~Kapitel 27~

Nach der Arbeit fuhr Lilah direkt ins Krankenhaus. Es war später geworden, als beabsichtigt. Zielstrebig peilte sie Lilliana's Krankenzimmer an. Als sie die Tür öffnete sah sie Lilliana, diesmal mit ein paar weniger Schläuchen und gleich daneben Angel. Sie unterhielten sich, auch wenn die weibliche Stimme noch schwach klang. „Lilliana! Süße! Du bist wach!" Die Anwältin stürmte auf das Krankenbett zu und umarmte ihre Schwester sanft.

„Hallo Angel." Fügte sie dann noch ein wenig verhaltener hinzu. „Wie geht es dir?" Lilliana versuchte ein Grinsen. „Als wär ich von den Panzerknackern zusammengeschlagen worden." Lilah strich ihrer kleinen Schwester über den flachen Bauch und nahm dann ihre Hand. „Es tut mir soo leid!" Lilliana nickte und sagte mit schwacher Stimme: „Ich weiß, es ist nicht deine Schuld. Vielleicht sollte es einfach nicht sein…" Eine Träne kullerte ihre Wange hinab, die Angel zärtlich wegwischte. Von der Prophezeiung erwähnte keiner etwas.

Stille kehrte ein, die Lilliana nach einer Weile wieder brach. „Angel war vorhin so komisch, als ich ihn auf dich angesprochen hab. Warst du in der Kanzlei?" Lilah grinste erneut. „Ja, es ist besser gelaufen, als ich erwartet hatte." Sie schaute auf Angel, welcher sie nur fragend ansah. „Ich denke, wir brauchen uns keine Gedanken mehr machen, die neue Chefin von Wolfram und Hart's Spezialprojektabteilung wird sicher einiges ändern."

Beide blickten die Anwältin mit großen Augen an. „Ich hatte ein Gespräch mit den Seniorpartnern und konnte sie davon überzeugen, dass eigentlich Holland die Wurzel allen Übels war. Glücklicherweise hatte ich noch einige andere Informationen gesammelt, die ihn in einem weniger guten Licht präsentierten, als wie er immer vorgab. Und mein Licht dadurch wieder ein wenig heller schien."

Lilliana war glücklich, aber Angel wusste nicht, was er davon halten sollte. Beide blieben bis zum Ende der Besuchszeiten, dann wurden sie nach Hause geschickt. Seite an Seite gingen der Vampir und die Anwältin Richtung Parkplatz. Vor Lilah's Auto sprach Angel sie darauf an, was ihm die ganze Zeit im Kopf herumging. „Also, Sie sind jetzt Abteilungsleiterin, hmm?" Lilah nickte. „Na dann: Glückwunsch! Was bedeutet das jetzt?"

Lilah verstand. „Ehrlich gesagt: ich habe keine Ahnung. Ich konnte Lilliana da herausbringen, aber Sie stehen immer noch im Mittelpunkt des Projekts…" Diesmal nickte Angel. „Ich verstehe." Lilah zuckte mit ihren Schultern. „Es tut mir leid. Aber trotzdem bin ich Ihnen sehr dankbar, was Lilliana angeht!" Die beiden sahen sich in die Augen und Angel erkannte die Ehrlichkeit, die dahinter steckte. Er nickte erneut und wendete sich dann ab. „Man sieht sich, Lilah!" Diese lächelte nur und sah Angel im Dunkeln verschwinden. Sie stieg in ihr Auto und fuhr nach Hause.


Ein paar Wochen später. Lilliana ging es mit jeder Woche besser. Lilah und Angel besuchten sie jeden Tag im Krankenhaus. Die Anwältin hatte derweil offiziell die Leitung des Spezialprojekteteams übernommen. Niemand war über die genauen Umstände von Holland's Verschwinden informiert und Lilah hatte auch nicht vor, dies zu tun.

Ihr reichte es aus, wenn ihre Untergebenen wussten, dass sie einen erheblichen Teil dazu beigetragen hatte, was ihr deren Respekt sicherte. Lindsey hatte sie aus Rache zu ihrem persönlichen Laufburschen degradiert. Es machte zwar nichts ungeschehen, aber es amüsierte sie wenigstens.

Sie konnte zwar auch irgendwie verstehen warum er das getan hatte, denn wenn Wolfram und Hart ruft, springt man eben. Oder man ist ein überzeugender Redner, welcher selbst die Seniorpartner einwickeln kann. Lilah betonte Lindsey gegenüber immer, dass er froh sein konnte, überhaupt noch hier zu sein, doch sie wusste, dass sie ihm wohl irgendwann irgendwie verzeihen würde.

Angel wusste, dass der Frieden zwischen sich und Lilah nur kurz währte. Sie begegneten sich jeden Tag im Krankenhaus, aber Lilah ließ den beiden auch ihre Privatsphäre. Zwar hatte Lilliana ihr Kind verloren, aber sie liebten sich ja trotzdem immer noch. Angel machte ihr unzählige Vorschläge, was sie alles machen konnten, wenn sie entlassen wurde, Lilliana jedoch hielt sich in Sachen Zukunftsplanung stets zurück.

Sie begründete dies damit, dass es noch nie ihre Stärke war, voraus zu planen und das war noch nicht einmal gelogen. Langsam konnte sie auch das Zimmer verlassen und sie konnten draußen spazieren gehen, natürlich nur in der Dämmerung. Am Tag bei strahlendem Sonnenschein übernahm Lilah die Spaziergänge.

Sie sprachen über alles Mögliche und Lilah musste auch Lilliana gegenüber zugeben, dass sie für nichts garantieren konnte, was Angel anging. Die Anwältin konnte schließlich nicht das Spezialprojekt selbst aus der Spezialprojektabteilung streichen. Sie konnte Lilliana's Besorgnis aber durchaus verstehen und sah auch den Konflikt, der auf sie zukommen würde, wenn Angel und Lilliana nach dem Krankenhausaufenthalt zusammen sind.

Jetzt, wo sie und ihre Schwester wieder vereint waren, wollte sie ihr gutes Verhältnis deswegen natürlich nicht gleich wieder in den Sand setzen und so verdrängte sie den Gedanken einfach in die dunkelste Ecke ihres Gehirns und erfreute sich stattdessen an der Tatsache, dass Lilliana sich wieder erholte und auch der Verlust ihres Kindes nicht allzu schwer auf ihrer jungen Seele lag.


Angel und Lilah trafen diesmal schon am Parkplatz aufeinander. Sie betraten die Klinik gemeinsam und unterhielten sich sogar über belanglose Dinge. Als sie Lilliana's Krankenzimmer betraten waren beide schlagartig ruhig und erstarrt. Das Bett war frisch bezogen und gemacht, die Apparate waren weggeräumt und auch sonst sah das Zimmer unbenutzt aus.

Lilah warf einen Blick auf die Zimmernummer. Die stimmt! Sie sahen sich verwirrt an, als plötzlich eine Krankenschwester vorbeikam. Sie betrat das Zimmer mit einem frischen Kopfkissen in der Hand. Beide lösten sich aus der Starre und die Anwältin fragte: „Wo ist sie? Lilliana McIntyre. Sie lag doch gestern noch in diesem Zimmer!" Die Schwester platzierte das Kissen auf dem Bett und wand sich dann den beiden Besuchern zu.

„Ach ja, die Kleine! Ja, sie hat sich heute Morgen auf eigene Verantwortung entlassen." Der fragende Blick der beiden wandte sich in Schock. „Und wohin wollte sie gehen?" Die Schwester zuckte mit den Schultern. „Das hat sie nicht gesagt. Ähm, Moment, sind Sie Lilah und Angel?" Beide nickten eifrig. „Dann hat sie Ihnen eine Nachricht da gelassen, ich hol sie schnell." Sie verschwand aus dem Zimmer, lief zum Schwesternzimmer und als sie wiederkam hatte sie einen Briefumschlag in der Hand. Die Schwester hielt ihnen den Brief hin und Lilah riss ihn ihr förmlich aus der Hand.

Liebe Lilah, lieber Angel,

es tut mir sehr leid, dass ich einfach abgehauen bin. Seit meinem Auftauchen hier habe ich alles total durcheinandergebracht und der Großteil von dem was passiert ist, war meine eigene Schuld. Daher bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass es besser wäre, wenn ich erstmal wieder für eine Weile verschwinde. Ich bin sowieso niemand, der gern lang an einem Ort ist.

Bitte versucht nicht mich zu finden! Ich komme klar, mir geht es gut und ich melde mich, wenn ich soweit bin.

Ich hoffe ihr könnt mir eines Tages meinen plötzlichen Aufbruch verzeihen, spätestens wenn wir uns einmal wiedersehen. Und bekriegt euch nicht zu sehr, wenn ich weg bin!

Ich liebe euch über alles!

Bye,

Lilliana.

Schon beim Lesen der Zeilen weiteten sich die Augen der beiden und Lilah's Augen fingen an feucht zu schimmern. Nach dem Lesen ließ sich die Anwältin auf den nächstgelegenen Stuhl fallen und wischte unauffällig über ihre Augen. Sie wollte nicht vor Angel heulen. „Sie hat es schon wieder getan. Sie ist einfach auf und davon…" Ihre Stimme klang zutiefst enttäuscht und konnte auch die aufsteigende Traurigkeit nicht verbergen.

Angel war sprachlos. Er nickte nur zustimmend und setzte sich auf den Stuhl neben ihr. Schweigen trat ein. Jeder hing seinen Gedanken nach. Nun wusste Angel, warum Lilliana so zurückhaltend war, als er sie auf die Zukunft ansprach: Sie hatte sich schon länger mit dem Gedanken getragen, abzuhauen.

Lilah brach schließlich das Schweigen und meinte mit neutraler Stimme: „Also ich brauche jetzt einen Drink! Kommen Sie mit?" Angel sah die Anwältin überrascht an. „Alkohol wirkt Wunder bei Enttäuschung und Wut! Und ich kann mich ja schlecht selbst bestrafen, wenn ich mir mit dem ‚Feind' einen Drink genehmige." Angel verzog kurz seine Mundwinkel zu einem Grinsen. „Also schön, dann mal los."

Erst jetzt bemerkten sie, dass Angel Lilah's Hand festhielt und sich ihre Nägel vor Wut tief in seine Haut bohrten. Schnell ließen sie sich los. „Ähm, sorry." Lilah zeigte auf die deutlichen Spuren, die sie hinterlassen hatte. „Schon ok, ich bin ja praktisch schmerzfrei." Leider gilt das nicht für den beseelten Teil. Dachte er, als der Schmerz in seiner Brust und das Brennen in seinem Inneren erneut auftauchten, genauso wie damals, als er dachte, dass Lilliana ihn verlassen würde. Nun war es tatsächlich soweit und ihm war klar, dass dieses Gefühl diesmal nicht so schnell vergehen würde.

Vielleicht konnte ein wenig Alkohol das Gefühl ja tatsächlich ein bisschen dämpfen. Also standen sie auf, verließen gemeinsam das Krankenhaus und kehrten in die nächste Bar ein.

~Ende~

Und das war auch schon das Ende der Story. Vielen Dank an alle Leser!
Über Reviews freue ich mich jederzeit! =)