~Kapitel 23~

Lilliana rannte derweil aufgeregt durch Lilah's Appartement. Sie suchte wichtige Sachen zusammen, die sie vielleicht gebrauchen konnten. Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass sie noch Zeit hatte, bevor sie zu Angel aufbrechen musste. Also setzte sie sich mit einem Buch auf die Couch und las noch eine Weile.

Nach einiger Zeit des Lesens fielen ihr schließlich die Augen zu und sie schlief ein. Zwei Stunden später wachte sie wieder auf. Sie hatte sehr unruhig geschlafen und schlecht geträumt, was ihr jetzt noch anhang. Lilliana ging noch einmal ins Badezimmer, bevor sie ihre Tasche nahm und das Appartement verließ.

Sie schaute in den Himmel und bemerkte, dass es sogar schon dämmerte. Auf dem Weg holte sie ihr Handy heraus und wählte Angels Nummer. Dieser beantwortete den Anruf ganz besorgt, da sie eigentlich schon viel eher da sein hätte sollen. „Hi Angel! Sorry, aber ich bin beim Lesen eingeschlafen. Mach mich gerade auf den Weg ins Hyperion, bin gleich da!" Der Angerufene beruhigte sich wieder. „Oh, okay! Du hast uns vielleicht einen Schreck eingejagt! Ich war kurz davor zu dir zu kommen…" Lilliana lachte kurz auf. „Sorry, ehrlich! Sind wohl die Hormone oder so."

Währenddessen bei Wolfram und Hart. Lindsey hatte die Wachposten an den abgesprochenen Stellen aufstellen lassen. Nun saßen er, Holland und einige Techniker vor der Videoüberwachung der Gebäude. Sie behielten jeden Monitor im Blick, um auch ja nicht die kleinste Bewegung zu verpassen. In diesem Moment zeigte sich tatsächlich etwas.

„Zielperson gesichtet in Überwachungsabschnitt A." knarzte es aus einem Funkgerät. Beide Anwälte schauten auf den Bildschirm. „Ranzoomen!" befahl Lindsey. Er wollte sich schließlich sicher sein und nicht irgendjemand Falsches zu Tode erschrecken. Auf dem Monitor zeigte sich eine strahlende, telefonierende Lilliana. Lindsey seufzte, hatte er doch auf ein x-beliebiges Mädchen gehofft.

Plötzlich wurde die Tür aufgerissen und Lilah stand im Zimmer. Sie war die ganze Zeit herumgeirrt und hatte nach den beiden Ausschau gehalten. Sie wusste, dass da irgendeine Aktion lief, ohne, dass sie eingeweiht war. Als sie jetzt Holland, Lindsey, die Techniker und die Monitore sah, blieb ihr fast kurz das Herz stehen, immerhin konnte sie eins und eins zusammenzählen.

Sämtliche Blicke waren auf sie gerichtet und Holland, der schon wieder grinste, meinte nur trocken: „Lilah! Wollen Sie uns doch Gesellschaft leisten?" Lilah zog kritisch eine Augenbraue nach oben. Das Funkgerät knarzte erneut und alle Blicke, bis auf Lindsey's, glitten wieder zu den Monitoren: „Sollen wir angreifen?"

Holland sah Lindsey erwartungsvoll an. Der Anwalt schluckte kurz, wusste aber, dass dies ein bedeutender Moment war, nicht nur für die Firma, sondern auch persönlich für ihn. Sein Blick war immer noch auf Lilah gerichtet, als er nickte und dann, fast tonlos, sagte: „Auftrag ausführen!" Das Funkgerät knarzte noch einmal: „Verstanden, Sir!"

Lilah riss die Augen auf und lies ihren fassungslosen Blick auf Lindsey ruhen. Dieser formte ein „Es tut mir leid!" mit den Lippen, bevor auch seine Aufmerksamkeit wieder dem Monitor galt. Als sie sah, wie die Wachtruppen ausscherten, setzte auch sie sich fluchtartig in Bewegung und rannte in die Garage, wo sie sich, so schnell sie konnte, in ihr Auto setzte und zu ihrem Appartement fuhr.

Lilliana verabschiedete sich am Telefon gerade noch von Angel, als sie irgendwelche fremden Männer in Kampfmontur auf sie zukommen sah. OH OH! Dachte sie sich noch. Die haben sicher nichts Gutes vor… In diesem Moment packte sie schon der erste von hinten. Lilliana konnte ihn abschütteln und begab sich in Kampfposition.

Und Angel dachte, ich würde die Kampftechniken sowieso nie brauchen! Warum konnte ich das nicht eher erlernen? Jetzt steh ich hier, mit meinen unvollständigen ‚Grundlagen' gegen 20 Mann oder so. Auch den zweiten wehrte sie mit einem gezielten Tritt ab. Sie wusste nicht wie, aber plötzlich war sie umzingelt von den Männern, die versuchten an sie heranzukommen. Sie wehrte sich mit aller Kraft, die sie aufbringen konnte und trat und schlug so gezielt wie möglich um sich.

Als sie einem Frontalangriff auswich, stieß sie mit dem nächsten zusammen, der sie unsanft am Hinterkopf traf und sie auf den Boden beförderte. Lilliana versuchte sich aufzurichten und wurde von ein paar Händen gepackt, die sie wiederum versuchte abzuschütteln. Durch den Schlag auf den Kopf und der Anstrengung, dadurch, dass es doch viele Angreifer waren, spürte sie deutlich, wie ihre Konzentration nachließ.

Sie trat ein paar Schritte rückwärts und stolperte über irgendetwas – einen Fuß, gleichzeitig musste sie noch einen Tritt einstecken und so lag sie wieder auf dem Boden. Beim Aufrichten fuhr ein ziehender Schmerz durch ihren Körper, sie sank wieder in sich zusammen und verkniff sich einen Schrei. Der Schmerz war heftiger, als alles, was sie bis eben einstecken musste.

Lilliana lokalisierte, dass er von ihrer Körpermitte ausging, sie zog die Beine an, in der Hoffnung, der Schmerz würde wenigstens nachlassen. Sie bemerkte, dass die Männer in der Zeit, wo sie so da lag, nicht wieder angegriffen hatten. Vielleicht dachten sie, dass sie schon kampfunfähig war. Aber so leicht würde sie sich nicht geschlagen geben.

Sie biss die Zähne zusammen und richtete sich langsam, aber zielstrebig, wieder auf. Beim tiefen Luftholen durchzog sie immer noch der Schmerz, aber sie versuchte sich davon nicht ablenken zu lassen, sondern weiter zu kämpfen. Sie hatte zwar fast keine Kraft mehr, aber aufgeben wollte sie auch nicht und weglaufen hätte ihr erst recht nichts gebracht.

Ihr war klar, dass die Leute nicht gekommen waren, um sie zu töten, dazu hätten sie ihre Waffen gebraucht, damit wären sie schneller gewesen. Nein, sie wollten sie lebend, das musste offensichtlich nicht zwangsläufig unverletzt heißen. Also stellte sie sich wieder in Angriffshaltung auf und konnte prompt die ersten erneuten Angriffe abwehren.

Angel lief derweil, erneut besorgt, in seinem Büro hin und her. „Sie müsste schon längst da sein! Sie war schon losgegangen, als sie angerufen hatte, und das war vor 30 Minuten!" Er sprach mit niemand bestimmten, so schauten ihm die anderen nur zu, wie er seine Runden lief wie ein geschädigter Tiger. „Wer weiß, vielleicht hat sie ja unterwegs noch Appetit auf Eis bekommen oder worauf auch immer Schwangere spontan so Appetit bekommen…" warf nun Cordelia schulterzuckend ein. Angel schüttelte mit dem Kopf. „Nein, ich hab ein ungutes Gefühl... Ich werde zu ihr fahren! Vielleicht sehe ich sie unterwegs." Und damit lief er auch schon mit rauschendem Mantel davon. Kurze Zeit später saß er schon im Auto und fuhr in Richtung Lilah's Appartement.

Auch Lilah raste durch die Innenstadt. Der Verkehr war die Hölle, immerhin war sie mittelst in den Feierabendverkehr geraten. Sie fluchte und wählte immer wieder die Nummer von Lilliana's Handy. Jedes Mal antwortete allerdings die Mailbox. Lilah konnte nun schon ihren Wohnblock erkennen und gab noch einmal Gas.

Sie wusste nicht, wie oft sie in den letzten 30 Minuten geblitzt wurde oder wie vielen beinahe-Unfällen sie gerade noch so ausweichen konnte. Sie hoffte nur, dass sie nicht zu spät kommen würde. Sie stellte ihr Auto auf der nächstbesten Parkfläche ab und rannte das letzte Stück zu ihrem Appartement.

Auch Angel war ebenfalls unterdessen angekommen. Er war froh, dass es nicht mehr helllichter Tag war, er wäre wohl durchgedreht bei der Ungewissheit. Der Vampir stellte sein Auto ab und lief zu Lilah's Appartement. Dort sah er Lilliana auch schon – und um sie herum mindestens zehn, wenn nicht gar 15 Männer in dunklen Anzügen.

„Lilliana!" riefen er und eine Frauenstimme gleichzeitig laut durch das Grundstück. Angel und Lilah sahen sich im gleichen Moment. Die Wachtruppe war kurz verwirrt, bevor der erste von Angel durch die Luft an die nächstbeste Hauswand geschleudert wurde. Lilah lief direkt zu Lilliana. „Alles ok?" Sie wusste, dass das eine dämliche Frage war, denn dem war offensichtlich nicht so, aber es war das erste, was der Anwältin in den Sinn kam.

Angel mischte noch ein paar der Wachleute auf, bevor der Befehlshaber zum Rückzug aufrief und sich der Menschenauflauf allmählich lichtete. Zurück blieben Angel, Lilah und Lilliana, die schmerzvoll das Gesicht verzog, sich den Bauch hielt und heftig schnaufte.

TBC