„Wenn ich es Euch doch sage, er nimmt mich niemals mit in seine Privatgemächer!"

Rose kam es vor, als dauerte die Befragung bereits Stunden. Ihr war heiß und liebend gern hätte sie die Hitze des Palasts gegen einen Tag am Fluss getauscht.

„Dann gebt Ihr Euch wohl nur nicht die richtige Mühe", sagte Seymour gelangweilt. „Eure Zeit läuft ab."

„Es ist noch genügend Zeit", behauptete Rose, mehr als selbstsicher.

„Ihr empfindet doch keine Skrupel, oder?", fragte Bryan amüsiert.

Sie machte ein abfälliges Geräusch und sprach nur das Wort, dass der Herzog von Suffolk so hasste: „Reformator."

Der Herzog schien über ihre Reaktion erfreut, denn er nickte beifällig, während sie Seymour im Verdacht hatte, tatsächlich Lutheraner zu sein, jedenfalls mehr als Cromwell. Sie sprach selten über religiöse Zwistigkeiten und er besuchte die Messe nicht seltener als manch anderer am Hof.

„Fünf Wochen habt ihr noch", stimmte der Herzog ihr zu, vermutlich um sie in ihrem Bemühen zu bestärken, aber auch zu tätscheln, denn immerhin hatte sie noch einmal verdeutlicht, dass sie Cromwell hasste.

Allerdings kam sie nicht umhin, dem Lordsiegelbewahrer im Stillen zuzustimmen, dass der Herzog und seine Bande sich durchaus dilettantisch anstellten. Er hätte sie bei ihren Worten bereits ausgelacht und den Raum verlassen. Das tat er immer, wenn sie log und er merkte es auch immer.

„Macht mir doch einen schlauen Vorschlag, warum er mich ausschließlich in seinen privaten Gemächern treffen sollte", entgegnete sie kühn. Hin und wieder wagte sie es mittlerweile, den hohen Herren ein paar patzigere Antworten zu geben. Manchmal nahmen sie sie lachend hin, Sir Francis stieg gerne auf dieses Spiel ein und der Herzog zeigte sich hin und wieder amüsiert, nur Seymour der humorlose Hund, tat es nicht.

Dennoch war es nicht verkehrt, auch diese drei bei Laune zu halten und die waren weitaus einfacher zu besänftigen, als der Lordsiegelbewahrer.

„Was tut er, wenn er mit Euch alleine ist?", fragte Bryan begierig.

„Könnt Ihr Euch das nicht denken?", versetzte sie beleidigt und behauptete schnell: „Das was ein Mann eben mit einer Frau tut."

Das schien ihm tatsächlich zu genügen, denn er nahm einen Schluck Bier und grinste selbstzufrieden in sich hinein.

„Ist er ein Mann der Extravaganzen?", fragte er nach einer Weile.

„Wie meint Ihr das?"

„Aber meine liebe Lady Grey, Ihr wisst doch sicher was ich meine", lachte Bryan.

Das musste am Alkohol liegen, die drei wurden immer besonders unflätig, wenn sie getrunken hatten und Sir Francis war der Schlimmste von ihnen.

„Natürlich", log sie und überlegte, was ihr Margareth über ihre Liebschaft mit einem der Höflinge erzählt hatte. Da war von Seidenschals und Masken die Rede.

„So?", hakte Sir Francis nach.

„Wenn es Euch so sehr interessiert, geht und fragt ihn selber. Vielleicht hat er auch etwas für die griechische Liebe übrig, dann könnt Ihr es aus erster Hand erfahren."

Den Faustschlag sah Rose noch kommen, doch danach tanzten Sterne vor ihren Augen und sie fühlte, dass ihre Lippe blutete. Mit ihren Ohren schien etwas nicht zu stimmen, denn sie verstand nicht, was um sie herum gesprochen wurde. Lag sie auf dem Boden? Sie hatte doch eben noch auf einem Hocker gesessen...

„Das wird Ihr eine Lehre sein." Die Stimme von Sir Francis bebte vor Zorn. „Eine Dirne mit losem Mundwerk, wirklich Euer Gnaden, Respekt für die da."

Vermutlich zeigte er gerade auf sie.

„Wir können von Glück reden, dass er sie überhaupt noch zu sich bittet, wenn sie ihn auch so behandelt, würde es mich kaum wundern, wenn er sie noch vor Ablauf der Frist nicht mehr sehen will."

„Beruhigt Euch", bat der Herzog von Suffolk. „Sie hat Ihre Lektion gelernt. Ich sorge dafür, dass sie Euch nie wieder derartig respektlos anspricht."

Stöhnend kam Rose zu sich.

„Seid Ihr immer noch hier?", herrschte Seymour sie an. „Seht zu, dass Ihr zu Eurem Stelldichein kommt."

Taumelnd verließ sie die Gemächer des Herzogs.

Als Rose Cromwells Räumlichkeiten betrat, war es fast wie an jedem Tag: Er war nicht da. Der übliche Diener geleitete sie hinaus auf die Terrasse, aber sein Blick entging ihr nicht. Fragend sah er sie an, seine Augen blieben an der verletzten Lippe hängen und dann verschwand er im Inneren der Gemächer.

Dankbar ließ Rose sich im Sessel zurück sinken und betastete ihr Gesicht. Ihre rechte Wange schmerzte und als sie sich über die Lippe wischte, klebte Blut an ihren Hände. Ein Glück, dass der Lordsiegelbewahrer sie so nicht gesehen hatte. Sie wusste selbst nicht recht warum, aber es war ihr unangenehm, ihm so unter die Augen zu treten.

Doch diese Bitte wurde ihr nicht erfüllt, der Diener hatte seinen Herrn geholt.

Erstaunt betrachtete der Lordsiegelbewahrer sie und als sie nicht antwortete, schien er sich selbst die Antwort zu geben.

„Hatte ich Euch nicht gebeten, Euer Temperament ein wenig zu zügeln?"

„Nein", sagte sie, denn das hatte er tatsächlich nicht. „Ihr sagtet, Ihr mögt meinen gesunden Zorn."

Er seufzte, doch die Geste war nicht bedauernd gemeint. Eher hielt er sie für hoffnungslos.

„Euch sollte bewusst sein, dass die Gesundheit Eures Vaters vom Wohlwollen von mittlerweile vier Personen abhängt."

Rose hätte am liebsten Aufgeschrien. Als wenn sie das nicht wüsste! Um nichts anderes drehten sich ihre Gedanken. Ihr Benehmen entsprang ihrer Verzweiflung, nicht ihrer Aufmüpfigkeit.

Im Studierzimmer hörte Rose Schritte, dann verlangte jemand hektisch nach dem Lordsiegelbewahrer. Rose sah dabei zu, wie er sich langsam von ihr entfernte, der ungebetene Gast sollte ja nicht denken, er erwarte ihn freudig oder ließe sich gerne von ihm stören. So gut kannte sie ihn mittlerweile.

Sie hörte ein paar zusammenhangslose Worte, den Rest verstand sie nicht. Vielleicht war auch irgendetwas mit ihren Ohren nicht mehr in Ordnung und ihr Kopf schmerzte auch fürchterlich.

Als Cromwell endlich wieder zurückkehrte, hatte sich seine Laune nicht gebessert. Er bedachte sie immer noch mit demselben mitleidigen Blick und... ja, was noch?

„Ich könnte einen Schluck Wein vertragen", murmelte sie, auch wenn er ihr noch nie etwas zu trinken angeboten hatte.

Tatsächlich griff er nach der Karaffe und reichte sie ihr. Das war merkwürdig, das tat er normalerweise nicht. Wenn sie einen Wunsch äußerte, ignorierte er ihn in der Regel vollkommen.

Dankbar griff Rose nach dem Gefäß und schenkte sich selbst ein, was sie aber kurz darauf bitterlich bereute. Der Wein brannte in der Wunde an ihrer Lippe.

Er musste es ihr wohl angesehen haben, denn er sagte: „Schmerz vergeht."

„Hoffentlich", entgegnete sie düster.

„Das tut er, lasst Euch das gesagt sein."

„Ihr habt sicher oft Schmerzen", knurrte sie, „weil Euch Euer Gewissen plagt. Jemand wie Ihr hat sicherlich viel zu beichten und zu bereuen."

„Was mich und mein Gewissen angeht, Lady Grey", da war er wieder, dieser verhasste Unterton, „so geht das nur mich etwas an."

Dann reichte er ihr ein zusammengerolltes Pergament und stand auf, um nach drinnen zu gehen. „Ich hoffe dieser Schmerz vergeht auch. Euer Vater ist vor zwei Tagen verstorben."

„Nein", flüsterte Rose tonlos. Angsterfüllt rollte sie das Pergament auseinander und überflog es. „Nein, nein, nein!", stammelte sie.

Wie war das nur möglich? Ihr Vater war doch ein gesunder Mann in den besten Jahren! Der Herzog! Er musste es getan haben. Tränen stiegen ihr in die Augen und sie machte sich dieses Mal nicht mehr die Mühe, sie verstohlen wegzuwischen. Vergessen war Cromwell, der hinter ihr lauerte. Hilflos faltete sie das Pergament in ihren Händen auf und wieder zu. Das durfte nicht sein!

Sie verstand die Worte nicht, die auf dem blassen Pergament prangten.

„Wie?", fragte sie heiser.

Cromwell war nicht fortgegangen.

„Das Schweißfieber wütet in weiten Teilen Englands. Er hat sich wohl angesteckt", erklärte er, als spräche er mit einem ziemlich dummen Kind, die Stimme bar aller Freundlichkeit.

„Aber...", versuchte sie einzuwerfen, doch die Stimme versagte ihr.

Sie vergrub den Kopf in ihrem Schoss und begann hemmungslos zu Schluchzen. Sie wusste, dass er immer noch an der Tür stand und ihr dabei zusah. Ein besserer Christ hätte wenigstens ihren Verlust bedauert und Anteil genommen, so viel war klar. Der Lordsiegelbewahrer hatte das offensichtlich nicht nötig.

„Woher wisst Ihr davon?", fragte sie, nachdem sie sich ein wenig gefangen hatte.

„Glaubt Ihr, dass ich Ihn unbeobachtet gelassen habe? Ich muss immer wieder über Eure Dummheit staunen."

Was fiel ihm überhaupt ein, sie in ihrem Schmerz noch so zu beleidigen?

„Was seid Ihr nur für ein Schuft! Ihr seid nicht einmal ein Christenmensch!", schrie sie völlig außer sich.

Ungerührt sah er ihr beim Toben zu, als sie das Pergament zerriss und ihren Lehnstuhl zur Seite trat.

„Jetzt habt Ihr nichts mehr, um mich unter Druck zu setzen. Und der Herzog genau so wenig. Von Euch muss ich mir gar nichts mehr bieten lassen. Denn mein Vater ist tot! Und das ist Eure schuld!" Bei diesen Worten trampelte sie auf den Fetzen des Pergaments herum.

„Ihr seid eine gottlose, niederträchtige Krähe, die sich am Leib anderer labt. Alles was man über Euch sagt, ist die Wahrheit. Zur Hölle fahren sollt Ihr!"

Sie raffte ihre Röcke und stürmte an ihm vorbei.

„Ach, Lady Swynford", sagte er ruhig, als sie bereits die Tür zum äußeren Gemach erreicht hatte. „Da ist noch eine Kleinigkeit."

„So?", rief sie wütend. „Was denn?"

In aller Seelenruhe kramte er ein Pergament aus seiner Tasche und hielt es ihr vor die Nase. Rose las nur ein Wort dieses Dokuments, doch es reichte, um ihr einen neuerlichen Schlag zu verpassen. „Haftbefehl", stand da.

„Betrug, Verrat, sucht Euch etwas aus, Lady Grey. Hochverrat kommt vielleicht noch hinzu, wenn man Euch eine Komplizenschaft zu Eurem Vater nachweist, den man gewiss auch posthum zum Hochverräter deklarieren kann."

Mit glasigem Blick starrte Rose auf das Pergament, das ihren Namen führte und dann hinauf zu Cromwell, der das Schriftstück nun wieder in seiner Tasche verstaute.

„Ihr werdet weiterhin zu den Treffen mit dem Herzog gehen. Und danach werdet Ihr mir wortgetreu niederschreiben, was dort besprochen wurde. Und hütet Euch davor, dem Herzog mitzuteilen, dass Euer Vater verstorben ist. Denn von da an, wird der Herzog Euch nicht mehr benötigen und Euch entfernen lassen."

„Mein Lord, darf ich jetzt bitte gehen?", flehte sie regelrecht.

Rose wollte nur weg von diesem Mann, weg von allem, am liebsten in eine stille Kammer, wo sie hemmungslos weinen durfte, ohne dass ihr jemand zuredete.

„Nein", antwortete der Lordsiegelbewahrer unbarmherzig und bedeutete ihr, wieder auf die Terrasse zu gehen. „Ich kann Euch schlecht so draußen herumlaufen lassen, alle Welt weiß mittlerweile, dass Ihr in meinen Gemächern ein und ausgeht."

„Ist das Eure einzige Sorge?", knurrte sie und betastete noch einmal ihre Wange, die sich eigentümlich taub anfühlte.

„Setzt Euch wieder", überging er ihre Frage.

Rose fühlte sich schrecklich müde, als sie sich abermals in den Sessel fallen ließ, der durch ihren Wutausbruch ein wenig schief stand.

„Erzählt mir etwas von Eurem Vater."

„Warum?"

„Tut es einfach."

Das schmerzte weit mehr, als alles, was er ihr bisher angetan hatte. Wollte er noch ein wenig den Finger in die Wunde legen?

„Er war ein fürsorglicher Mann", murmelte sie nach einer Weile. „Er hat mich und meine Schwestern nie anders behandelt als seine Söhne."

„Was ist mit Euren Schwestern und Brüdern?"

„Meine Schwestern sind tot, von meinen Brüdern ist auch nur noch einer übrig und der ist nach Irland gegangen, um sein Glück zu machen."

„Wenn Ihr wollt, könnt Ihr ihm schreiben", warf er ein.

Sie schüttelte den Kopf. „Ich wüsste nicht einmal wohin ich schreiben sollte."

Rose nahm noch einen Schluck von dem Wein, der die pochenden Schmerzen ein wenig vertrieb. Mittlerweile brannte er auch nicht mehr an ihrer Lippe, sondern verbreitete eine angenehme Wärme.

In den Gärten von Hampton Court war es mittlerweile dunkel geworden und Motten flatterten um die Fackeln.

„Warum hat Euer Vater Euch nicht schon lange verheiratet?"

„Ich glaube er wollte nicht gern alleine sein, nachdem mein Bruder fort war und meine Mutter starb. Das stört mich aber nicht."

„So? Ich dachte es gäbe kein größeres Glück für eine Frau, als zu heiraten und ihr eigener Herr in einem eigenen Heim zu sein."

„Ihr stellt merkwürdige Fragen, mein Lord."

Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. „Nein. Ich lenke Euch ab."

„Wovon?"

Augenblicklich schwand das Lächeln wieder. „Ich dachte wir wären darin übereingekommen, dass Ihr Euch nicht mehr dumm stellt. Was nützt Ihr mir noch, wenn Ihr in Eurer Trauer zergeht?"

Rose zog es vor, diese Frage nicht zu beantworten. Sie fühlte sich schläfrig und ausgebrannt. So ließ sie Cromwell seine Fragen stellen, auch wenn sie glaubte, jede davon reiße eine neue Wunde in ihr Herz.

„Wart Ihr jemals wütend auf Euren Vater?", plauderte er mit ihr, als sei gar nichts vorgefallen.

„Natürlich. Mein Bruder schnitzte mir einmal ein paar Figuren, das sollten wohl Ritter sein... James war nicht der Geschickteste, aber sie gehörten nun einmal mir. Ich ließ sie auf dem Küchentisch liegen und mein Vater, der dachte ich hätte nur ein paar Äste mit in die Wohnung gebracht, warf sie achtlos ins Kaminfeuer."

Als sie über diese Situation nachdachte, musste sie gegen ihren Willen lachen. Wie böse sie auf ihren Vater gewesen war. Sie hatte ihm gedroht, wütend ihre kleine Faust geschwungen und zwei Tage hatte sie das Essen verweigert, aus Wut über Vaters gedankenlose Tat. Aber er war fort. Genau wie die geschnitzten Soldaten des Bruders. Sie schwieg abrupt, denn die Erkenntnis traf sie hart: Ihr Vater war nicht mehr da.