Alle Charaktere und sämtliche Rechte an ‚NCIS: Los Angeles' gehören CBS und Shane Brennan Productions. Die folgende Geschichte dient keinerlei kommerziellen Zwecken, sondern wurde nur zum Vergnügen für Fans geschrieben. Eine Verletzung des Copyrights ist nicht beabsichtigt. Alle weiteren Personen gehören der Autorin.

Viel Spaß beim Lesen und ich freue mich auf Eure Rückmeldungen.

Kapitel 3 - Erste Ergebnisse

Nach außen hin sah alles normal aus. Das Team erledigte seine Arbeit, machte weiterhin reichlich Überstunden, trotz der Unterstützung von Renko und Nate, und ließ sich die heimlichen Nachforschungen nicht anmerken. Schlaf wurde zur Mangelware, Nahrungsaufnahme zur Nebensächlichkeit. Ohne Scotts Unterstützung sowohl praktischer als auch emotionaler Art, wäre Joann untergegangen. Aber Scott kümmerte sich nicht nur um seine Tochter. Er sorgte auch für den Rest des Teams. Nach einem Telefonat mit Sam und Hetty, gab er Joann jeden Tag für alle Lunchpakete mit. Kensi hatte er aufgefordert, ihm ihre Wäsche zu bringen. Zweimal hatte sie auch bei Scott übernachtet. Joann hatte darauf bestanden, weil es extrem spät geworden war, und sich das Gästezimmer mit Kensi geteilt. Anfangs war ihr diese Fürsorge unangenehm gewesen, aber inzwischen war Kensi dankbar dafür. Es war schön, nicht immer allein zu sein.

„Jetzt weiß ich, warum Joann so gut kochen kann. Scott, dass ist fantastisch!" Kensi schaufelte den Auflauf regelrecht in sich hinein.

Scott schmunzelte. Er hatte schon von Joann gehört, das Kensi ordentliche Portionen vertilgen konnte. Die letzte Zeit hatten ihm jedoch gezeigt, dass Joanns Schilderungen eher untertrieben waren. „Es ist schön, mal wieder richtig kochen zu können. Möchtest Du noch Nachschlag, Kensi? Oder sonst noch jemand?" Scott sah in die Runde.

Heute war das ganze Team bei ihm. Sie wollten ein paar Dinge ohne Zeugen besprechen und Joann hatte, nach Rückfrage bei ihrem Vater, Scotts Haus vorgeschlagen. Er hatte eine riesige Portion Auflauf gemacht, selber Brot gebacken und eine große Schüssel Salat dazu angemischt. Die sieben fielen wie ein Schwarm Heuschrecken darüber her.

„Ja, bitte, Scott, gib mir noch eine Portion, bevor Kensi nichts mehr überlässt!" Renko grinste Kensi an, als er Scott seinen Teller reichte. „Du haust rein, als hättest Du seit Tagen nichts mehr gegessen. Dabei habe ich genau gesehen, dass Du Dir heute Morgen zwei Burritos geholt hast und heute Nachmittag einen ganzen Teller voller Donuts."

„Waren da nicht auch noch ein Hamburger und ein Milchshake?" Sam schmunzelte, während er sich noch etwas Salat nahm.

„Ja, genau, zum Mittagessen." Renko lachte, er ließ sich von Kensis Blick nicht einschüchtern.

Auch alle anderem am Tisch lachten. Schließlich fiel Kensi mit ein, ließ sich aber trotzdem von Scott noch Nachschlag geben. Die Unterhaltung war locker und entspann. Für einen kurzen Moment schoben alle ihre Sorgen beiseite und genossen das Essen und die Unterhaltung. Schließlich war der letzte Brotkrümel gegessen, das Geschirr stand in der Spülmaschine und die Küche sah nicht mehr wie ein Schlachtfeld aus.

„Okay, Leute, ich verschwinde dann mal, damit Ihr Euch in Ruhe besprechen könnt. Jo kennt sich hier aus, wenn Ihr etwas braucht. Ruft mich an, wenn Ihr fertig sein." Scott griff nach seiner Jacke und wollte gehen.

„Wo willst Du hin, Scott?" Verblüfft sah Sam den Ex-Seal an.

„Nun, was immer Ihr auch besprechen wollt, darf ich wohl kaum hören." Scott war nicht weniger erstaunt als Sam.

Aber Sam schüttelte den Kopf. „Bleib hier, wir können jeden klugen Kopf brauchen. Und jedes bisschen Erfahrung. Du bist wohl kaum ein Sicherheitsrisiko."

Scott warf einen kurzen Blick in die Runde, dann hing er seine Jacke wieder auf. „In Ordnung, Sam."

Inzwischen saßen alle wieder am Küchentisch. Eric und Nell hatten ihre Laptops vor sich stehen.

„Also, Leute, was haben wir bisher?" Sam nickte Renko zu. „Hast Du etwas von Deinen Kontakten gehört?"

„Nur Gerüchte. Das L.A.P.D. soll angeblich hinter einem großen Fisch her sein. So groß, dass sie mit verschiedenen Abteilungen an ihm dran sind. Keiner weiß, wer es ist. Aber alle Gangs, Dealer, Waffenhändler und sonstige Großverbrecher sind zur Zeit extrem misstrauisch. Sie wittern hinter jeder Ecke Verrat."

Kensi nickte. „Das sagen meine Kontakte auch. Ein paar behaupten, dass es eine behördenübergreifende Aktion ist. Aber niemand weiß etwas genaues."

„Keiner Eurer Kontakte hat eine Ahnung, gegen wen es geht? Niemand weiß, ob es sich um Drogen-, Waffen- oder Menschenhandel oder was auch immer handelt?" Scott war erstaunt.

„Viel erstaunlicher ist die Gerüchtemenge. Wenn das L.A.P.D. so eine große Aktion plant, wäre alles streng geheim. Gerüchte gibt es immer, aber diese Menge ist mehr als ungewöhnlich, sie ist auffällig." Sam war sehr besorgt. „Was haben wir noch?"

„Falls es eine behördenübergreifende Aktion ist, hat das FBI nichts damit zu tun." Joann erntete erstaunte Blicke. Sie zuckte nur mit den Schultern. „Nach der Verhaftung von Davenport und Rodriguez hat sich die Einstellung einiger FBI-Mitarbeiter zu mir geändert. Ich würde nicht sagen, dass ich Freunde dort habe, aber der ein oder andere ist gern mal hilfsbereit."

Sam ließ sich nichts anmerken. „Gab es sonst noch ‚hilfsbereite' Informationen seitens des FBI?"

Joann zögerte. „Da macht etwas die Runde, was Hetty betrifft. Es wird empfohlen, auf Abstand zu ihr zu gehen. Anscheinend ist sie auf einer schwarzen Liste gelandet und schädlich für jede Karriere."

„Das erklärt, warum Hettys eigene Kontakte ihr nicht geholfen haben." Nate war nachdenklich. „Jemand, der die Macht hat, Hetty auf eine schwarze Liste zu setzen, ist gefährlich."

„Das passt zu dem, was ich herausgefunden habe." Eric ergriff das Wort. „Ich habe versucht, die Quelle für Rays Weiterbildungsmaßnahmen zu finden. Die Spuren wurden ziemlich professionell verwischt, aber ich habe sie trotzdem gefunden." Eric machte eine dramatische Pause. „Sie führten zum Büro des SECNAV."

Das Team tauschte bei dieser Eröffnung ernste Blicke.

„Kein Zweifel möglich?" Nate fasste sich als erster.

„Nein." Eric war sich absolut sicher. „Ich habe Nell gebeten, meine Ergebnisse zu prüfen und sie hat sie bestätigt. Hetty hatte Recht mir ihrer Vermutung."

„Weißt Du schon Details?"

„Noch nicht, Joann. Ich muss sehr vorsichtig sein, schließlich soll niemand meine Nachforschungen bemerken."

Sie nickte. „Ja, schon klar, Eric, ich weiß, es ist nur…" Joann brauchte einen Moment, dann hatte sie sich wieder im Griff.

Sam musterte Joann kurz, dann wandte er sich Nell zu. „Wie weit bist Du gekommen?"

„Callens Befehle kommen anscheinend aus derselben Quelle wie Rays. Aber sie sind viel komplizierter verschlüsselt. Ich konnte einen versteckten Algorithmus entdecken, der als Alarm fungiert. Unbefugter Zugriff wird sofort gemeldet, genauso wie das Löschen des Algorithmus oder das Umschreiben. Ich arbeite noch daran, einen Weg zu finden, ihn auszutricksen."

„Wie lange?"

„Wie lange was, Sam?" Nell sah ihren Kollegen verwirrt an.

„Wie lange, bis Du ihn ausgetrickst hast?"

Nell starrte Sam durchdringend an. Dann rasselte sie eine Menge Fachausdrücke herunter, die außer Eric niemand verstand. Irgendwann bemerkte Nell das und seufzte laut.

„Keine Ahnung, Sam. Ich kann das Problem nicht mal eben nebenbei an meinem Laptop lösen, der hat zu wenig Kapazität. Die Möglichkeiten dazu bietet mir nur die Ops. Ich soll aber auch nicht auffallen und meine Arbeit muss ich auch noch machen. Reicht Dir das als Antwort?"

„Nein, aber ich werde wohl damit leben müssen." Sam lächelte Nell beruhigend an. „Nate, was haben Hetty und Du herausgefunden?"

Bevor der Psychologe antworten konnte, klingelte es. Scott warf einen Blick auf seine Gäste.

„Erwartet Ihr noch jemandem?"

Allgemeines Kopfschütteln war die Antwort. Joann stand auf und zog ihre Waffe.

„Lass uns nachschauen, Pops."

Scott nickte und gemeinsam gingen sie zur Tür. Während Joann ihrem Vater Deckung gab, öffnete dieser die Tür. Umgehend verriet ihre seine Körperhaltung, das keine Gefahr drohte. Joann sicherte ihre Sig-Sauer.

Nachdenklich blätterte Hetty die Unterlagen auf ihrem Tisch durch. Sie wusste von dem Treffen bei Scott, hatte sich aber bewusst gegen ihren Anwesenheit dort entschieden. Wieder einmal dachte Hetty darüber nach, ob sie nicht schon längst zu alt für diesen Beruf war. Es wurde Zeit, dass Zepter an jüngere Agenten weiterzureichen. Aber solange ihre Leute nicht wieder sicher und wohlbehalten bei ihrem Team waren, war der Ruhestand keine Option.

Hetty seufzte. Sie war es gewohnt, sich vor ihre Leute zu stellen, sie zu beschützen wie eine Löwin ihre Jungen. Diesmal war es anders. Ihre Leute zogen ein unsichtbares Schutznetz um sie und suchten vereint die Ursache für diese Situation.

Ein leichtes Schmunzeln spielte um Hettys Lippen. Ihre Agenten waren eine Horde von Alphatieren. Einen Sack Flöhe zu hüten war einfacher, als sich um sie zu kümmern. Dazu die beiden Computertechniker, die manchmal so in ihrer Welt von Bits und Bytes aufgingen, dass sie wirkten, als hätten sie den Bezug zur Realität verloren. Und trotzdem funktionierten diese acht Menschen als eine Einheit. Was kaum zu glauben war, wenn man sie beobachtete.

Jetzt lachte Hetty leise. Sie sah geradezu bildlich vor sich, wie Sam und Callen miteinander frotzelten und Deeks dumme Sprüche von sich gab, auf die Kensi mit passenden spitzen Bemerkungen antwortete. Joann und Ray konnten stundenlang gemeinsam diskutieren, über Waffen, Autos, Fälle, Bücher oder Musik. Nie gingen den beiden die Argumente aus. Nell und Eric saßen zusammen vor einem Monitor und versuchten, ein Problem zu lösen. Dabei beendeten sie für einander die Sätze, benutzten abwechselnd eine Tastatur und nahmen ihre Umwelt kaum war. Alle acht gemeinsam konnten sich laut und temperamentvoll streiten. Aber wehe, einer von ihnen wurde von außen angegriffen. Dann hielten sie zusammen wie Pech und Schwefel und gingen für einander durchs Feuer.

Und jetzt auch für sie.

Hetty schüttelte den Kopf und versuchte, sich wieder auf ihre Unterlagen zu konzentrieren.

„Matt! Was machst Du denn hier?" Scott hatte den Detective seit der Rettungsaktion in Mexiko nicht mehr gesehen. Und den älteren, etwas fülligeren Herrn hinter Matt kannte er gar nicht. Aber man sah ihm den Polizisten sofort an. Bevor Matt jedoch etwas sagen konnte, trat Scott zur Seite. „Ihr kommt besser rein, wir sollten im Haus miteinander reden."

„Hallo, Scott!" Zügig trat Matt ein, Peterson folgte ihm. Dann entdeckte Matt Joann, die immer noch ihre Waffe hielt. In gespieltem Schrecken riss Matt die Arme hoch. „Nicht schießen, Ma'am! Ich bin unschuldig!"

Joann lachte. „Belüg mich nicht! Du bist eine Menge, aber bestimmt nicht unschuldig!" Dann nahm sie Matt in die Arme. „Schön, Dich zu sehen, auch wenn die Umstände nicht so toll sind." Joann sah Peterson an. „Stellst Du uns Deinen Begleiter vor?"

„Ja, sicher. Joann MacKenzie, Scott Waters, das ist Detective Marcus Peterson. Ich dachte, er sollte Euch selber erzählen, was er herausbekommen hat."

Während der Begrüßung musterte Joann den Detective. Kensi hatte von ihm erzählt und Joanns erste Eindruck schien Kensis Einschätzung zu bestätigen: ein cleverer, alter Fuchs, der harmloser wirkte, als er war.

Peterson seinerseits musterte die Anwesenden ebenfalls genau. Er hatte Deeks gesagt, dass er eine ganz bestimmte Sorte Kollegen brauchte, um erfolgreich zu arbeiten. Hier saßen diese Kollegen nun und arbeiteten einen Plan aus, um Deeks zu helfen. Peterson war froh, sich nicht geirrt zu haben.

Ungefragt stellte Scott den beiden Neuankömmlingen eine Tasse Kaffee hin, während Joann die Anwesenden einander vorstellte.

„Nun, Detective, was haben Sie herausgefunden?" Auffordernd sah Joann Peterson an.

„Das wird Ihnen nicht gefallen, Agent MacKenzie. Ihr Verbindungsoffizier wurde in einen Sklavenhändlering eingeschleust."

Verblüfftes Schweigen war die Antwort.

„Sklavenhändler? Hier, in Kalifornien?" Ein wenig ungläubig sah Nell den Detective an.

Auch die anderen sahen Detective Peterson zweifelnd an.

„Sklaverei bringe ich mit Afrika oder Asien in Verbindung. Oder mit Zwangsprostitution. Auch die Kindersoldaten gehören dazu. Aber einen Sklavenhändlering in Los Angeles?" Joann schüttelte den Kopf.

„Ich weiß, so habe ich auch reagiert, als Marcus mir davon erzählte. Aber ich habe seine Informationen überprüft. Es stimmt." Matt mischte sich ein.

„Lasst den Mann mal ausreden, Ladies. Dann sehen wir weiter." Sam brachte wieder Ruhe in das Team.

Peterson nickte ihm kurz zu. „Danke, Agent Hanna. Ich verstehe Ihre Zweifel, die hatte ich auch. Aber es stimmt tatsächlich. In den meisten Fällen werden Illegale aus Entwicklungs- oder Schwellenländer eingeschleust und müssen die Kosten dafür unter fürchterlichen Umständen abarbeiten. Viele kommen da nie wieder raus. Die ‚Arbeitgeber' dieser Illegalen lassen sich alles bezahlen: Unterkunft, Nahrung, Kleidung, Strom, Gas. Sie nehmen so überhöhte Preise, dass sich die Schuldenlast niemals verringert. So müssen diese Menschen ihr Leben lang schuften und werden nie frei." Peterson machte eine Pause.

Scott nutzte diese zu einer Frage. „Wo werden diese Menschen eingesetzt?"

„Überall: Kleiderindustrie, Gastronomie, private Haushalte, Landwirtschaft, Rinderfarmen oder Kaffeeplantagen. Und wie Agent MacKenzie schon sagte, in der Prostitution. Der Ring hier in Los Angeles beschafft hauptsächlich Menschen für die Landwirtschaft, private Haushalte und Frauen zur Prostitution. Das L.A.P.D. ermittelt da schon eine Weile, konnte aber nie an die Hintermänner heran. Da kommt Deeks ins Spiel. Anscheinend hat er in diesem Bereich schon mal Undercover gearbeitet. Deswegen war er wohl die erste Wahl für diesen Einsatz."

„Das klingt alles nach einem normalen, wenn auch sehr gefährlichen Einsatz. Warum wird da so ein Geheimnis raus gemacht? Wir haben nicht die kleinste Spur finden können, weshalb waren Sie erfolgreicher?" Renko war neugierig. Was hatte dieser Detective, was Eric, Nell und vor allen Dingen Hetty nicht hatten?

Nate hatte sich bisher im Hintergrund gehalten, war aber gewohnt aufmerksam den Ausführungen des Detectives gefolgt. Langsam keimte ein Verdacht in ihm auf.

„Jemand hält uns bewusst außen vor."

Peterson wandte sich direkt dem Psychologen zu. „Sie haben Recht, Dr. Getz. Es gibt eine, sagen wir, inoffizielle Order, dem NCIS zu dieser Operation keine Informationen zukommen zu lassen. Das gilt ganz besonders für Informationen zu Detective Deeks."

„Und Sie haben das herausgefunden?" Sam sah den älteren Polizisten misstrauisch an.

Der lachte leise. „Ich bin alt, auf Grund meines Gewichtes hält man mich für geistig behäbig und ich stehe kurz vor der Rente. Viele nehmen mich nicht für voll, daher werde ich auch schnell übersehen. Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist, dass ich in vierzig Jahren Berufstätigkeit eine Menge Kontakte aufgebaut habe und mir viele Leute einen Gefallen schulden. Alles zusammen hat mir ermöglicht, an die entsprechenden Informationen zu kommen."

„Kannst Du uns auch sagen, wo Deeks jetzt ist, Marcus? Oder andere Details zu seinem Einsatz?" Kensi war sehr besorgt. Die ganze Situation war extrem mysteriös.

„Nein, leider nicht, Kensi. Diese Informationen sind streng geheim, nur für einen kleinen ausgewählten Personenkreis zugänglich. Das dient dem Schutz der Undercoverpolizisten."

„In diesem Fall wohl eher nicht. Wir wissen doch, dass das L.A.P.D. im Zweifelsfall seine Leute hängen lässt." Kensi klang bitter.

Sam versuchte, Kensi zu beruhigen. „Sicher, es ist ein gefährlicher Einsatz. Aber unser Beruf ist nun mal gefährlich, dass wusste Deeks, als er Cop wurde. Wenn er in Schwierigkeiten steckt, wird er uns zu Hilfe rufen."

Einen Moment schwiegen alle, hofften, dass es Deeks gut ging und seine Tarnung sicher war.

Schließlich räusperte sich Sam. „Danke für Ihre Unterstützung, Detective Peterson. Dadurch sind wir einen großen Schritt weiter."

„Gern geschehen, Agent Hanna. Aber ich habe bisher keine Anzeichen dafür finden können, das Deeks in Schwierigkeiten ist. Das einzige Ungewöhnliche ist die Informationssperre für den NCIS."

„Genau diese Informationssperre bestätigt unseren Verdacht, dass das L.A.P.D. eine linke Tour mit Deeks fährt. Wir müssen jetzt nur noch herausfinden, warum."

„Und Deeks da rausholen." Eric sah seine Kollegen auffordernd an.

„Vielleicht."

„Vielleicht? Was habe ich verpasst, Sam? Seit wann kümmern wir uns nicht mehr um unsere Leute?" Eric war fassungslos.

„Deeks ist Detective beim L.A.P.D. und in einem offiziellen Einsatz. Seine Abstellung zu uns als Verbindungsoffizier ändert daran nichts. Ebenso wenig, dass wir ihn als einen von uns betrachten. Wenn sein Auftrag dafür sorgt, dass ein Menschen- und Sklavenhändlerring zerschlagen wird, sollten wir Deeks lassen, wo er ist. Anstatt ihn rauszuholen, sollten wir uns überlegen, wie wir ihm dabei helfen können."

Sam erntete skeptische Blicke. Lediglich Joann nickten.

„Leute, Sam hat Recht. Auch wenn's kitschig klingt, wir sind die Guten und sorgen für Recht und Ordnung. Sklavenhändler festzunehmen gehört damit zu unseren Aufgaben. Aber soweit sind wir noch nicht. Erst einmal müssen wir Deeks finden. Dann können wir entscheiden, was wir tun."

„Fassen wir zusammen, war wir bisher haben." Sam warf einen Blick in die Runde.

Eric begann als erster. „Derjenige, der es auf Hetty und damit auch auf uns abgesehen hat, ist im Büro des SECNAV beschäftigt, oder hat dort ungehinderten Zugang. Außerdem hat er Beziehungen zum L.A.P.D., zum FBI und wahrscheinlich auch zu anderen unserer Drei-Buchstaben-Behörden. Seine Computerkenntnisse sind überdurchschnittlich gut. Aber das Wichtigste ist, dass er über das OSP Bescheid weiß."

„Über G haben wir bisher keine Informationen. Sein Aufenthaltsort, seine Mission, sein Zustand, alles unbekannt. Aber ich warte noch auf einen Rückruf von Gibbs und Hetty sagt, dass sich bei ihr auch noch Informanten melden müssen." Joann war nicht annähernd so ruhig, wie sie sich gab.

„Ray geht es gut, allerdings wird er beobachtet. Jemand hat sein Telefon und sein Laptop ‚verwanzt', wir können daher nur verschlüsselt mit ihm in Kontakt treten. Es gab bisher keine Anzeichen, dass sein Leben in Gefahr ist." Nell war präzise wie immer.

„Deeks ist undercover an einem Sklavenhändlerring dran. Wir wissen nicht, ob er als ‚Mitarbeiter' in den Ring eingeschleust wurde oder als deren Kunde. Wir wissen auch nicht, ob seine Tarnung noch steht oder er bereits aufgeflogen ist. Ebenso wenig wissen wir, ob dieser Einsatz echt ist oder er dazu dienen soll, Deeks loszuwerden. Wir wissen also fast gar nichts." Kensi gab sich keine Mühe, ihre Bitterkeit und ihre Besorgnis zu verstecken.

„Das heißt für uns Folgendes: Wir müssen unbedingt Information über Callen und diesen Undercovereinsatz von Deeks herausbekommen. Außerdem wäre es interessant zu wissen, wer in Quantico ein ‚Auge' auf Ray hat." Renko fasste die Ergebnisse zusammen.

Ein paar Tausend Kilometer von Los Angeles entfernt duckte Callen sich in einem Graben, während der Beschuss ihn nur knapp verfehlte. Er hatte sich bisher als Einzelgänger gesehen, der nur zwangsweise mit einem Partner und im Team arbeitete. Inzwischen hatte sich seine Einstellung dazu radikal geändert. Jetzt hätte er gerne seinen Partner bei sich gehabt und sein Team, damit ihm jemand den Rücken decken konnte. Wieder verfehlte ihn eine Kugel nur knapp und Callen presste sich noch tiefer in den Graben.

Entgegen seiner üblichen Art versuchte Deeks diesmal, nicht aufzufallen. Er verkniff sich seine dummen Sprüche und gab sich schweigsam und distanziert. Als er die Unterlagen zu dieser Mission bekommen hatte, war Deeks klar gewesen, dass es sich um einen Selbstmordeinsatz handelte. Jemand wollte ihn loswerden und gab sich redlich Mühe, es nicht nach Mord aussehen zu lassen. Doch entgegen aller Erwartungen lebte er noch. Deeks hatte geschafft, was anscheinend niemand erwartet hatte. Er war an den Sklavenhändlerring herangekommen und hatte seine Rolle bisher perfekt gespielt. Aber je näher er den Bossen kam, desto größer wurde sein Risiko. Er wünschte sich wirklich, Kensi und die anderen würden ihm den Rücken freihalten.

Matt, Peterson, Nate und Scott verfolgten den Austausch zwischen den vier Agenten. Obwohl Renko kein regelmäßiges Teammitglied war, gliederte er sich problemlos ein. Die OSP-Agenten waren ein ganz besonderer Menschenschlag. Nate lächelte leicht vor sich hin. Das hier war sein Team, auch wenn er nur noch selten für seine Kollegen da sein konnte. Sie waren für einander da, kümmerten und sorgten sich um einander. Selbst Joanns Vater und Bruder waren Teil davon geworden. Eine gute Entwicklung, Nate war stolz auf seine Freunde.

„Und wie willst Du an diese Informationen kommen, Mike? Du hast doch von Nell gehört, wie kompliziert die Situation ist." Joann verstand ihren zeitweiligen Partner nicht.

„Wir müssen einen anderen Ansatz finden. Kennen wir jemand in Quantico, der uns helfen kann? Oder im Büro des SECNAV? Was können wir über den Sklavenhändlerring herausfinden? Hat einer von uns Kontakte zu anderen Behörden, die etwas darüber wissen könnten? Oder kennen wir jemand, der diese Kontakte hat? Was ist mit Director Vance? Hat er sich zu der ganzen Sache geäußert? Wenn nicht, warum?" Renko holte tief Luft. „Kann von Euch auch mal jemand etwas sagen?"

Verblüfft waren alle dem Fragenschwall von Renko gefolgt.

„Wir müssen Hetty mit einbeziehen. Auch wenn sie von vielen ihrer Kontakte abgeschnitten wurde, hat sie bestimmt noch das ein oder andere Ass im Ärmel. Darum kümmere ich mich." Nate warf einen kurzen Blick in die Runde und erntete bestätigendes Nicken.

„Okay, dann kümmere ich mich verstärkt um die elektronische Spur. Ich versuche, einen Teil meiner Arbeit abzugeben, um mehr Zeit dafür zu haben." Eric seufzte und sah einen Moment müde aus.

Nell warf ihm einen besorgten Blick zu. „Ich übernehme die Recherche über den Sklavenhändlerring. Wenn das L.A.P.D. ihn finden konnte, kann ich das auch."

„Ich habe Kontakte bei der DEA und der ATF. Ich frage da mal nach, ob die etwas wissen." Matt hatte sich ziemlich zurückgehalten.

Kensi sah ihn fragend an. „Bist Du sicher? Du und Marcus habt schon eine Menge für uns riskiert."

„Mach Dir keine Gedanken, Kensi. Ich gehe einfach davon aus, dass Ihr Euch bei Gelegenheit revanchieren werdet."

Der junge Detective strahlte Kensi frech an. Er erinnerte in diesem Moment stark an Deeks. Kensi musste schlucken.

„Matt hat Recht. Was wir tun oder getan haben, war alles freiwillig." Peterson lächelte Kensi beruhigend an. „Ich werde mich weiter umhören, vielleicht kann ich noch mehr herausfinden."

„Dann kümmere ich mich um Quantico." Joann sah nicht glücklich aus. Auf Grund ihrer Erfahrungen vermied sie lieber den Kontakt mit dem FBI. Aber niemand vom Team wusste in dieser Behörde besser Bescheid als sie. Also war die Übernahme dieser Aufgabe durch Joann nur eine logische Konsequenz.

„Sam, was ist mit der militärischen Komponente?"

„Was meinst Du?" Sam war nicht klar, worauf Scott hinaus wollte.

„Callens Einsatz ist militärisch, der von Deeks polizeilich, Hetty auf die schwarze Liste zu setzen ist politisch. Den polizeilichen Sektor habt Ihr abgedeckt, ebenso den politischen. Aber nicht den militärischen." Scott war die Lücke in den Nachforschungen aufgefallen.

Verblüfft sahen alle Scott an. Er hatte den Nagel auf den Kopf getroffen.

„Ich wusste schon, warum ich Dich dabei haben wollte." Sam nickte Scott anerkennend zu. „Allerdings haben wir da ein Problem. G wurde von Washington aus eingesetzt. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir jemand in Los Angeles oder Kalifornien finden, der uns weiterhelfen kann, ist gering. Trotzdem, ich werde mich mal umhören."

„Ja, das könnte schwierig werden. Ist es Dir Recht, wenn ich mich an ein paar ehemalige Kollegen an der Ostküste wende?" Scott sah Sam an.

Sam zögerte einen Moment, nickte aber dann zustimmend. Scott würde nichts tun, was G gefährden könnte. „Ja, in Ordnung, mach das. Danke."

Scott winkte ab. Abgesehen davon, dass er Callen wirklich mochte, wollte er auch seine Tochter wieder glücklich sehen.

„Eric, was ist mit Deiner besonderen Quelle, um die Du so ein Geheimnis machst. Hast Du von der Seite etwas gehört?" Joann war aufgefallen, dass Eric sich zu diesem Thema nicht mehr geäußert hatte.

„Nein, meine Quelle hat sich noch nicht gemeldet." Eric war ungewöhnlich zurückhaltend, wenn es um dieses Thema ging.

„Na gut, Leute, dann machen wir hier Schluss. Jeder weiß, was er zu tun hat. Scott, danke für das Essen und Deine Gastfreundschaft. Wir sehen uns morgen früh." Sam beendete das Treffen.

Joann stand auf der hinteren Veranda und sah in die Nacht hinaus. Sie wirkte ruhig und entspannt, aber in ihrem Kopf machten die Synapsen Überstunden. Joann versuchte, alle Informationen zu verarbeiten und in Zusammenhang zu bringen. In ihrem Bauch rumorte es und das lag nicht an Scotts Essen. Da war etwas, dass sie übersah. Es war zum Greifen nahe, aber gleichgültig, wie lang sie sich streckte, sie erreichte es nicht.

„Denk an etwas anderes, dann wirst Du finden, was Du suchst." Lautlos war Scott neben sie getreten.

„Du erinnerst mich an Hetty. Lautlos anschleichen und dann einen klugen Spruch loswerden."

Scott lachte. „Ich betrachte das als Kompliment. Eigentlich sollte ich böse auf Dich sein, weil ich mich anschleichen konnte." Joann war ihm einen unergründlichen Blick zu. Scott seufzte theatralisch. „Aber ich mache mal eine Ausnahme, schließlich bist Du hier zu Hause."

„Pops, Du weißt genau, dass es nur wenige Menschen gibt, die sich an mich anschleichen können." Jetzt seufzte Joann nicht weniger theatralisch als ihr Vater zuvor. Ein leichtes Zwinkern lag in ihren Augenwinkeln. „Immer diese Navy Seals, eine echte Landplage!"

Lachend legte Scott einen Arm um Joann. „Kleine, die Landplage bist Du! Konntest Du nicht einen friedlichen Schreibtischjob lernen, einen langweiligen Mann heiraten und ein halbes Dutzend Kinder großziehen? Nein, erst geht sie zum Strafvollzug, dann zum FBI und schließlich zum NCIS. Dabei legt sie sich mit den übelsten Typen an, kommt von einer Schießerei in die nächste und prügelt sich mit Kerlen, die doppelt so groß sind wie sie selber." Gespielt entsetzt schüttelte Scott seinen Kopf. „Womit habe ich das nur verdient?"

Joann schmiegte sich an ihren Vater. „Ich bin genau die geworden, zu der Du mich erzogen hast. Und ich finde, ich bin ganz gut gelungen. Ein Hausmütterchen in der Vorstadt zu sein, das ist doch viel zu langweilig."

„Und für einen Vater manchmal ganz beruhigend." Scott schwieg, das Lachen war verschwunden. „Ich habe mich oft gefragt, wie Deine Eltern darüber denken, wie ich Dich erzogen habe." Als Joann nicht reagierte, sprach er weiter. „Mit einem Jungen hatte ich ja Erfahrung, aber nicht mit einem Mädchen. Also habe ich zwischen Euch beiden keinen Unterschied gemacht. Wenn Ellen…wenn Ellen noch gelebt hätte, vielleicht wäre dann alles anders geworden. Vielleicht wärst Du dann gerne das Hausmütterchen in der Vorstadt geworden."

Joann schwieg, dachte darüber nach. Dann schüttelte sie den Kopf. „Nein, bestimmt nicht. Pops, Du bist der beste Vater, den ein Kind sich wünschen kann. Wenn mich jemand nach meinen Eltern fragt, denke ich an Dich, an niemanden sonst. An meine biologischen Eltern kann ich mich nur ganz schwach erinnern. Ich weiß nicht, was sie für mich wollten. Aber wenn sie gute Eltern waren, wollten sie, dass ich glücklich und zufrieden bin, dass mich Liebe umgibt, dass meine Interessen und Fähigkeiten gefördert werden, dass ich getröstet werde, wenn ich traurig bin und dass mit mir gelacht wird, wenn ich glücklich bin. Und genau das hast Du mir alles gegeben und noch viel mehr. Pops, ich liebe meinen Job, trotz seiner manchmal grausamen und gefährlichen Seiten. Und ich liebe die Menschen, mit den ich arbeite. Sie sind wunderbare Freunde und inzwischen auch meine Familie." Joann lächelte ihren Vater an und drückte ihn feste. „Ich bin der Mensch, der ich sein will, in dem Beruf, den ich ausüben will, mit Menschen an meiner Seite, die ich dort haben will. Alles ist gut so, wie es ist. Und wenn Du mir jetzt noch hilfst, G und Marty zurückzuholen, dann ist mein Leben wieder im Lot."

Scott erwiderte die Umarmung. „Na, dann komm, Kleine, gehen wir alles noch einmal durch und suchen das fehlende Stück."

Arm in Arm gingen Vater und Tochter zurück ins Haus.

Nate machte sich direkt auf den Weg in Hauptquartier. Er war sich sicher, dass Hetty noch dort war und wollte ein paar Dinge sofort klären.

Wie Nate es erwartet hatte, saß Hetty an ihrem Schreibtisch.

„Mr. Getz, was machen Sie so spät noch hier?" Hetty war milde erstaunt, schließlich wusste sie von dem Treffen.

„Ich brauche ein paar Antworten, Hetty. Für Callen und Deeks." Nate sah seine Vorgesetzte feste an. „Die Spuren führen zum Büro des SECNAV. Jemand, der genug Macht hat, um Sie auf eine schwarze Liste zu setzten, Ihnen über den Kopf von Director Vance hinweg einen Mitarbeiter wegzunehmen und außerdem über Beziehungen in die höchsten Etagen des L.A.P.D. verfügt. Er hat entweder selber hervorragende Computerkenntnisse oder kann es sich leisten, jemand mit diesen Fähigkeiten zu bezahlen." Nate machte eine Pause. „Hetty, wen kennen Sie, auf den diese Beschreibung passt?"

Nachdenklich lehnte sich Hetty in ihrem Stuhl zurück. „Wieso glauben Sie, Mr. Getz, dass ich so jemanden kennen muss?"

Nate seufzte. „Weil es nicht gegen das OSP geht oder gegen dieses spezielle Team. Jemand will Sie treffen, Hetty. Alle anderen sind dabei nur ein Bauernopfer."

„Was macht Sie da so sicher, Nate?"

Der Gebrauch seines Vornamens zeigte Nate, dass Hetty ernsthaft besorgt war.

„Wenn im Einsatz ein Agent verletzt wird oder stirbt, fragt man sich als Vorgesetzter immer, wieweit man daran Schuld ist, oder ob man es hätte verhindern können. Wenn Sie einen Agenten verlieren, Hetty, denken Sie über Ihren Rücktritt nach. Bisher haben Kollegen und Vorgesetzte Sie davon abhalten können. Da stellt sich natürlich die Frage, wie Sie reagieren, wenn Sie gleichzeitig mehrere Agenten verlieren. Wir sind ziemlich sicher, dass sowohl Callens als auch Deeks' Einsatz dazu dienen sollen, die beiden zu töten, ohne dass es wie Mord aussieht. Dazu kommt, dass die derzeitige Situation Sam, Kensi und Joann sowohl emotional als auch beruflich so stark belastet, dass es zwangsläufig in absehbarer Zeit zu einem fatalen Fehler kommen wird. Dieser Fehler könnte im schlimmsten Fall den Tod von einem oder mehreren Agenten zur Folge haben." Nate musterte seine Vorgesetzte, aber Hetty behielt ihr Pokerface bei. „Sie werden ins Abseits gestellt, nach und nach Ihrer Leute beraubt und dann auch noch mit deren Tod konfrontiert. Hetty, jemand will Sie für irgendetwas sehr leiden und büßen lassen. Also, wen kennen Sie, auf den die Beschreibung passt?"

Sam warf Kensi einen kurzen Blick zu und konzentrierte sich dann wieder auf den Verkehr.

„Wir wissen alle, dass Du ihn vermisst. Du musst daraus kein Geheimnis machen, Kens."

Kensi reagierte nicht, starrte unverwandt aus dem Fenster. Doch nach einer Weile brach sie ihr Schweigen.

„Wir vermissen alle jemanden und niemand spricht darüber. Das ist auch besser so. Sonst werden wir alle nur verrückt."

Eine einzelne Träne lief über Kensis Wange, während ihre Gesichtszüge weiterhin ausdruckslos blieben.

Sam schüttelte den Kopf. Niemand in diesem Team trug sein Herz auf der Zunge. Aber die Bindungen, die im Laufe der Zeit entstanden waren, hatten manches geändert. Sie vertrauten einander, deswegen zeigten sie einander auch ihre Gefühle. Aber in den vergangenen Wochen hatten Kensi und Joann sich tief verschlossen. Sam seufzte. Wie sollte er auf die beiden aufpassen, wenn sie ihn nicht an sich heran ließen?

Als Sam vor Kensis Haus hielt, startete er noch einen Versuch.

„Kensi, es wird nicht besser, wenn Du nicht darüber sprichst."

„Sam, lass es gut sein." Ohne ihn eines Blickes zu würdigen, stieg Kensi aus.

„Wie sollen wir das alles nur schaffen?" Eric war erschöpft und ein wenig mutlos.

Nell gab ihm einen kräftigen Schlag gegen den Oberarm. Vor Schreck verriss Eric das Lenkrad. Sein Adrenalinspiegel schnellte explosionsartig nach oben.

„Autsch! Spinnst Du, Nell? Willst Du, dass ich einen Unfall baue? Und warum schlägst Du mich?"

„Weil Du es verdienst! Deinen Pessimismus können wir jetzt nicht gebrauchen. Reiß Dich zusammen!" Nell sah ihn scharf an. „Wir sind alle erschöpft. Ausruhen kannst Du Dich, wenn es vorbei ist."

„Aber deswegen musst Du mich nicht schlagen!" Eric schüttelte den Kopf. „Du bist eindeutig zu oft mit Kensi und Joann zusammen."

Nells Blick war nicht zu deuten. „Du tust so, als haben wir zum ersten Mal einen schwierigen Fall. Wir haben schon andere Probleme gelöst."

„Keines wie dieses, Nell. Das ist auch nicht nur ein Fall, es sind mehrere ineinander verschachtelte Fälle. Und wir kommen der Lösung nicht einen Schritt näher. Tag für Tag wächst das Risiko für Callen und Deeks. Jeder Tag, an dem wir die Probleme nicht lösen, könnte ihr letzter sein."

Jetzt wurde Nells Blick sanft. „Wir machen uns alle Sorgen, aber Du bist wirklich zu pessimistisch. Die beiden können gut auf sich selbst aufpassen. Darauf müssen wir vertrauen. Und sie vertrauen darauf, dass wir alles tun, was möglich ist, um ihnen zu helfen." Nell schwieg, musterte Eric aufmerksam. „Wenn jemand diese Fälle im Fall lösen kann, dann Du und ich, dass weiß ich. Und das wissen auch alle anderen."

Eric schwieg für den Rest der Fahrt. Als sie bei Nell ankamen, wandte er sich ihr direkt zu.

„Danke, Nell."

Sie lächelte ihn an und gab ihm noch einen Schlag gegen den Arm, diesmal aber ganz sanft.

„Gern geschehen."

Peterson hatte sich vor Scotts Haus von Matt und Renko mit der Bemerkung verabschiedet, dass alte Männer früh ins Bett gehören. Dabei hatte er ein wölfisches Grinsen im Gesicht, so dass die beiden jüngere Männer ihm kein Wort glaubten. Aber sie fragten nicht nach.

„Lass uns noch ein Bier trinken gehen." Matt sah Renko auffordernd an.

„Klar, warum nicht. Wo willst Du hin?"

Kurz diskutierten die beiden und einigten sich dann auf eine kleine, unauffällige Bar, nicht allzu weit weg. Sie suchten sich einen Tisch im Hintergrund. Von dort konnten sie den Raum unauffällig im Auge behalten. Schweigend tranken sie ein paar Schlucke von ihrem Bier.

„Wie übel sieht es wirklich aus?" Matt sah Renko fragend an. „Soweit ich es mitbekommen habe, habt Ihr gar keine richtigen Informationen und trotzdem glauben alle, dass Deeks und Callen in Schwierigkeiten stecken."

Renko nickte, er verstand Matts Bedenken. „Im Grunde ist genau das die Erklärung. Natürlich kommt es immer wieder vor, dass Agenten an andere Behörden oder innerhalb der Behörde an andere Abteilungen ausgeliehen werden. Aber der jeweilige Vorgesetzte wird zumindest regelmäßig informiert, wie es dem Agenten geht, auch wenn er nicht weiß, wo er gerade eingesetzt ist. Das ist bei Callen nicht der Fall. Hetty sagt, dass sie nicht mal weiß, wer sein Agentenführer ist. Man weigert sich, ihr auch nur irgendetwas zu sagen."

„Okay, dass verstehe ich. Aber Deeks? Er ist nun einmal Cop beim L.A.P.D. und keiner Eurer Agenten. Die haben jederzeit das Recht, ihn abzuziehen und anderweitig einzusetzen. Und wenn er undercover ist, bekommt niemand Informationen über ihn. Zu seinem Schutz."

„Sicher, Matt, dass wissen wir auch. Es ist der Zeitpunkt, an dem er abgezogen wird. Klar, dass hätte jeden Tag passieren können. Aber am selben Tag wie Callen? Das ist schon ein großer Zufall. Da ist noch etwas. Bei seinem letzten Einsatz fürs L.A.P.D. war Deeks auf einen Menschenhändler angesetzt und ist von einem dreckigen Cop verraten worden. Das er noch lebt, verdankt er Callen, Sam und Kensi. Danach kam er als Verbindungsoffizier zum NCIS. Jetzt wird er wieder auf so einen Fall angesetzt, der dazu noch mehrere Nummern größer ist. Das kann doch kein Zufall sein."

„Vielleicht hast Du Recht, Mike, vielleicht auch nicht. Auf jeden Fall kann Deeks gut auf sich selbst aufpassen."

„Klar, Matt, dass können wir alle. Es sei denn, wir werden in eine Falle gelockt. Deeks hat sich mit seiner Art eine Menge Feinde beim L.A.P.D. gemacht, unabhängig von der Tatsache, das er ein wirklich guter Cop ist. Die Gelegenheit ist doch perfekt. Das L.A.P.D. wird einen schwierigen Mitarbeiter los und dem OSP kann ein heftiger Schlag versetzt werden."

„Deine Erklärungen klingen sehr logisch, Mike, aber einen Beweis hast Du nicht."

„Wenn Du so viele Zweifel hast, Matt, warum hilfst Du uns dann?" Renko war wirklich erstaunt. Dann wurde er misstrauisch. „Machst Du Dir Hoffnungen auf Kensi?"

Jetzt lachte Matt. „Nein, ganz bestimmt nicht. Kensi ist eine tolle Frau, wir mögen uns und wir haben Spaß daran, miteinander zu flirten. Aber das ist auch alles. Ich weiß genau, dass ich bei Kensi keine Chance habe." Jetzt wurde er ernst. „Ich helfe Euch, weil ich Euch glaube, auch wenn Ihr keine Beweise habt. Ihr habt allen einen Schuss weg, deswegen passt Deeks wahrscheinlich so gut zu Euch, aber vor allen Dingen habt Ihr einen wahnsinnigen Instinkt. Deshalb seid Ihr so erfolgreich." Plötzlich erschien ein Grinsen auf Matts Gesicht. „Na ja, und wenn ich mal ein paar Leute für einen total verrückten Plan brauche, weiß ich, wo ich die finden kann."

Jetzt musste auch Renko lachen. „Oh ja, ganz bestimmt!"

Im Schutz eines Felsüberhanges lag Callen, eng in eine Decke gewickelt, ohne wärmendes Feuer und lauschte in die Dunkelheit. Er war dem Beschuss nur knapp lebend entkommen und wollte seine Position nicht durch ein Feuer verraten. Obwohl es verdammt kalt war. Seine Gedanken schweiften ab. Callen dachten an Joann. Von Anfang an hatte er ihr Lächeln geliebt. Sie lächeln zu sehen, machte ihn unendlich glücklich. Sein Auftrag war schwer und gefährlich, aber er würde alles tun, um zu überleben. Callen wollte unbedingt zu diesem Lächeln zurückkehren. Dank Joann hatte er mehr als nur das Ziel, den Auftrag zu erledigen.

Deeks lag auf seinem Bett, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, und starrte die Decke an. Er war müde, schon fast am Rande der Erschöpfung, konnte aber nicht schlafen. Oder wollte nicht. Da war Deeks sich nicht so ganz sicher. Hier geschah etwas, dass er nicht verstand. Normalerweise dauerte es Monate bis Jahre, bevor man an die Spitzenleute einer Organisation wie diesem Sklavenhändlerring herankam. Doch er arbeitete erst wenige Wochen an diesem Fall und war schon erstaunlich hoch in der Hierarchie angekommen. Dafür gab es nur eine Erklärung: Man wusste, dass er ein Cop war. Das wiederum führte zu der Frage, warum man ihn am Leben ließ. Deeks seufzte tief. Dann schweiften seine Gedanken zu Kensi. Er vermisste seine schlagkräftige Freundin, ihre spitzen Bemerkungen. Deeks war sich sicher, dass Sam und Joann gut auf sie Acht geben würden. Er machte sich mehr Sorgen darum, wie Kensi damit umgehen würde, wenn er bei diesem Einsatz starb. Sie hatte schon zu viele Menschen verloren, die ihr wichtig waren. Es hatte so lange gedauert, bis Kensi sich geöffnet hatte, ihn in ihr Leben ließ. Sie würde sich härter verschließen als eine Auster. Alleine das war ein Grund, hier lebend heraus zu kommen.