Kapitel 4

Dieser Abend wird mir wohl für immer im Gedächtnis bleiben. Es ist, als wäre er in mein Gehirn gebrannt worden, denn selbst wenn ich wollte, ich könnte ihn nie vergessen...obwohl, ich will ja ehrlich sein. Es gab sie, die Tage und Stunden in denen ich mir nichts sehnlicher wünschte als einfach alles zu vergessen, nicht mehr daran erinnert zu werden, weil die Erinnerung einfach zu sehr schmerzte.
Doch inzwischen bin ich froh, dass sich dieser Wunsch nie erfüllt hat. Es war der Beginn von etwas sehr Besonderem und allein für Sammy darf ich nicht vergessen was damals passierte. Er ist auch der Grund, warum ich begonnen hab meine Geschichte zu erzählen. Wenn Sammy diese Seiten irgendwann einmal lesen wird, wird er verstehen, dass der Abend noch aus einem ganz anderen Grund etwas Besonderes war. Ich lernte nicht nur Rokko kennen, jemand der mein Leben beeinflusst hat wie kein anderer, sondern es war auch das erste Mal, bis auf Jürgen und natürlich Papa, dass sich ein Mann freiwillig mit mir unterhalten wollte.
Nachdem Jürgen gegangen war, irgendwie musste er gemerkt haben, dass ich mit Rokko allein sein wollte, denn er zwinkerte mir zu als er ging. Er kannte mich einfach zu gut. Jürgen wusste, dass ich momentan nicht damit umgehen konnte, ihn in meiner Nähe zu haben. Aus irgendeinem Grund, wollte ich wie eine normale Studentin wirken und Jürgen kannte einfach zu viele meiner Peinlichkeiten. Generell war es mir nicht unangenehm und ich konnte wirklich damit umgehen, wenn Jürgen irgendeinen Kommentar über einen meiner Lisa-Momente abgab, aber vor Rokko? Nein, dass ging nicht. Ich wurde doch schon ohne einen wirklich triftigen Grund rot, wie sollte das dann mit Jürgen in der Nähe aussehen? Ich dankte Jürgen wirklich von ganzem Herzen, dass er mir die rote, vor sich hinstammelnde Lisa erspart hatte und nahm mir vor, ihm etwas ganz besonderes zu Weihnachten zu schenken.
Also, Jürgen war weg und wir begannen uns zu unterhalten. Nicht einfach nur Smalltalk..gut, am Anfang war es wirklich das typische Woher kommst du?, Studierst du? Ja? Wo? usw.. So erfuhr ich, dass Rokko ursprünglich aus Pinneberg kam, aber seit einigen Jahren in Berlin wohnte und an der „Berliner Technischen Kunstschule" Kommunikationsdesign studierte. Er erzählte von seinem Studium in den buntesten Farben, wie toll es war nun schon im 5. Semester zu sein in dem sie nun auch immer öfter mit führenden Werbeagenturen zusammenarbeiten würden. Ich hatte noch nie jemanden kennengelernt, der so leidenschaftlich über sein Studium redete. Die meisten meiner Kommilitonen machten sich nur darüber Gedanken, wie viel sie wohl mal verdienen würden und das, obwohl wir alle erst im ersten Semester waren. „Du denkst jetzt bestimmt, „Was ist das für ein Angeber, redet die ganze Zeit nur über Werbung und so'n Zeug"." sagte Rokko plötzlich. Ich schüttelte nur schüchtern mit dem Kopf und verneinte seine Aussage. Es war eher das Gegenteil. Ich war fasziniert, fasziniert von seiner Leidenschaft. „So, damit ich meiner lieben Mutter beweisen kann, dass ihre Erziehung gefruchtet hat: „Was studierst du eigentlich? Du hast bisher nur gesagt, dass du an der HU (Anmerkung des Autors: mit HU ist die Humboldt-Universität gemeint) studierst." „BWL mit Nebenfach Mathe. Also bestimmt nicht so interessant wie dein Studium." erwiderte ich. Ich meine, die meisten Leute finden BWL wirklich langweilig, das weiß ich und da war so jemand wie Rokko mit Sicherheit keine Ausnahme. Doch er überraschte mich mit wirklichem Interesse an meiner Studienwahl. „Hey Lisa, hast du mir grad zugehört?" fragte er plötzlich. Na toll, ich war wieder einmal so in Gedanken versunken, dass ich seine Frage nicht mitbekommen hatte. Dabei passierte mir doch sowas sonst nur in der S-Bahn. „Ähh..nein...ich mein...also,nein hab ich nicht.'Tschuldigung." antwortete ich rotwerdend. Da war sie wieder die rotwerdende, schüchterne Lisa, die ich doch grad vor Rokko verbergen wollte. „Ich hab gefragt, warum du BWL studierst, wenn du es so langweilig findest." sagte Rokko mit seinem schiefen Lächeln. Dieses Lächeln. Woher sollte ich wissen, dass er es mit diesem Lächeln immer wieder schaffen würde mich aus der Reserve zu locken und mich meine Schüchternheit vergessen zu lassen. „Nein...also nein,das meinte ich gar nicht." begann ich stotternd. „Ich meinte damit nur, dass die Meisten BWL ziemlich langweilig finden und dann auch noch Mathe dazu. Ich mein, die Meisten sind froh, wenn sie nach dem Abi nichts mehr mit Mathe zu tun haben. Also für die Meisten sind BWL und Mathe nichts was sie freiwillig studieren würden. Tja..ähm..und ehrlich gesagt, denke ich, dass du genau zu dieser Gruppe gehörst, also, dass du BWL langweilig findest." Woher kam denn das? Woher dieser Mut meine Meinung zu sagen und dann auch noch einem Wildfremden. Ich wurde noch nicht einmal rot. Bei Yvonne und Jürgen hatte ich damit keine Probleme, obwohl ich häufig auch bei Yvonne den einen oder anderen Kommentar für mich behielt. Doch Rokko überraschte mich, er zeigte wirkliches Interesse. „Okay, du hast Recht. Ich finde BWL und Mathe wirklich nicht gerade interessant, aber ich würde wirklich gerne wissen, was du daran so toll findest." „Weißt du, ich hatte schon immer ein ganz besonderes Verhältnis zu Zahlen. In der Schule war mein Lieblingsfach immer Mathe gewesen und alles, was damit zu tun hatte. Ich weiß auch nicht warum, aber vielleicht hat es damit zu tun, dass dich in der Mathematik nichts unerwartetes begegnet. Du kannst alles erklären, selbst wenn es mal keine Lösung gibt. Außerdem..." und auf einmal, war ich es, die leidenschaftlich über ihr Studium redete. Aus einem Grund, den ich damals nicht verstand. Woher kam dieses Selbstbewusstsein, dass ich einmal aussprach, was mich wirklich bewegte? Heute weiß ich, dass es wirklich an Rokko lag. Es war seine Art, sich für die Menschen um ihn herum zu interessieren. Dabei war es ihm egal, wie sie aussahen oder ob sie Geld hatten. Ihm war es einfach nur wichtig, dass sie authentisch waren, sich nicht verstellten. Denn wie ich bald feststellen sollte, wurde er schon damals von seinen Dozenten als zukünftiger Werbekomet gehandelt. Dadurch wollten natürlich alle mit ihm befreundet sein, um auch etwas von dem Wohlwollen der Dozenten abzubekommen. Daher kam eben auch das Interesse an jemanden unscheinbarem wie mir, denn anscheinend kam es so rüber, dass es mir egal sei, was er über mich und mein Studium dachte. In Wirklichkeit stimmte das natürlich nicht, sonst wäre es mir mit Sicherheit egal gewesen, ob Jürgen noch bei uns wäre oder nicht. Woher sollte ich wissen, dass er mich schon damals irgendwie faszinierend fand, auch wenn er es erst sehr viel später bemerkte, wie er mir einmal verriet.
Nach meiner kleinen Rede über mein Studium erwiderte Rokko nur: „Ich find's toll, wenn jemand so ein Verhältnis zu Zahlen hat. Ich hab immer in allem versagt, was mit Zahlen zu tun hatte. Dafür hab ich immer gern gezeichnet. Manchmal hab ich mir sogar ausgedacht, wie ich irgendeine Werbung im Fernsehen oder in 'ner Zeitschrift machen würde." Wir hatten uns in der Zwischenzeit an die Bar gesetzt und unterhielten uns über alles Mögliche. Ich vergaß wirklich wo ich mich befand und das ich ihn erst heute kennengelernt hatte. Ich weiß nicht, ob es Rokko genauso ging, denn plötzlich sprang er wie von der Tarantel gestochen auf „Ach du Scheiße, ist es wirklich schon um 1?". Ich guckte auf meine Uhr, nickte und fragte was mit ihm los sei. „Ich hätte schon vor 'ner ganzen Weile losgemusst. Ich war schon vor einer Stunde verabredet. Mist! Jetzt wird sie mir vorhalten, dass ich immer zu spät komme!" er verabschiedete sich noch kurz mit einem „Tut mir leid, aber ich muss wirklich los. Tschüss, vielleicht sieht man sich ja mal wieder." und dann war er verschwunden. Ich konnte nur noch daran denken, dass er „sie" gesagt hatte und wer „sie" wohl war. War ich vielleicht nur irgendein ein Zeitvertreib gewesen? Schließlich meinte er ja vorhin, dass er nur 'nen Freund begleitet hatte, der hier nicht allein hingehen wollte. Was hatte das alles nur zu bedeuten?
Woher sollte ich denn ahnen können, dass das Schicksal noch so einiges für Rokko und mich geplant hatte und wir uns durch einen sehr seltenen Zufall bald wieder begegnen sollten.