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FREMD?

GEGENWART, 01. APRIL 2012, NACHT

Cristina stand als stummer, nachdenklicher Beobachter an dem Fenster, durch welches sie hindurch und in den Raum dahinter sehen konnte. Sie verfolgte Callie Torres' Arbeit, die sie an Owen verrichtete, mit prüfenden Blicken. Sie wusste nicht, was sie fühlte, doch sie bemühte sich sehr darum, dieses Rätsel zu lösen. Deswegen war sie gerade jetzt nicht an der Seite des Patienten, und auch, weil er ihr, für den Moment, als sie in dem Wagen saßen und an einer roten Ampel hielten, und sie ihm kurz ihre Aufmerksamkeit schenkte, Angst bereit hatte. In diesem Moment hatte sie nämlich gedacht, dass er ein Fremder war. Ihr fremder Ehemann.

„Ich dachte, du wärst nach Hause gefahren", Meredith Grey war unbemerkt an sie herangetreten und überraschte Dr. Yang mit ihren Worten und ihrer Anwesenheit. Sie vermerkte mit einem Stift einige Notizen in einer geöffneten Patientenakte, die sie in ihren Händen hielt. Sie war beschäftigt, doch für Cristina nahm sich Zeit. Als sie keine Antwort erhielt, hob sie den Blick, der daraufhin auf Owen Hunt und seine behandelnde Ärztin hinter dem Glas fiel. Sie begann eine verwunderte Frage zu formen: „Was . . .?"

„Ich habe ihm die Nase gebrochen", erklärte Cristina ohne Umschweife. Sie war nicht stolz auf ihre Tat, doch sie war auch nicht beschämt. Wenn sie ehrlich war, so war sie froh irgendetwas anderes mit Owen getan zu haben, als zu schreien. Das Blut, welches dabei vergossen worden war, war unerfreulich, doch es diente seinem Zweck.

„Du hast ihm die Nase gebrochen", wiederholte Meredith zustimmend, denn die Beweislage war klar vorhanden. Sie schlug die Akte zu und widmete sich mit gewachsenem Interesse ihrer verdrehten Schwester: „Ok, warum hast du ihm die Nase gebrochen? Hattet ihr Streit?"

„Die ganze Zeit. Aber das war nicht der Grund", erwiderte Dr. Yang, die ihre Augen nicht von Dr. Hunt nahm. „Er war im Bad und ich habe ihn mit der Tür getroffen. Ich dachte er wäre ein Einbrecher." Sie zuckte die Schultern, als sie eine schlichte Rechtfertigung aussprach: „Die Lichter waren aus. Wer duscht schon im Dunkeln?" Das war eine rhetorische Frage gewesen, die darauffolgende, an die sie sich nur zögernd heranwagte, war es nicht:„Wenn du ihn ansiehst, . . . sieht er anders aus?"

„Naja", Dr. Grey begutachtete kurz und schnell die leicht geschwollene Gesichtsmitte des Unfallchirurgen. „Er hat eine gebrochene Nase."

„Das ist nicht das, was ich meinte", entgegnete Cristina in abrupter Ungeduld. Sie war wütend, dann wieder unsicher. Sie sah Owen, aber sie sah ihn nicht wirklich. Sie sah einen Fremden, der, irgendwann einmal, Owen gewesen war, ihm nun jedoch nicht länger ähnlich schien.


ZUKUNFT, 15. OKTOBER 2016, VORMITTAG

Als Owen aus seinem Schlaf erwachte, wusste er, dass er immer noch träumte, denn sein müder Blick fiel, zu allererst, auf Alice, seine Tochter. Sie schlief in ihrem eigenen kleinen Bett neben dem Sessel den er an ihre Seite gestellt hatte, sodass sie das Letzte war, das er sah, wenn sich seine Augen schlossen. Er hatte nicht damit gerechnet sie wieder zu sehen. Er saß still für einen Moment, in dem er das stete Heben und Senken der kleinen Brust verfolgte, in welcher ein kleines Herz das Leben seines Kindes anschlug. Er hätte noch lange so verweilen können, wenn nicht Cristina anderer Meinung gewesen wäre.

„Du bist wach", stellte sie fest, und Dr. Hunt wandte sich augenblicklich überrascht ihrer Stimme zu.

Sie hatte bereits das Patientengewand gegen Alltagskleidung getauscht und verstaute nun Toilettenutensilien in einer Tasche, die auf dem Bett stand, welches sie wohl plante so in seiner Unordentlichkeit zu hinterlassen. Owen betrachtete ihre Bewegungen interessiert im Stummen. Sie wirkte anders und fremd. Als sie ihn ansah, konnte er einen leichten Ärger in ihren dunklen Augen erkennen, und noch etwas – etwas, das er lange Zeit vermisst hatte. Er konnte es nicht benennen, doch es war sanft, warm und vertraut. Es war das, was er brauchte.

Sie könnten jeden Moment kommen", betonte Dr. Yang, während sie den Reisverschluss an der Tasche zuzog. Sie sprach, als würde sie bald ein Unheil befallen. „Gehen wir!"

„Sie?", widerholte der Unfallchirurg verwundert. Von welchen Monstern war denn hier die Rede? Er erhob sich mit steifen Gliedern und schmerzendem Nacken langsam aus seinem Sitz, dann hörte er Stimmen, die sich der geschlossenen Türe von außen näherten. Jemand klopfte.

Cristina seufzte und kommentierte murrend: „Vielleicht gehen sie wieder, wenn wir uns still verhalten. Vielleicht denken sie dann, dass niemand hier ist."

„Das haben wir gehört, Cristina!", Callie Torres gewährte nun ungeduldig sich selbst, sowie Arizona Robbins und den Shepherds Eintritt. Alex Karev folgte ihnen bald. Blicke suchten und fanden sofort zu dem schlafenden Mädchen, und der folgende Wortwechsel wurde demnach, um die Ruhe des Kindes nicht zu stören, in einem variierenden Flüsterton geführt:

„Sie ist zuckersüß", strahlte Arizona, die als Erste an das Neugeborene herantrat. „Daddy und Mummy sind sicher so froh, dass es dich gibt."

„Ich bin keine Mummy", unterbrach Cristina schnell und ungehalten die allgemeine Verzückung. Was für eine lächerliche Behauptung!

Mit dieser Aussage erhielt Dr. Yang abrupt die ungeteilte Aufmerksamkeit aller Anwesenden. Owen, der erstaunt den Überfall im Stummen beobachtet und Dereks Glückwünsche entgegen genommen hatte, war besonders besorgt. Er musterte seine Frau in dem Bemühen zu erkennen, ob sie denn unglücklich war, oder ob sie ihn nun hassen würde. Er war unsicher, was er von ihr erwarten sollte, denn er kannte diese Cristina nicht. Er wusste nicht, was sie erlebt hatte. Er konnte nicht einmal erahnen, wieso sie beschlossen hatte, schwanger zu werden und zu bleiben. Als seine fragenden Augen schließlich direkt zu ihren fanden, überraschte sie ihn mit einer Entschuldigung in ihrem Blick.

Ich bin eine Mum", erklärte Cristina, und es lag wirklicher Stolz, den sie nicht vollkommen zu verbergen vermochte, in ihrer Stimme während sie sprach. Ihre Worte wurden von einem dankbaren Lächeln begleitet, welches sich in das Gesicht ihres Mannes stahl und es erhellte. Dann wandte sie sich herausfordernd verachtend an Dr. Robbins: „Aber ich bin niemals eine Mummy."

„OK, Mum", versuchte Callie die Situation lachend zu erheitern.

„Hast du dich letzte Nacht aus meinem Uterus gezwängt?", erkundigte sich Yang schnippisch. „Ich habe einen Namen. Benutze ihn."

„Keine Sorge, Mum ist nur ein wenig müde", vertraute Arizona, die sich verantwortlich fühlte, dem Baby an.

„Sie kann auch nett sein", versicherte Torres, die sich nun ebenfalls über das Bettchen beugte, auch wenn sie in gerade diesem Moment nicht wirklich überzeugt von ihrem eigenen Versprechen schien. Da begann Alice aus ihrem tiefen Schlaf langsam in einen wachen Zustand zu finden, und Callie sah sich sogleich dazu verpflichtet den Eltern eine Vorwarnung zuzusprechen: „Die Kleine wird unruhig."

„Zu viele Leute?", konterte eine verärgerte Cristina. Doch sie wurde überhört.

„Aber sie weint nicht. Noch nicht!", ließ sich Meredith vermerken. Sie hielt gut gelaunt eine Kamera empor, die sie zuvor noch in ihrer rechten Kitteltasche versteckt gehalten hatte. „Ein guter Zeitpunkt für ein Foto."

„Nein", protestierte Dr. Yang, den Blick anklagend auf ihre verdrehte Schwester gerichtet. „Meredith!"

„Komm schon", drängte Dr. Grey. Sie nickte Owen kaum merklich so zu, als hätten die beiden ein Geheimnis, welches sie nur miteinander teilten. „Du wirst mir später dafür danken."

Dr. Hunt wusste nicht, was er von der freundlichen Vertrautheit, die Meredith an ihn zu binden schien, halten sollte. Auch war er plötzlich wieder nervös, denn Cristina zögerte. Würde sie jetzt kundtun, dass sie einen Fehler begangen hatten? Würde der Traum nun enden? Dann trat seine Frau, an das Baby heran, und gerade als sie ihre Tochter in ihre Arme hob, und selbstverständlich in diesen hielt und wog, wusste er, dass es in Ordnung war. Er ging auf sie zu. Er war benommen von dem ungewöhnlichen Anblick, der sich ihm bot. Er stand bald neben ihr und legte einen Arm um ihren Körper. Da war keine Mauer zwsichen ihnen. Er küsste ganz leicht ihr Haar, denn er konnte nicht anders. Er war dankbar für diesen Moment, auch wenn er nur in seiner Einbildung lebte.

„Ok, sagt: Familie!", erfreute sich auch Arizona an dem harmonischen Bild. Der darauffolgende Ausdruck in Cristinas Gesicht veranlasste sie jedoch zu einem kleinlauten Rückzug: „Oder nicht."

Owen und Cristina benötigten keine Anweisungen. Sie mussten nichts sagen. Alle Unsicherheiten waren vergessen. Sie waren da: Das war das großartige Leben, wie er es für sie beide erdacht hatte. Das wussten sie. Deswegen lächelten sie für eine Erinnerung daran.

„Eins, zwei, . . . drei", zählte Meredith bevor sie den Auslöser betätigte.


GEGENWART, 01. APRIL 2012, NACHT

Cristina folgte Owen durch die Türe in die gemeinsame Wohnung. Sie blieb stehen und beobachtete ihn. Es war nicht nur der Ausdruck in seinem Gesicht und die verschlüsselte Botschaft in seinen Augen, die ihr fremd erschienen, denn wenn sie ihm dabei zusah, wie er in die Küche ging und sich ein Glas aus dem Schrank nahm, war auch sein Gang ein anderer. Seine Schritte wurden sicherer gesetzt. Seine Haltung war aufrechter. Er zögerte nicht mehr in seinen Bewegungen und seinem Tun. Er schien sich wohl und zu Hause zu fühlen, was bloß bewirkte, dass seine Frau meinte ein Eindringling zu sein. Sie setzte ihre Schritte immer noch mit Bedacht und so, damit sie sich nicht mit seinen kreuzten. Sie ging immer noch gebückt unter der Last, die ihre Ehe war. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Sie fühlte sich nicht zu Hause.

„Also, seit wann duschst du gerne im Dunkeln?", durchbrach Cristina schließlich die Stille. Sie bemühte sich, ihre Unsicherheiten zu verbergen, denn sie wollte nicht zeigen, wie sehr sie Owen beneidete. Demnach klang sie herausfordernd, und ganz so, als suchte sie nach dem Streit, den er vergessen zu haben schien. Sie war immer noch wütend auf ihn.

„Ach das . . .", Dr. Hunt wandte sich überrascht nach ihr um und überlegte ein wenig zu lange, welche die richtige Antwort auf ihre gestellte Frage war. Dann funkelten seine Augen, und er lächelte sogar ein wenig amüsiert, als er das Glas mit Orangesaft füllte: „Defekte Glühbirne."

„Machst du dich über mich lustig?", nahm Dr. Yang ihrem Ehemann sofort die Fröhlichkeit verärgert aus dem Gesicht.

„Nein", erwiderte Owen schnell. Als er den Saft zurückstellen wollte, fiel sein Blick auf das aktuelle Blatt des Kalenders, der an der Kühlschranktüre hang. Er erstarrte kurz, sah das Jahr und war mit der nächsten Bewegung wieder weniger fremd und weniger froh. Er war traurig: „Nein, das mache ich nicht."

Cristina bereute beinahe ihre Worte. Sie war plötzlich müde und sie trat an das Sofa heran und ließ sich darauf mit dem Rücken zu ihm nieder. Natürlich war sie es, die ihm sein Glück erneut nahm, doch wer war es gewesen, der ihm dieses heute so unerwartet zurückgegeben hatte? Sie fuhr sich mit beiden Händen durch das gelockte, schwarze Haar, dann atmete sie tief durch.

„Wer ist es?", sprach sie ihn wieder an. Sie musste es wissen. Sie wollte alles über dieses Glück wissen, und dann wollte sie zur Ruhe kommen können, auch wenn diese Ruhe Schmerz bedeutete. Ihre Stimmte zitterte leicht, und das ärgerte sie. „Ist es jemand den ich kenne?"

„Was meinst du?", Owen klang verwundert und verwirrt. Als er zu ihr kam und sich neben sie setzte, hatte er kein Glas mehr in der Hand, die stattdessen nach ihrer griff, doch sie entzog sich ihm. Er wartete besorgt.

Cristina sah ihn direkt an, um keine Lüge zu verpassen. Die Tränen, die an ihren Wangen herabfielen, überraschten sie, doch sie hatte keine Kontrolle darüber: „Die Frau mit der du schläfst."

„Cristina . . .", begann Owen, und er schüttelte den Kopf dabei. Er wollte nicht, dass sie weinte.

„Du bist in letzter Zeit nicht mehr nach Hause gekommen. Wir reden nicht mehr. Wir sind nicht mehr . . .", wurde er ohne Rücksichtnahme von seiner Frau unterbrochen, die dann sich selbst unterbrach. „Also, wer ist es? Wer macht dich glücklich?"

„Du" erwiderte Owen ohne zu zögern. Dieses Mal bekam er ihre Hände zu fassen: „Nur du, Cristina."

„Ich glaube dir nicht", wehrte sie zweifelnd ab, doch sie ließ sich von ihm berühren, da es gut tat ihn in ihrer Nähe zu wissen.

„Ich weiß", wurde ihr erstaunlicher Weise zugestimmt. „Aber das wirst du", versprach Owen noch in dem selben Atemzug. „Schau mich an", forderte er sanft.

Also sah sie ihn an, und da entdeckte sie es in seinen blauen, ehrlichen Augen: Dieses Gefühl, das sie vermisst hatte. Wie früher konnte sie so nun sicher wissen, dass alles wieder in Ordnung sein würde. Das erkannte sie in seinem Blick. Aus Angst darüber, dass dieses Gefühl von begrenzter Dauer war, griff sie gierig danach: sie nahm ihre Hände aus seinem Griff und legte sie vorsichtig in einem Rahmen um sein Gesicht. Sie beugte sich vor und küsste seine Lippen. Sie atmete ihn. Sie wollte mehr.

„Nicht", hielt Owen sie plötzlich zurück. Er bedauerte seine Worte, während er sie sprach, doch er wusste, dass er sie richtig wählte: „Ich kann das jetzt nicht. Tut mir leid."

Es tat weh, als er sie losließ und er sich erhob. Sie sah zu ihm empor. Sie konnte nicht sagen, ob sie wütend war. Doch sie wollte nicht, dass er ihr ohne eine Erklärung entkam.

„Wohin gehst du?", fragte sie, als er sich der Wohnungstüre näherte und sie öffnete.

„Milch", meinte er willkürlich. Es blieb kaum noch Zeit, denn er hörte bereits andere Stimmen und sah andere Dinge. „Wir haben keine mehr."

Cristina nickte, auch wenn sie nicht verstand. Sie würde ihn nicht anflehen zu bleiben. Sie hatte ihren Stolz.

„Vergiss nicht", hörte sie ihn eindringlich sagen. „Egal was passiert, ich liebe dich, und ich werde immer zurück zu dir kommen."

Dann trat er hinaus und schloss die Türe hinter sich.