„Hör zu…"

Aoko schritt unbeirrt weiter. In ihrer Hand hielt sie ihre Schultasche umklammert, während Kaito ihr hinterher hastete und versuchte, ein ordentliches Gespräch zu führen.

„Aoko!", rief Kaito, spurtete an ihr vorbei und blieb unmittelbar vor ihr stehen, um sie so zum Bremsen zu bewegen. Für einen Moment dachte Kaito, sie würde direkt in ihn hineinrennen. Wahrscheinlich hatte sie das ursprünglich auch vorgehabt, und sich erst im letzten Moment dagegen entschieden.

„Hör zu", wiederholte sich Kaito und legte seine Hände auf Aokos Schultern. Sie hob eine Augenbraue. „Es… tut mir Leid, ja? Also hör auf, rumzuschmollen!" Aoko schüttelte seine Hände mit einer raschen Bewegung ab und erwiderte: „Ich schmolle nicht." Sie wollte sich wieder in Bewegung setzen, doch Kaito hielt sie erneut davon ab, einfach weiterzulaufen.

„Wenn du möchtest…", Kaito zögerte kurz und überlegte sich seinen nächsten Schritt reiflich, „Wenn du möchtest, kannst Du mir gerne eine reinhauen! …das würdest Du sonst doch auch in so einer Situation machen!"

Aoko durchbohrte Kaito mit ihrem Blick. Offenbar prüfte sie, wie ernst er es meinte. Dann hob sie langsam ihre Hand und holte zu einer Ohrfeige aus. Kaito schloss die Augen und erwartete einen gepfefferten Schlag. Als er hörte, wie sich Aokos Hand in rasender Geschwindigkeit auf ihn zu bewegte und die dünne Luft zwischen ihnen durchschnitt, kniff er die Augen fest zusammen.

Doch nichts kam. Kein Schmerz, kein Klatschen, kein gar nichts. Als er zögernd und ganz langsam nur zunächst sein rechtes, dann sein linkes Auge öffnete, sah er, dass Aoko kurz vor seiner Wange gestoppt hatte. Nur wenige Zentimeter trennten Aokos Hand von seinem Gesicht. Kaito konnte Aokos Mimik kaum erahnen, geschweige denn entschlüsseln, weil ihr Haar ihr Gesicht verdeckte.

Dann schüttelte sie den Kopf, rang sich zu einem seichten Lächeln durch und hakte sich mit dem eben noch erhobenen Arm nun bei Kaito ein, um weiterzlaufen. „Es ist nichts!"

Oh, und ob etwas war! Aoko hakte sich nicht so einfach bei Kaito ein. Aoko würde auch niemals die Gelegenheit verstreichen lassen, Kaito eine ordentliche Tracht Prügel zu verabreichen. Vor allem dann nicht, wenn er es eigentlich auch verdient hätte.

„Vergiss es einfach!" Aoko marschierte schnurstracks weiter und zog Kaito dabei halbherzig hinter sich her, der mit Müh und Not hinterher stolperte.

Das wurde langsam gruselig. Aber Kaito wäre ja nicht Kaito, wenn er nicht noch ein Ass im Ärmel gehabt hätte. Ach was, sein Ärmel bestand quasi nur aus Assen! Sein Repertoire umfasste massenweise Tricks, mit denen er Aoko schon noch drankriegen würde. Im Moment entschied er sich dafür, gleich zu rabiateren Methoden zu greifen.

„Ach, da fällt mir ein, dass ich noch ganz schnell was erledigen muss!", sagte Kaito und wieselte sich aus Aokos Klammergriff. Aoko stutzte kurz, dann stemmte sie die Arme in die Hüfte und erwiderte: „Fein! Ich hab auch noch genug zu tun!" Trotzig stampfte sie in die eine Richtung, Kaito eilte flugs in die andere.

Mit dieser Aoko stimmte etwas ganz und gar nicht und Kaito würde dem auf den Grund gehen. Koste es, was es wolle!

Kaum eine Stunde später stand er in völlig neuer Aufmachung an der Straßenecke zu Aokos Haus. Mit einer Latex-Maske und einem Kleidungsstil, der so unauffällig war, dass es ihn kaum wundern würde, wenn einige Leute einfach durch ihn hindurchzugehen versuchten, würde er Aoko nun auf die Schliche kommen. Da spielte der große Phantomdieb eben einfach mal Detektiv, so schwer konnte das ja wohl nicht sein. Es war Freitag, später Nachmittag, irgendwas würde Aoko ja wohl vorhaben. Irgendetwas, was sie verraten würde. Etwas Verdächtiges. Etwas, das ihr Verhalten erklären sollte.

Er könnte jetzt offensiv vorgehen - sich einfach bei ihr in den Vorgarten setzen, oder auf einen Baum klettern und mit einem Fernglas durch ihr Fenster sehen, um zu schauen, was sie so treibt. Er könnte aber auch wesentlich passiver vorgehen und einfach… doch da kraxelte Kaito bereits einen dichten Kirschbaum vor dem gegenüberliegenden Gebäude hinauf, positionierte sich dort so, dass er einen guten Blick auf Aokos Zimmer und einen bequemen Sitz hatte und begann dann… zu warten.

In Aokos Zimmer bewegte sich nichts. Auch der Rest des Hauses schien ziemlich still. Kommissar Nakamori war vermutlich irgendwo im Einsatz. Aber wo war Aoko? Wenn sie schon unterwegs war, war das seiner Detektivarbeit wirklich sehr hinderlich. Immerhin hatte sie schon groß angekündigt, noch genug zu tun zu haben. Kaito hatte das leichtsinnigerweise für einen Bluff gehalten, doch nun, wo er sie nicht entdecken konnte, wurde er doch etwas nervös.

Er reckte und streckte sich, um auch in alle Winkel des Hauses einen bestmöglichen Blick zu erhaschen, immer darauf bedacht, nicht die Balance zu verlieren, um nicht unsanft aus dem Baum zu fallen. Und dann, endlich, entdeckte er sie. Und war direkt enttäuscht.

Sie lag einfach nur auf dem Bett. Sie regte sich gar nicht. Starrte einfach nur die Decke an. So ein langweiliges Mädchen.

Plötzlich ließ sie etwas aufschrecken – sie richtete sich direkt auf und sah zu ihrer Zimmertür, durch die in diesem Moment Kommissar Nakamori trat. Er sah ein bisschen schuldbewusst aus, doch ansonsten genauso langweilig und spießig wie eh und je. Kaito schob es darauf, dass er wohl dachte, Aoko gerade geweckt zu haben.

Kaum war Nakamori wieder aus der Tür verschwunden, taumelte Aoko zu ihrem Kleiderschrank, wühlte kurz darin, bis sie offenbar gefunden hatte, was sie gesucht hatte, und verließ dann mit einem kleinen Stapel Kleidungsstücken das Zimmer.

Kaito wartete darauf, dass sie hinter einem Fenster der anderen Räume wieder auftauchte, doch sie blieb verschwunden. Entweder verharrte sie geraume Zeit im Flur, was Kaito aber selbst für sehr unwahrscheinlich hielt, oder aber – und das erschien Kaito hingegen sehr plausibel – sie war geradewegs ins Badezimmer gegangen. Denn, sofern Kaito den Grundriss des Hauses der Familie Nakamori noch richtig im Gedächtnis hatte, war das Bad aus seiner Perspektive heraus nicht einsehbar… was ja durchaus verständlich war.

Puh, das konnte jetzt dauern… Kaito lehnte sich zurück und brachte sich in eine etwas bequemere Position. Er verschränkte die Arme hinter dem Kopf und begann zu grübeln. Was zum Teufel machte er hier eigentlich? Wie ein billiger Voyeur in einem Baum hockend, nur um eine Klassenkameradin zu beobachten… Aoko… eine Klassenkameradin… eine Sandkastenfreundin… Na und wenn schon, selbst wenn sie sich seit dreizehn Jahren kannten – mehr war Aoko doch gar nicht. Eine Nervensäge. Ein Quälgeist. Ein einfaches, dämliches Mädchen mit dem Körper einer Dreizehnjährigen. Er hätte jetzt so viele andere Dinge erledigen können… und trotzdem saß er hier für dieses dümmliche Weibsbild… nein, nicht für – sondern wegen. Wegen dieses dämlichen Weibsbildes. Wenn sie sich einfach normal verhalten hätte, dann könnte er jetzt unbekümmert seines Weges gehen. Aber nein – das Fräulein Dramaqueen musste ja einen auf Gefühlsschwankungen machen. Das machte sie doch absichtlich! Sie wusste genau, dass Kaito sich Sorgen machte und dass er wie ein Irrer in dem Baum saß und sie beobachtete. Sie wusste es! Und sie wollte es so! HA! Aber diese Genugtuung würde er ihr nicht gönnen. Er würde weiter wie ein Besessener in dieser Baumkrone verharren und ihr nachgehen!

Wie Kaito so über Aoko nachdachte und warum er eigentlich auf dieser dämlichen Eiche in dieser gottverdammten Kälte saß… und sich daran erinnerte, wie er sie damals vor dem Glockenturm traf, wo sie alleine auf ihren Vater wartete… da wurde ihm doch ein bisschen warm im Brustkorb. Vielleicht war das aber auch nur eine Erkältung, die er sich gerade einfing, weil er am Spätnachmittag in Bäumen rumlungerte, um Frauen nachzustellen.

Während Kaito so vor sich hin gegrübelt hatte, war Aoko aus dem Bad zurückgekehrt. Sie war in einen quietschgelben Frottee-Badeanzug gehüllt und ihre Haare fielen ihr nass und schwer auf die Schultern. Die Klamotten, die sie sich zuvor mitgenommen hatte, trug sie wieder unter dem Arm. Versteh einer die Frauen. Transportieren Dinge ohne ersichtlichen Grund von A nach B. Doch Kaito konnte sich gerade kaum den Kopf über die Eigenarten von Frauen zerbrechen. Der Gedanke, dass er gerade eine Aoko im Bademantel vor sich hatte… Kaito schüttelte den Kopf. Nur Aoko kam darauf, mit ihren fast 18 Jahren in einem gelben Frottee-Bademantel herumzulaufen! Jedes anständige Mädchen hätte sich doch in ein viel zu knappes Handtuch gehüllt, das viel zu viel nackte Haut zeigte, damit es sich für jeden Hobby-Voyeur doch auch lohnte, durch's Fenster zu gucken!

Aokos glatte Beine schafften es auf unnatürliche Weise trotz dieses gelben Ungetüms aus Frottee hervorragend auszusehen. Auch, wenn Kaito es ihnen nicht zugestehen wollte. Er hängte sich immer noch an der Idee auf, dass Aoko in ihrem Alter nicht mehr in Bademänteln herumlaufen sollte. Doch da streifte sie das Ding auch schon ungeniert ab – immerhin wusste sie ja nicht, dass jemand – und vor allem um wen es sich bei diesem jemanden handelte - sie ganz genau beobachtete.

Aoko hatte gerade erst den linken Ärmel des Mantels über ihre Schulter gestreift und diese entblößt, da hatte Kaito schon instinktiv den Kopf weggedreht und begann, in eine andere Richtung zu starren. Seine Kopf war hochrot, das Blut rauschte ihm in den Ohren. Was…was… was fiel ihr denn ein, sich einfach so vor dem Fenster auszuziehen, ohne zu überprüfen, ob sie nicht jemand beobachtete?! Hatte ihr Vater ihr denn gar nichts beigebracht?!

Für einen Moment war Kaito hin und hergerissen, ob er nun zu Aoko rüber spähen sollte oder nicht. Es konnte immerhin wichtig für seine Recherchen über Aokos seltsames Verhalten sein…. Andererseits war es vielleicht doch etwas unhöflich, so ungeniert zu ihr rüber zu schauen. Außerdem handelte es sich doch nur um Aoko – was sollte es da schon großartig zu sehen geben? Noch dazu hatte er schon oft genug einen Blick unter ihren Rock erhaschen können… was sollte da schon großartig anders an einer Aoko sein, die gerade frisch aus der Dusche gestiegen war? Sie war bestimmt einfach nur… glitschig und nass und eklig… wer möchte schon ein glitschiges Mädchen in den Armen halten…? Momentmomentmoment – von „im Arm halten" war doch nie die Rede gewesen! Kaito musste sich wieder auf's Wesentliche konzentrieren. …aber vielleicht sollte er Aoko mal vorschlagen, gemeinsam in ein Schwimmbad zu gehen. Die idee sollte er zumindest im Hinterkopf behalten.

Er drehte langsam den Kopf zurück in Richtung Aokos Zimmer. Zunächst blinzelte er nur mit einem Auge herüber… dann erkannte er, dass sich Aoko inzwischen einigermaßen angekleidet hatte und gerade dabei war, sich mühsam in eine Nylonstrumpfhose zu wieseln. Sie tapste dabei unbeholfen durch's Zimmer, das eine Bein schon in die Strumpfhose gezwängt, das andere wild in der Luft herum rudernd in der Hoffnung, es auch irgendwie in die Strumpfhose gequetscht zu kriegen.

Kaito hätte beinahe laut losgelacht, doch momentan ging seine Tarnung vor. Er konnte sich jetzt doch nicht so einfach durch schallendes Gelächter verraten! Auch wenn es zu köstlich war, einer tollpatschigen Aoko beim Einkleiden zuzusehen.

Einige Minuten später hatte sich Aoko nahezu komplett in Schale geworfen – sie trug ein hellblaues, gerüschtes Kleid, das hinten mit einer Schnürung versehen war und hatte sich nun vor ihren Spiegel gestellt, um sich auch noch ihr Gesicht zu bemalen. Kaito beobachtete, wie sie die typischen, weiblichen Grimassen zog, die alle Frauen während des Schminkens einmal durchliefen. Währenddessen fragte er sich, warum er dieses Kleid noch nie an Aoko hatte sehen dürfen. Es war ja nicht so gewesen, dass er noch nie etwas mit ihr unternommen hatte! Genau genommen, hatte es schon genug Gelegenheiten für sie gegeben, sich auch für ihn so schick zu machen. Aber anscheinend hatte sie es bislang nicht für nötig gehalten.

Kaito grummelte ein wenig vor sich hin. Aber eifersüchtig war er nicht – definitiv nicht! Auf wen denn auch? Und wieso überhaupt? Das war doch unsinnig! Pfff, wer würde wegen Aoko denn überhaupt auch nur ansatzweise so etwas wie Eifersucht empfinden?

In den folgenden Minuten wurde, sofern Kaito das von seinem Versteck aus beurteilen konnte, das Glätteisen strapaziert, diverse Accessoires an- und wieder abgelegt, und ein kleinerer Wutanfall, in dem Aoko ihre Frisur wieder komplett zerwuselte und mit dem Fuß auf den Boden aufstampfte, durchlebt. Insgesamt sehr interessant anzuschauen, aber nicht wirklich ertragreich. Wenn dieses dümmliche Mädchen sich jetzt noch den ganzen Abend einfach nur ankleiden wollte, ohne irgendwas sinnvolles zu tun, nachdem sie sich nun schon so aufgebrezelt hatte, würde Kaito es ihr ziemlich übel nehmen. Wie lange mochte er hier nun schon so sitzen, ohne dass etwas Nenneswertes passiert war…? Kaito seufzte. Definitiv zu lange.

Doch dann ging plötzlich alles ganz schnell – Aoko warf eine scheinbar willkürliche Auswahl an Schminkzeug in ein kleines Handtäschchen und einen letzten Blick in den Spiegel, dann verließ sie das Zimmer und kurz daraufhin auch das Haus. An der Tür verabschiedete sie sich von ihrem Vater, der sie noch ein wenig begutachtete, dann aber fröhlich und wohlwollend nickte.

Endlich setzte sich Aoko vollends in Bewegung und das war der Zeitpunkt, ab dem es für Kaito erst richtig interessant wurde.

(Ich selbst liebe meinen gelben Frottee-Bademantel übrigens.)