~Kapitel 24~

„Ja… Danke, das wird schon wieder. Mit ein bisschen Ruhe…" versuchte Lilliana den beiden erfolglos einzureden. Lilah zog erneut zweifelnd eine Augenbraue hoch. Dann betrachteten sie Lilliana von oben bis unten und konnten ihrer Aussage gar nicht zustimmen. Sie hatte eine Platzwunde am Kopf und diverse Kratzer im Gesicht und an Armen und Beinen. Was Angel aber wirklich Sorgen machte, war das Blut, was unterhalb ihres Rockes an ihrem Bein herablief.

„Versuch das nicht schön zu reden, du hast ganz schön was abgekriegt!" Dabei kam er auf die beiden Frauen zu. „Du brauchst einen Arzt! Sofort!" Lilah hatte schon ihr Handy in der Hand und rief einen Krankenwagen. Lilliana blickte in diesem Moment das erste Mal an sich herab und sah nun ebenfalls das Blut. Sie wurde augenblicklich kreidebleich und setzte mit gebrochener Stimme an: „D-das ist keine Verletzung… D-das B-baby…" In diesem Moment wurde ihr schwarz vor Augen und sie sank in sich zusammen.

Angel konnte sie gerade noch vor einer erneuten Begegnung mit dem harten Boden bewahren. Langsam glitt er mit ihrem bewusstlosen Körper nach unten. Er hielt sie nah an seinem Körper, sodass sie nicht auf dem kalten Boden liegen musste. Lilah blickte erst Lilliana an und dann Angel, dann rief sie lauter ins Telefon: „Und geben Sie Gas – sie ist bewusstlos!" Danach hockte sie sich neben ihre Schwester und strich ihr durchs Haar. „Ich kann ihren Puls hören. Er ist schwach, aber da." Sprach Angel mehr zu sich selbst, als mit Lilah.

Der Krankenwagen war tatsächlich schnell da – auch wenn es Lilah und Angel trotzdem wie eine Ewigkeit vorkam. „Was ist denn hier passiert?" war ihre erste Frage gewesen, als die Notärzte ankamen. Lilah und Angel erzählten fast gleichzeitig was passiert war, bis der Arzt sie aufforderte, dass nur einer reden sollte.

Lilah erzählte, dass es einen Kampf gegeben hatte und dass es wohl ein Überfall war. Sie konnte ja schlecht die Wahrheit sagen und als Anwältin bei Wolfram und Hart fiel ihr das Lügen nicht schwer. „Ihr Name ist Lilliana McIntyre und sie… ist schwanger." Endete Lilah ihre Ausführungen. Der Arzt nickte.

Sie hatten Lilliana im Handumdrehen auf eine Trage gelegt und in den Krankenwagen befördert. Der Notarzt checkte eben noch die Vitalzeichen, als Lilah mit einsteigen wollte. „Sorry, Lady, aber wir können Sie leider nicht mitnehmen." Lilah stöhnte genervt auf, begriff aber, dass sie nur im Weg wäre.

„Wo bringen Sie sie hin?" „Ins Hollywood Presbyterian Medical Center. Wissen Sie, wo das ist?" Die Anwältin nickte. „Wir fahren Ihnen nach." Damit schlossen sich die Türen und der Krankenwagen fuhr mit Blaulicht und Sirene davon. Lilah sah Angel an und der nickte.

„Ich hab's gehört. Fahren wir los." Angel führte Lilah zu seinem Auto. Die Anwältin zitterte und war in seinen Augen viel zu aufgeregt, um selbst zu fahren. Er selbst war zwar auch nicht die Ruhe selbst, aber er hatte ja noch seine vampirischen Fähigkeiten, die ihm zumindest die körperliche Kontrolle ließen.

Im Krankenhaus angekommen erfuhren sie von einer Krankenschwester, dass Lilah's Schwester eben in den OP gebracht wurde. Sie hatte viel Blut verloren, mehr konnte sie den beiden noch nicht sagen. Seufzend setzten sich Lilah und Angel in den Wartebereich vor dem Operationssaal.

Lilah lehnte sich nach hinten an die kühle Wand und versuchte sich durch tiefes Atmen zu beruhigen, während Angel nach vorne gebeugt seinen Kopf in den Händen hielt und über die Situation nachdachte. Ein wenig komisch war die Sache schon, die Anwältin und der Vampir, die plötzlich zusammenhielten und um das Leben einer geliebten Person bangten.

Jedes Mal, wenn irgendeine Tür aufging, blickten beide dem Geräusch entgegen, nur um dann enttäuscht festzustellen, dass es nicht die Türen des OP's waren. „Ich hätte es wissen müssen! Ich hätte informiert sein müssen!" murmelte Lilah plötzlich vor sich hin und Angel sah sie fragend an, bis auch bei ihm der Groschen fiel.

„Die Leute waren von Wolfram und Hart." Stellte er fest. Lilah, die immer noch mit dem Kopf an der Wand lehnte, nickte. „Ich habe erst heute im Laufe des Tages herausgefunden, was sie mit ihr vorhatten. Holland und Lindsey haben mich bewusst aus dem Projekt rausgehalten, bzw. wesentliche Informationen zurück gehalten."

Der Vampir setzte sich nun auf und schaute sie, wartend auf weitere Erklärungen, an. Lilah blickte ihn von oben herab an und seufzte erneut. Aber er hatte ja auch ein Recht es zu erfahren und während sie erzählte, wäre sie wenigstens kurze Zeit von ihren trüben Gedanken abgelenkt.

„Holland hat Lindsey die Leitung des Projekts überlassen. Ihm war klar, dass ich nichts tun würde, was meiner Schwester schaden könnte." Sie betonte den letzten Satz besonders, um ja keine Zweifel in dem Vampir aufkommen zu lassen.

„Heute Morgen traf ich in der Lobby auf Dr. Fetvanovich. Er ist auf paranormale Geburtshilfe spezialisiert, ich sprach kurz mit ihm und von da an wusste ich, dass er nicht durch Zufall hier ist. Und da seine Methoden nicht gerade der Norm entsprechen, versuchte ich herauszufinden, was geplant war. Da mir klar war, dass sich Lilliana in Gefahr befand. Ich habe Lindsey zur Rede gestellt, aber auch er wich mir nur aus. Ich habe schließlich versucht ihn auszuspionieren und als er plötzlich weg war, ahnte ich, dass es Ernst wurde."

Lilah machte eine kurze Pause, um noch einmal zum OP zu schauen, bei dem sich immer noch nichts getan hatte. „Ich hab ihn schließlich gefunden. Er saß mit einem Technikteam und Holland in einem umgebauten Büro vor unzähligen Monitoren, die auf das Hyperion und mein Appartement gerichtet waren. Ich war noch im Zimmer, als Lindsey den Befehl zum Angriff gab. Danach bin ich so schnell es ging nach Hause… naja den Rest kennen Sie ja…"

Sie blickte sich um und Angel nickte. Lilah schüttelte über sich selbst den Kopf und zwischen den beiden herrschte eine Weile Funkstille. Schließlich stand Lilah mühsam auf. „Ich geh mir mal einen Kaffee holen. Ich hoffe, dass die hier ein ordentliches Gebräu, was dieser Bezeichnung einigermaßen gerecht wird, haben… Wollen Sie auch…?!"

In diesem Moment fiel ihr ein, dass sie es ja mit einem Vampir zu tun hatte, der wohl eher eine rötliche Flüssigkeit vorziehen würde und schüttelte erneut mit ihrem Kopf. Aber Angel nickte. „Gern." Und als ob er ihre Gedanken erraten hätte, fügte er noch mit wenig Enthusiasmus hinzu: „Nicht, dass ich noch anderweitig in Versuchung gerate." Für den Kommentar erntete er nur einen zweifelnden Blick gepaart mit der hochgezogenen Augenbraue und einem leichten Lächeln auf den Lippen von Lilah. Sie wusste, dass er auflockernd wirken sollte, aber leider war Angel's Timing mehr als schlecht.

Die Anwältin kam schließlich mit zwei Kaffeebechern zurück und drückte Angel einen davon in die Hand, er bedankte sich artig. Sie setzte sich wieder und deutete auf die Türen des Operationssaals. „Gab's schon Neuigkeiten?" woraufhin Angel nur mit dem Kopf schüttelte. Lilah seufzte erneut auf. „Verdammt!"

Sie nahm einen Schluck von dem eigentlich viel zu heißen Kaffee, was sie aber gar nicht bemerkte. Sie schloss für einen Moment die Augen. Plötzlich durchfuhr sie ein Einfall wie ein Blitz. „Fuck!" rief sie viel zu laut aus, sodass sämtliche Blicke, der Leute in Hörweite, auf sie gerichtet waren.

„Sorry…" fügte sie noch schnell hinzu und auch Angel sah sie ziemlich verwirrt an. Die Worte des Übersetzers von der Shanshu Prophezeiung schwirrten durch ihren Kopf. Es kann bedeuten, dass eine neue Welt anbricht oder es den Tod bringt. Sie versuchte die Worte zu ordnen, es wollte ihr aber nicht wirklich gelingen.

„Was?" fragte nun Angel ungeduldig nach. Er sah, wie es in Lilah's Kopf arbeitete und dass es wichtig sein musste, was auch immer ihr eingefallen war. „Neue Welt… Tod." War alles, was Lilah von sich gab. Angel war überrascht, so wortkarg und unzusammenhängend schwafelnd kannte er die sonst so schlagfertige Anwältin gar nicht.

„Hmm?" fragte er deshalb. Lilah fing sich wieder und sprach nun hektisch weiter: „Die Schriftrolle… Die Shanshu Prophezeiung. Der Übersetzer sagte, dass da etwas über ein Kind steht… Keine normale Geburt… und das es den Tod bringt!" Jetzt begriff auch Angel. „Oder eine neue Welt anbricht."

Lilah nickte, fiel in ihr altes Muster zurück und sagte sarkastisch, mit traurigem Unterton: „Bis jetzt sieht's eher weniger nach einer neuen Welt aus…" Angel war geschockt dies von Lilah zu hören. Das klang ganz so, als hätte sie ihre Schwester schon aufgegeben.

Er baute sich vor ihr auf und sprach fassungslos: „Haben Sie Ihre Schwester etwa schon aufgegeben? Sie ist eine Kämpferin, sie gibt nicht einfach so auf! Sie schafft das!" Beim letzten Satz hätte er die Anwältin beinahe geschüttelt, da er erst jetzt realisierte, dass sich seine Hände auf ihren Schultern befanden. Lilah sah ihn nur emotionslos an. Sie wusste einfach nicht was sie fühlen oder denken sollte.

TBC