Triage

Das Licht der Krankenstation war gedimmt. Aber Becketts Augen hatten sich bereits daran gewöhnt. Er betrachtete die Patienten in ihren Betten.

Die Brustkörbe hoben und senkten sich, ein untrügliches Zeichen, dass sie am Leben waren. Selbstverständlich würde sofort ein Alarm losgehen, wenn sie aufhören würden zu atmen oder wenn der Pulsschlag aussetzen würde. Aber Beckett empfand es als sehr beruhigend, es zu sehen, es mit eigenen Augen wahrzunehmen.

Ein Bett knarrte. Es war McKays Bett. Der Kanadier wälzte sich unruhig hin und her und als er anfing, im Schlaf zu stöhnen, erhöhte Beckett die Morphingabe.

Angespannt beobachtete der Arzt, wie sein Freund langsam ruhiger wurde. Als die Atmung wieder genauso gleichmäßig ging wie bei seinen anderen Patienten, ging Beckett in sein Büro.

Schwester Roberts, die wachhabende Krankenschwester, saß am Schreibtisch und füllte eine Krankenakte aus. „Sie sehen müde aus, Doktor. Warum haben Sie nach diesem Höllentag die Nachtschicht übernommen?"

„Die anderen Ärzte sind doch genauso fertig." Mit einem Seufzer ließ er sich auf einen Stuhl sinken. „Und außerdem habe ich noch so viel Adrenalin im Blut, dass ich sowieso nicht einschlafen könnte."

Die Krankenschwester nickte und schob ihm eine Akte rüber. „Sie müssen noch Millers Totenschein ausfüllen. Vielleicht…"

Beckett nahm die Akte traurig entgegen: „Ja, mache ich."

Miller war ein junger Soldat, er war noch nicht lange in Atlantis gewesen. Der Einsatz heute war sein erster und zugleich letzter Einsatz. Mit mehreren Teams sollte ein Wraith-Außenposten gestürmt und gesprengt werden. Das gelang auch – aber zu einem hohen Preis. Viele Schwerverletzte wurden nach Atlantis gebracht, nicht alle überlebten.

Es waren so viele, dass nicht genügend medizinisches Personal da war, um alle zu retten. Und Miller… Es hieß, Miller oder McKay und Beckett zögerte nicht.

Im Nachhinein könnte man sagen, dass es eine logische Entscheidung war. McKay war der Chefwissenschaftler. Das Genie, das das Unmögliche möglich machte. Unentbehrlich für Atlantis, unentbehrlich im Kampf gegen die Wraith.

Beckett verließ das Büro, ohne den Totenschein ausgefüllt zu haben. Leise, um seine Patienten nicht zu wecken, trat er an McKays Bett heran. Der Wissenschaftler schlief ruhig, ein wenig Speichel lief ihm aus dem Mundwinkel. Die Decke war verrutscht und Beckett zog sie wieder zurecht.

Dann ging der Arzt zurück in das Büro. „Gehen Sie morgen zu Dr. Heightmeyer?" fragte die Krankenschwester.

„Wie bitte?"

Sie deutete auf Miller Akte. „Deswegen."

Er dachte nach. Wie könnte er Dr. Heightmeyer erklären, dass seine Entscheidung für McKay und gegen Miller keine professionelle Entscheidung gewesen war? Dass er nicht nach logischen, ethischen oder medizinischen Gesichtspunkten vorgegangen ist, sondern seine Entscheidung einzig und allein deswegen traf, weil dieser arrogante, nervtötende Mann sein Freund war? Andererseits, wem, wenn nicht ihr, könnte er seine Gedanken und Gefühle mitteilen?

Beckett rieb seine Augen. Sie brannten vor Müdigkeit. Er sah hoch und bemerkte, dass ihn Roberts immer noch anguckte. „Ja, ich denke, ich werde Dr. Heightmeyer aufsuchen."

Schwester Roberts sprach mit der Bestimmtheit, die nur aus eigener Erfahrung stammen kann: „Sie werden sich danach besser fühlen."

„Ich hoffe es."

Für einen Moment starrte er hinaus durch die Tür auf seine Patienten. Dann zog er den Totenschein an sich heran, und begann, ihn auszufüllen. Während er das tat, wurde ihm eines bewusst: Vielleicht bereute er, dass er Miller nicht gerettet hat. Aber ganz sicher bereute er nicht, McKay gerettet zu haben.