern ließ. Auf dem Hof war es mit einem Mal totenstill, aber das Mädchen merkte nichts davon. Wütend atmete sie ein und aus, während Shinji benommen den Kopf schüttelte und sie vorwurfsvoll ansah.

„Was soll das?"

„Du nervst!", schleuderte sie ihm an den Kopf. (Anm. des Autors: Wer erinnert sich an die Szene im 7. Manga, letzte Seite?) „Lass mich doch endlich in Ruhe!" Damit drehte sie sich um, schob Seijuro zur Seite und stürmte in die Schule hinein.

„Shinji!", rief Yumemi erschrocken aus und befreite sich von ihrer Lähmung. Vorsichtig berührte sie sein Kinn. „Tut's sehr weh?"

„Geht so", brummte der Junge. Verwundert sah er das Mädchen an. „Was habe ich ihr eigentlich angetan?"

„Nichts außer deiner Gegenwart", ließ Seijuro verlautbaren. Er bemühte sich, das Gefühl der Schadenfreude aus seinem Herzen zu vertreiben. Er wusste, dass Natsuki und Shinji zusammengehörten, nur sein Herz wollte das nicht einsehen. „Verschwinde jetzt besser, Shinji. Wir reden heute Nachmittag beim Training darüber, okay?"

„Na schön", murmelte Shinji und rieb sich das Kinn. Er warf böse Blicke auf einige Schüler, die abseits standen und über ihn tuschelten und ging dann langsam vom Platz. In diesem Moment, mit gebeugten Schultern, überstieg Seijuros Mitleid sogar sein gespanntes Verhältnis mit Shinji.

„Was glotzt ihr so? Noch nie einen Liebesdisput gesehen?", rief er den Schülern zu. „Seht lieber zu, dass ihr in die Klasse kommt! Gehen wir, Yumemi."

„Nett gesagt, Seijuro. Aber glaubst du, dass Shinji nach dieser Absage aufgibt?"

„Nein, eigentlich nicht."

Zwischen den Bäumen raschelte es, aber das war nur der Wind. Jedes Tier war schon vor langer Zeit von diesem Ort geflohen, weil es das Gefühl unendlicher Qual und Trauer nicht ertragen hatte. Seit dem Verrat von Adam und Eva war niemand mehr an diesem Ort gewesen. Außer der Energie.

Sie erinnerte sich noch an jedes Detail. An Evas wunderschönes Gesicht, als sie zu Gott sagte, dass sie und Adam ihn verlassen würden. An Gottes ersten und einzigen Ausbruch von Zorn, als er sie aus dem Paradies verbannte. Und an seine unendliche Einsamkeit, die darauf folgte. Die Energie würde das nie vergessen. Nie. Seit diesem Zeitpunkt schon suchte sie nach einer Möglichkeit, sich an den Menschen zu rächen.

Die Schwärze ballte sich zu einem faustgroßen Ball zusammen. Sie hatte niemals einen Körper gehabt, ebenso wenig, wie ein Gedanke einen Körper hatte. Wieso sollte jemand, der den gesamten Garten Eden für sich allein hatte, einen Körper brauchen? Es gab ja doch niemandem, mit dem die Schwärze reden wollte. Nur ihr Sohn hatte einen Körper gehabt. Er war hitzig gewesen, fast so voller Hass auf die Menschen wie sie selbst. Und er hatte gehandelt. Viele Jahrtausende hatte die Schwärze gehofft, dass er das vollenden würde, was sie sich so sehr ersehnte: Den Tod der Menschheit!

Aber ihr Sohn hatte versagt. Nein, das war nicht richtig. Er hatte das Richtige getan, aber er war überlistet worden. Von einem Menschen. Einem ganz besonderen Menschen. Demjenigen, den die Schwärze ebenso hasste wie liebte. Eva. Lange hatte die Schwärze geschlafen, nur um vom Todesschrei ihres Sohnes geweckt zu werden. Eva hatte ihn getötet, sie und dieser verfluchte Engel Fynn Fish, die ihn so sehr verletzt hatte! Die beiden hatten Satan ermordet, ihr Geschöpf!

Nun war die Zeit der Rache gekommen. Viele Rachepläne hatte die Schwärze ersonnen, um Fynn Fish und Eva zu strafen, aber keiner war ihr gut genug erschienen. Aber nun hatte sie den richtigen gefunden. Den Menschen, der Eva mehr als alles andere verletzen würde und gleichzeitig den verfluchten Engel in tiefste Verzweiflung stürzen würde. Und dann würde sie jeden anderen Menschen auslöschen, damit ihre Qual endlich ein Ende hatte. Damit sie ihr Anblick nicht jede Minute lang an ihre Höllenqual erinnerte. Lautlos befahl sie einen der verbliebenen Dämonenritter zu sich. Zuerst hatte sie geglaubt, sie würden mit dem Tod ihres Sohnes Satan verschwinden, aber offenbar mussten zwar die Dämonen, aber nicht eine Verbindung zwischen Dämon und Mensch verschwinden, solange auch die Schwärze lebte.

Der Mann war ähnlich dunkel gekleidet wie Noyn, dieser verliebte Idiot, der Jeanne ständig geholfen hatte. Allerdings war er muskulöser, seine Haare waren kürzer und blond und seine Augen strahlten in reinem Weiß, ohne Pupille. Es durfte keine Fehler geben, deshalb musste sie mit den besten Leuten arbeiten. Die pure Lust am Chaos und am Tod zierte die Miene des Dämonenritters, während er auf seine Befehle erwartete. So viel sie wusste, hatte er seine Seele Satan verkauft, um Rache an einigen Feinden üben zu können und daran Geschmack an Leiden und Tod gefunden.

Plötzlich weitete die Schwärze sich ruckartig aus und ein Bild erschien darin. Ein Mädchen rannte gerade durch einen Gang. „Finde sie", grollte die Stimme der Schwärze. Wäre der Angesprochene kein Dämon gewesen, wäre er vermutlich vor Furcht erstarrt. „Finde sie und bring sie unbeschadet zu mir. Sie wird mir helfen, die Menschen zu vernichten."

Der Dämonenritter lachte höhnisch, verbeugte sich und verschwand. Die Schwärze dachte noch einmal an den Menschen, den sie ausgewählt hatte. Ja, er war genau der richtige, um die Mission der Schwärze auszuführen. Lautlos streckte sich Gottes Einsamkeit, der verbannte Teil aus seinem früheren Körper, wieder über den Garten Eden aus, um auf die Erwählte zu warten. Und auf das Ende der Welt.

Regungslos saß Shinji da und sah auf den Boden der Turnhalle hinunter. Der Baum, auf dem er saß, hatte sein Gewicht schon unzählige Male getragen, seit er herausgefunden hatte, dass er von diesem Ast in die Halle hineinsehen konnte, in der Natsuki ihr Kendo-Training absolvierte. Parade, Attacke, Gegenattacke mit folgender Parade, Zurückweichen... jede ihrer Bewegungen schien Shinji so, als hätte sie Flügel. Er schmunzelte kurz, als ihm klar wurde, dass das ja tatsächlich einmal der Fall gewesen war.

Zwar konnte er Natsuki unter der Kendo-Schutzkleidung fast nicht mehr erkennen, aber das machte nichts. Er wusste genau, wer sie war, auch wenn er nur ihren feurigen Stil sah. Ihr Temperament... das war es schon immer gewesen, was ihn an ihr angezogen hatte, auch wenn er ihm auch unzählige blaue Flecken verdankte, damals wie heute. Gedankenverloren rieb er sein Kinn. Es schmerzte noch immer. Aber daran hatte er sich schon gewöhnt. Wenn Natsuki dadurch endlich ihr Erinnerungsvermögen wiederbekäme, würde er sich mit Vergnügen grün und blau schlagen lassen.

In diesem Moment gelang Natsukis Gegner ein Schlag in ihre ungeschützte Seite. Shinji sah, wie sie sich einen Moment lang krümmte und einen Moment lang hatte er das starke Verlangen, vom Baum zu springen, in die Halle zu sprinten und diesem Kerl eine zu scheuern, die ihm für immer solche Schläge austrieb. Erschrocken hielt er sich fest, als der Ast aufgrund seiner ruckartigen Bewegung zu wanken begann und beruhigte sich. Erstens würde er mit hohem Bogen aus der Halle geschmissen werden, wenn er das tat, zweitens würde Natsuki ihm diese Geste nicht danken, weil das eben zum Kampfsport gehörte und drittens würden die Leute dann wissen wollen, woher er den Schlag gesehen hatte... und dann würde er nie wieder zusehen können.

Außerdem hatte sich Natsuki bereits wieder aufgerichtet und einen Gegenschlag angebracht, der ihren Gegner zurücktrieb. Der Stock schwirrte durch die Luft wie ein echtes Samuraischwert. Shinji war ein bisschen stolz, als er sah, dass das Gewicht des Stocks Natsuki kein bisschen zu beeinträchtigen schien. Immerhin war es auch sein Verdienst, weil ihn Natsuki so oft verjagt hatte, dass sie so stark war.

Als sich der Ast wieder beruhigt hatte, lehnte er sich wieder an den Stamm und richtete den Blick wieder auf den Kampf. Parade, Gegenattacke... oh, jetzt wurde der Kampf abgebrochen. Shinji lächelte, als Natsuki den Kopfschutz abnahm. Ihr Haar klebte an ihrer Haut, aber das tat ihrer Schönheit keinen Abbruch, zumindest für ihn nicht. Und als sie sich mit ihrem schrägen Lächeln bei ihrem Gegner bedankte, wurden seine Knie so weich, dass er fast dachte, er würde vom Baum fallen. Gott, wie kannst du einen Menschen nur so vollkommen machen, dachte er hilflos.

Dann sah er, wie alle Schüler den Kopf wandten. Als er auch in diese Richtung sah, bemerkte er Toki – nein, Seijuro, verbesserte er sich – der in die Halle spazierte und Natsuki applaudierte. Auch Cersia alias Yumemi war hier und wartete vor der Halle. Anscheinend wollten sie Natsuki abholen. Shinji seufzte und rieb sich den Rücken. Dann würde er seinen Aussichtsposten auch bald verlassen können. Auch wenn die Aussicht die Mühe wert war, war der Platz doch alles andere als bequem. Dann würde er eben morgen früh sein Glück erneut versuchen, Natsuki zu stellen, aber ohne bei den Nagoyas zu läuten! Ein solcher Schlag wie heute morgen reichte und wenn er Chiaki noch mal weckte, musste er ernsthaft um sein Leben fürchten. Sindbad war zwar kein Langschläfer, aber die paar Stunden Schlaf, die er sich gönnte, waren ihm immer heilig gewesen. Seufzend bereitete sich Shinji darauf vor, vom Baum zu klettern, als sich sein Körper plötzlich verkrampfte. Sein Blick war starr auf Natsuki gerichtet.

„Bravo!", rief Seijuro und ging in die Halle hinein. „Toll, Natsuki. Ich würde keinem raten, sich dir in böser Absicht zu nähern."

„Seijuro?" Das Mädchen hatte ihn offenkundig erst jetzt bemerkt. Sie sah um ihn herum und Yumemi winkte ihr lächelnd zu. „Was macht ihr beide denn hier?"

Der Junge zog eine Schnute. „Dürfen wir unseren Gast denn nicht einmal abholen, ohne dass es uns böse ausgelegt wird?", klagte er. „Reicht's nicht, wenn wir sagen, dass wir einfach zufällig in der Gegend waren?"

„Nein, eigentlich nicht", meinte Natsuki und befreite sich von ihrem Brustschutz. „Immerhin müsstest du eigentlich doch heute Basketball-Training haben. Hast du schon mit Shinji über mein... Problem gesprochen?"

Seijuro zog die Stirn kraus. „Nein, hab ich nicht. Er war heute nicht im Training – wie schon so oft nicht. Ich hab ihn oft genug gefragt, was er eigentlich in dieser Zeit macht, aber er hat nie was gesagt. Deshalb hat der Trainer gesagt, ich soll ihm ausrichten, er soll entweder das nächste Mal kommen oder er fliegt aus der Mannschaft."

Natsuki hob die Augenbraue, während sie den Brustschutz auf den Boden legte. „Ich dachte, er mag Basketball. Wieso kommt er dann nicht?"

„Das weißt du nicht?", fragte Seijuro überrascht. „Er hatte immer Besseres zu tun als Basketball. Gerade du müsstest das bemerkt haben."

„Wieso ich?" Natsuki verstand überhaupt nichts und das machte sie reizbar. „Sag endlich, was los ist, Seijuro! Ich bin noch nicht so fertig, dass ich dir keine mehr auf den Kopf geben könnte!"

Seijuro sah kurz überrascht zu seiner Schwester zurück, die mit einem Schulterzucken antwortete. Dann drehte er sich wieder zu ihr um und deutete mit dem Kopf aus dem Fenster. „Hast du etwa wirklich nie bemerkt, dass Shinji schon seit einiger Zeit auf diesem Baum da draußen hockt und dir beim Training zusieht? Das sieht dir gar nicht ähnlich. Sonst riechst du ihn doch schon von weitem."

„WAS?" Mit Mühe konnte Natsuki den Impuls unterdrücken, herumzufahren und den Baum mit Todesblicken zu torpedieren. „Das ist nicht wahr!"

„Und ob!", schaltete sich Yumemi von der Tür aus ein. „Du siehst ihn vielleicht nicht direkt, aber er dich umso besser, denke ich. Wir haben ihn sofort bemerkt, als wir auf die Halle zugegangen sind."

„Das glaub ich einfach nicht", murmelte Natsuki und raufte sich die Haare. Konnte sie denn nicht eine einzige Sekunde allein verbringen? Sah ihr Shinji vielleicht auch beim Schlafen zu oder wenn sie duschte? Kurz glühte sie aufgrund dieses Gedankens auf, dann verwandelte sich ihre Scham in Wut. „Wie kann er es wagen?", zischte sie. „Wie kann er das WAGEN?"

„Sollen wir ihn runterholen?", fragte Seijuro vorsichtig. Er war einen Schritt zurückgewichen, immerhin hatte das Mädchen noch immer ihre Waffe griffbereit liegen. „Wir können ihm ja alle zusammen klipp und klar sagen, dass du ihn eine Weile nicht mehr sehen willst."

„Nicht nur eine Weile!", spie sie aus. Noch nie war Natsuki so wütend auf Shinji gewesen. Sie brauchte unbedingt ein Ventil für diesen Zorn, sonst würde sie ihn das nächste Mal umbringen. Aber was? Sollte sie in sein Zimmer einsteigen und ihn mitten in der Nacht aus dem Bett werfen? Nein, das würde seine Eltern verärgern. Sollte sie in seine Universität gehen und ihm vor all seinen Freunden eine runterhauen? Nein, das würden ihre Eltern erfahren. Aber was dann?

„Natsuki? Geht's dir gut?", fragte Seijuro besorgt und beugte sich zu ihr hinunter.

Das Mädchen hob den Kopf und sah in sein Gesicht. Und ihr kam eine Idee. „Sehr gut, wirklich", antwortete sie böse grinsend. Seijuro wurde unwohl bei diesem Grinsen. Was hatte sie vor? Bevor er irgendetwas machen konnte, packte Natsuki sein Handgelenk, zog ihn nach vor – und küsste ihn!

Er hörte seine Schwester hinter sich schreien, er hörte die Schüler erschrocken keuchen und sein Herz hörte einen Moment lang zu schlagen auf. Das hatte er sich die ganze Zeit gewünscht, so viele Jahre lang, in denen sie einander schon kannten. Und jetzt war es endlich geschehen. Er war viel zu perplex, um etwas anderes zu tun, als stocksteif dazustehen, aber das glich Natsuki aus. Sie schlang ihre Arme um ihn, presste ihn an sich heran und verschloss seine Lippen so fest mit ihren, als wollte sie jeden Tropfen Blut herauspressen.

Er wusste nicht, wie lange dieser Kuss währte, ihm jedenfalls kam es wie Stunden vor, bevor er von unsanften Händen weggerissen wurde. Ein paar Augenblicke war er so benommen, dass er die Wut im Gesicht seiner Schwester gar nicht sah. Dann fing er sich wieder und griff zögernd an seine Lippen.

„Sag mal, spinnt ihr beide total?", schrie Yumemi. Tränen der Wut standen in ihren Augen und sie war nahe daran, ihrem Bruder eine runterzuhauen, obwohl vielmehr Natsuki die Ohrfeige verdiente. „Was sollte das?"

„Ich... weiß nicht...", stammelte Seijuro und sah hilfesuchend zu Natsuki hin. Die jedoch warf gerade einen gehässigen Blick aus dem Fenster. Da verstand er erst. „Das... war nur wegen Shinji?", murmelte er. Auf einmal regte sich die Wut auch in ihm. „Nur wegen ihm?"

„Ja!", brummte Natsuki befriedigt. „Jetzt wird er mich hoffentlich in Ruhe lassen." Sie blickte Seijuro an. „Tut mir Leid, aber das war die einzige Möglichkeit, ihn loszuwerden."

„Und nur deswegen hast du mich geküsst?", zischte der Junge mühsam beherrscht. Erst jetzt fiel Natsuki auf, dass Seijuro am ganzen Körper zitterte – vor Wut. Sein Blick war auf sie gerichtet und so voller Zorn, dass sie unwillkürlich einen Schritt zurücktrat. „Weißt du eigentlich, wie lange ich mir gewünscht habe, dass du mich auch nur eines Blickes würdigst?", fragte er und ballte die Fäuste. „Weißt du, wie schmerzhaft es war, dich für immer aufzugeben, weil ich wusste, dass ein guter Freund dein Herz besitzt, auch wenn es dir nicht bewusst ist? Dann küsst du mich plötzlich und... und... DANN WAR DAS NUR DAS MITTEL ZUM ZWECK, UM DIESEN FREUND LOSZUWERDEN?"

Alle Schüler hatten sich umgedreht, als Seijuro das hinausgeschrieen hatte. Tränen des Zorns standen in den Augen des Jungen und einen Augenblick dachten alle, er würde sich auf Natsuki stürzen. Auch das Mädchen selbst war noch einen Schritt zurückgewichen und blass geworden. Was sagte Seijuro da? Hilfesuchend sah sie zu Yumemi, aber auch das Mädchen sah sie mit einem unversöhnlichen Blick an.

„Er hat Recht, Natsuki", sagte sie mit kalter Stimme. Noch nie hatte sie so ernst mit ihrer Freundin gesprochen. Sie legte eine Hand auf die Schulter ihres Bruders. „Er war schon als Kind in dich verknallt, hat es dir aber nie gesagt. Und weißt du, warum? Weil er gewusst hat, dass Shinji dich noch mehr liebt als er! Und dass nur er würdig ist, dich zu bekommen!" Sie blickte nach draußen, aber auf dem Ast saß niemand mehr. „Ich beglückwünsche dich! Du hast dem Jungen, dem du mehr als alles andere auf dieser Welt bedeutet hast, das Herz gebrochen! Hoffentlich kannst du damit leben. Wir gehen jetzt. Komm nicht mehr zu uns, bis du diese Sache bereinigt hast."

Grußlos drehte sich das Mädchen um und ging. Natsuki sank auf die Knie und in ihren Augen schimmerten bittere Tränen. Yumemi war schon so lange sie denken konnte ihre Freundin. Sie hatte sich immer an sie wenden können, wenn sie ein Problem gehabt hatte und niemals hatte Yumemi sie abgewiesen. Manchmal war es ihr so vorgekommen, als würde Yumemi sie schon länger kennen als dieses Leben. Und jetzt... Einen Augenblick lang sah es so aus, als wollte Seijuro, auf dessen Gesicht Wut und Mitleid miteinander rangen, ihr etwas sagen, aber dann drehte er sich um und folgte seiner Schwester.

„Aber...", stammelte Natsuki und ließ den Kopf hängen. Ihre Hände ballten sich zu Fäusten, als wollten sie den Boden aufreißen. „Aber ich wusste doch nicht... bitte kommt zurück!"

Aber die beiden waren weg. Und Shinji ebenfalls.