Offensichtlich hatten der Inspektor und Kirkland tatsächlich geglaubt, der junge Mann von der Zeitung wäre der Doppel-Mörder in den beiden Whitechapel-Fällen. In der Befragung stellte sich das aber eindeutig als ein Fehler heraus. Man konnte von Glück sprechen das sie ihn nicht gleich einfach so einsperren hatten lassen. Er konnte von Glück sprechen.
Nachdem Scott Kirkland von dem Gespräch mit dem Verdächtigen ausgeladen hatte – offenbar wegen irgendetwas das mit einem ‚Frischling' zu tun hatte - hatte dieser darauf bestanden das Scott ebenfalls ausgeladen werden müsste. Also … nicht dieser Neue, wer auch immer das war. Was der Chief Inspektor wiederum behaglich Abstritt und zu dem anmerken ließ das Kirkland hier ohnehin keine entscheidungsmacht hatte. Das taten die beiden immer, weswegen man diesen Streit am besten mit einem Seufzer abtat und sich anderen, wichtigeren, Dingen zuwandte. Die beiden Stritten wie üblich über die Autorität in diesem Fall oder eher generell. Viellicht, so überlegte Luke oft, vielleicht wäre es für alle einfache wenn der Inspektor so um die zwanzig Jahre älter wäre als er es jetzt war. Also wahrscheinlich so um die Fünfzig oder so. Alten Menschen hatte man von Natur aus mehr Respekt gegenüber und man konnte sie leichter als Vorgesetzte Akzeptieren. Wegen der Lebenserfahrungen und all dem was mit dem Alter so kommen würde. Wenn es denn wie versprochen kommen würde. Luke hatte bisher schon genug Leute getroffen die eindeutig das Gegenteil bewiesen.
Wie auch immer, über ihr Gezanke hinweg vergaßen sie ihren unfreiwilligen Gast fast sofort. Der Machte jedoch auch keine Anzeichen irgendwie auf sich aufmerksam zu machen, doch genau so wenig das geringste Anzeichen einen Versuch zu starten abzuhauen. Er war einfach ganz ruhig. Eine Hand hatte er locker in der irgendwie schmuddelig wirkenden Tasche seiner Hose die andere hing schlaff neben dem Körper während seine Augen belustigt auf den beiden streitenden ruhten. Daan, hinten an seinem Schreibtisch, war in der Sekunde aufgestanden als der Streit in der Mitte einen Punkt erreicht hatte, an dem Kirkland Scott als einen ‚faulen überheblichen Perversling' beschimpfte und Scott Kirkland aus dem Team schmeißen wollte. Ganz des Yards verweisen wenn er irgendwie konnte. Luke seufzte, dieses Mal tatsächlich, doch er konnte sich nicht einfach abwenden wie sonst und irgendwas anderes machen, das wäre ihrem Besucher gegenüber nicht fair. Auf der anderen Seite hatte er aber auch eine Ahnung wie er die beiden auseinander bringen sollte. Ob er das überhaupt versuchen sollte. Der Blonde sah erst wieder auf, als Daan ihm die Hand auf die Schulter legte.
„Luke, mach bitte Tee für unseren Gast"
Er nickte gehorsam und machte sich daran eine neue Kanne Tee aufzusetzen. Es dauerte eine Weile bis das Wasser kochte und der Tee lange genug gezogen hatte. Doch schließlich folgte er dem Holländer aus dem Büro und in das kleine Zimmer, welches sie, wie die anderen Abteilungen auf ihrer Etage, als … nun als eine Art Verhörraum nutzten. Auch wenn es absolut nicht danach aussah.
Luke klopfte, und blinzelte dem Licht entgegen, das durch das große Fenster, das der Tür gegenüber liegt, hinein dran. Ja, dieser Raum hatte ein schönes großes, zur Straße gerichtetes Fenster, das nicht nur gelegentlich Frischluft sondern auch Tageslicht spenden konnte. Was es auch an einem Tag wie diesem fleißig tat. Ganz anders als das kleine Loch in ihrer Bürowand, das ihn immer an das Fenster einer Gefängniszelle erinnerte. Es fehlten nur die Gitterstäbe. Ansonsten jedoch war der Raum wie alle anderen auch: recht hoch, mit halbhohen vertäfelten Holzwänden und einem bereits abgenutzt wirkendem Parkettfußboden. Nur das Mobiliar war nicht allzu vielseitig. Ein großer rechteckiger Tisch, um den herum vier Stühle standen, von denen zwei inzwischen belegt waren.
Der Blonde setzte sich zu Daan, nachdem er vor jeden von ihnen eine Tasse mit dampfendem Tee abgestellt hatte. Ein teures Zeug, das Mr. Kirkland mitgebracht hatte, nachdem er sich immer über den billigeren Tee beschwert hatte, den das Büro bot.
»Ich fürchte wir müssen uns für unsere Kollegen entschuldigen« Begann der Holländer das Gespräch, er hatte offenbar auf Luke's Ankunft gewartet. Nett von ihm. Luke nickte schließlich zustimmend. er wusste genau das der Holländer wahrscheinlich das gleiche Bild wie er im Kopf gehabt hatte, als die beiden anderen, ihren ‚Gefangenen' im Schlepptau, von ihrem spontanen Spaziergang zurück gekommen waren. Etwas das wahrscheinlich ausgesehen haben musste wie eine professionelle Entführung. Mr. Scott der ihn von hinten Festgehalten hatte und Mr. Kirkland der finster lachend Chloroform auf einen Lappen hatte tröpfeln lassen ehe dieses auf sein Gesicht gedrückt wurde. … Ach nein, ihr Gast war ja bei Bewusstsein.
Ohnehin Schüttelte der Dunkelhaarige intensiv den Kopf, weiterhin leicht lächelnd.
»Ach was, passiert mir ehrlich gesagt öfters«
»Oh…Ähm« Diese Antwort hatte die beiden Sergeanten ein wenig aus dem Schwung gerissen, wobei wahrscheinlich nicht mal die Worte selber das Problem waren, sondern, zumindest für den blonden selbst, der heitere Ton in dem es gesagte wurde.
»nun, wie auch immer ich muss sie bitten uns ihre Personalien zu geben« Daan fasste sich fast sofort wieder. Er räusperte sich kurz und Luke Sah aus den Augenwinkeln, wie der Holländer kurz zur Tür hinüber sah. Oho. Er wusste was das bedeutete! Schnell kreuzte er unter dem Tisch die Finger. Vergeblich. Es half wie gewöhnlich nichts und schon als der Holländer weiter sprach wusste er, dass er mit seiner Vermutung richtig lag. »Luke« er räusperte sich wieder und verbesserte sich rasch »ich meinte … Sergeant Churchland, wird hier bleiben und sich darum kümmern« Was? Würde er das? Lukes grüne Augen weiteten sich einen Moment. Er hatte es geahnt. Dann wollte ihn hier zurück lassen und er wusste nicht, wie er darauf reagieren sollte. War das jetzt seine Chance? Nein. Doch. Nein, das war toll. Prima. Endlich schickten sie ihn nicht mehr nur hin und her um Botengänge zu machen … oder Tee … er hatte wirklich eine wichtige Arbeit zugewiesen bekommen. oder bildete er sich das etwa nur ein? War das Aufpassen auf diesen Kerl nicht auch nur wieder so einer unwichtigen Arbeit, die einfach kein anderer machen wollte?
Neuerlich klopfe ihm Daan auf die Schulter, was für den Neuseeländer ein eindeutiges Zeichen dafür war, dass dies tatsächlich nur eine Aufgabe war auf die dieser selbe keine Lust hatte. Und auch dafür, dass er sich das eben alles nur eingebildet hatte. Luke war noch immer das Küken, wie Kirkland ihn immer wieder nannte. Er seufzte, als der andere ihm zurück gelassen hatte und durch die Tür verschwunden war, und sah dann zu dem Braunhaarigen hinüber um dessen Personalien aufzunehmen. Er würde es diesen eingebildeten Idioten schon zeigen, er würde hier eine ausgezeichnete Arbeit machen.
»Na… dann werde ich wohl ihre Personalien aufnehmen«
»Deine!«
»Bitte?« Fast hätte er wieder geseufzt, offensichtlich, sah der andere nicht nur eigenwillig aus, nein er schien es auch tatsächlich zu sein. Eigenwillig, unhöflich und, zu allem Übel, ließ er sich ganz eindeutig auch nicht von ein wenig verstimmten Gemurmel von Seiten des Segrands – was eigentlich nicht mal nur an ihm lag – aus der Fassung bringen. Nein, statdessen machte er einfach gut gelaunt immer weiter:
»Sparen wir uns doch diesen förmlichen Quatsch« er grinste breit streckte dem Blonden weit über den Tisch gebeugt hinweg die Hand hin und fügte hinzu »Ich bin Jett Banjora. 21 Jahre alt, Arbeite als Journalist bei der Times, aber das weißt du ja sicher , da haben mich deine Kollegen immerhin aufgegriffen, ich lebe mit meiner jüngeren Schwester, Kate Banjora, zusammen und bin derzeit Single, nur für den fall das das deine Fragen da« er, Jett, nickte zu Lukes Unterlagen hinüber »beantwortet.« Tat es. Offensichtlich machte er diese Aufnahme wirklich nicht zum ersten Mal, wie es dem Blonden durch den Kopf schoss als er sich daran machte die Informationen einzutragen. J.E.T… ein zweites T? er sah von seinem Blatt auf und zu seiner Überraschung streckte der andere ihm bereits zwei ausgestreckte Finger entgegen, zur Beantwortung seiner nicht gestellten Frage. Jett Banjora. 21 Jahre. Journalist der Times. Single. Single? Dafür gab es nicht mal eine Spalte.
»Das wäre eigentlich nicht meine-« Die Spitzen seiner Ohren nähmen die Farbe von reifen, prallen Tomaten an, während er möglichst desinteressiert klingend zu Sprechen begann, doch da lehnte sich der andere auch schon über den Tisch und legte ihm einen Finger auf die Lippen. Er zwinkerte.
»Lass es wirken, du wirst sehen genau das war deine Frage.«
Luke würde es definitiv nicht wirken lassen! Und Er war definitiv nicht ganz in Ordnung im Kopf! Durch das einfache zurückziehen des Kopfes, machte sich der Blonde los und versuchte sich wieder auf die restlichen Angaben zu konzentrieren. Wenn möglich, ohne allzu viel mit diesem Jett kommunizieren zu müssen. Einige Felder konnte er tatsächlich so eintragen. Etwaige Größe und Gewicht, er hatte einen guten blick für so was, das äußere Erscheinungsbild der Menschen um ihn rum, verriet ihm mehr als sie alle Ahnten. Und im Moment hatte er nicht vor sie darüber aufzuklären, nicht solange sie alle seine Fähigkeiten und Arbeiten nicht zu würdigen wussten. Ganz so wie der Braunhaarige ihm gegenüber, der offenbar glaubt ihn mit seinen irritierenden Worten aus dem Konzept zu bringen. Falsch gedacht! Als nächstes die Augenfarbe… ähm … nun das war nicht so wichtig… er würde nicht… Seine Auge wanderten wieder zu dem Braunhaarigen hinüber der ruhig abwartete, solange der Polizist mit seinen Unterlagen beschäftigt gewesen war. Doch er sah ihn dabei unverwandt an. Grün. Strahlend Grün. Und irgendwie schienen sie immer zu zwinkern.
»…« Er räusperte sich einmal, um sich wieder zur Räson zurufen »ich müsste dann wissen wo genau sie-«
»Du!«
»Wo genau du herkommst«
Jett grinste wieder frech und antwortete mit einem einzigen Wort: »Australien«. So viel dann zu genau. Naja wenigstens hatte er keine seltsame Bemerkung gemacht weil Luke ihn nach seiner Adresse fragen musste. Die wäre ohnehin fehl am Platz gewesen. Wie gesagt, er musste. Über diesen verstörenden Gedanken gang hinweg zu kommen brauchte es eine ganze Weile Doch als er endlich verstanden hatte was genau der andere ihm grade gesagt hatte fehlten ihm fast die Worte. Australien? Das Australien? Oder gab es irgendeine Straße die so hieß? Er versuchte sich daran zu erinnern ob er schon Mal von so einer Straße gehört hatte, oder ob er sie schon Mal auf einer arte gesehen hatte. Nein. Nichts. Es gab keine solche Straße hier in ihrem schönen – und an vielen Stellen auch weniger schönen – London. Versuchte dieser Kerl ihn schon wieder zu verwirren? Gut dieses Mal hatte das wohl ein klein wenig funktioniert. Seine letztliche Antwort und sein verhalten daraufhin überraschte ihn fast selber ein wenig. So also wunderte es den Blonden auch nicht wirklich, das seine letztliche Reaktion auf diese Antwort mehr als ungläubig ausfiel. Unterstrichen von dem ein wenig eitel wirkenden Geste die Augenbrauen anzuheben, die Arme vor der Brust zu verschränkten und sich leicht nach hinten zu lehnen. Etwas das er sich von Mr. Scott und Kirkland abgeschaut hatte, die diese Technik beide meisterhaft beherrschten.
»Australien?« Luke stellte zufrieden fest das seine Stimme nur so von unzufriedenen Sarkasmus triefte. Offenbar hatte er mehr von den anderen gelernt als ihm selber klar war. Wobei er beim genaueren überlegen nicht mal genau wusste warum ihm diese Antwort so provokant oder eher unglaubwürdig vorkam. er kam immerhin auch von so weit weg – ein kleines Stückchen weiter sogar. Jett nickte nur zufrieden vor sich hin. Offenbar war er von Lukes Auftritt nicht u begeistert, oder eher eingeschüchtert. Er schien sich auch nicht dumm vorzukommen. Die Ergebnisse die Scott und Kirkland normalerweise davon trugen. Ersteres Scott und letzteres Kirkland. So viel dazu, dass er so viel von ihnen gelernt hatte. Küken. Zu allem Übel drehet Jett den Spieß auch noch um und gab seinerseits nun ihm das Gefühl ein dummes unwissendes Kind zu sein.
»Jup« Begann der Braunhaarige und schwenke leicht abwehrend die Hand vor dem Gesicht »du weißt schon da wo deine tollen Leute glaubten ihren Abschaum hin schicken zu können« Damit sprang die Röte von seinen Ohren auf seine Wangen über.
»ich weiß wo das liegt« sagte er in dem Autoritärsten und intelligentesten Ton den er so spontan hinbekam und machte sich mit der gleichen intellektuellen Haltung wieder über das immer noch anstehende polizeiliche Schreiben her. Es war an der Zeit diesen Typen wieder los zu werden… oder zumindest an die anderen zu übergeben.
Doch etwas wurmte ihn dabei: seine tollen Leute. Das waren nicht seine Leute, ob sie nun toll waren oder nicht. Er war hier doch genauso ein Fremder wie der Australier ihm gegenüber. Und das zumindest musste noch gesagt werden.
»und das sind nicht … meine tollen Leute – ich bin nicht von hier«
»Ach wirklich?« Jett beugte sich zu ihm herüber und musterte den deutlich kleineren genauer. Er war definitiv zu nah, für Lukes Geschmack zumindest. Das Schlimmste aber war, das es ihre ganze Situation umdrehte und dieser australische Reporterbursche war schuld daran. Er war hier der Polizist, er sollte ihn so mussten, er sollte Fragen stelle, er sollte … die Situation unter Kontrolle haben. Aber hatte er das? Nein. Obwohl er sich die größte Mühe gegeben hatte war er nicht diese Art Polizist. Knallhart ohne Gefühle und Eigenes Leben… ohne Vergangenheit. Die Anderen möchten das vielleicht sein, doch er war anders und im inneren wollte er auch nicht so sein wie sie.
»hmm du siehst aber so aus. Du und dieser andere da ‚Mr British'-Persönlich« erwiderte Jett und riss Luke so aus seinen Gedanken, nachdem er endlich genug gesehen hatte. Aber Mr. British…er meinte offensichtlich Mr. Kirkland. Auf wenn würde diese Beschreibung sonst passen, er war einfach zu perfekt … britisch. Und leider hatten sie tatsächlich nicht nur einen so ähnlichen Namen hatten, nein sie waren sich wirklich äußerlich recht Ähnlich. Recht, nicht sehr. Nur recht! Der Neuseeländer war nicht so verstockt, nicht so perfektionistisch und unsympathisch! Zumindest hoffte er das.
»Also? Woher kommst du dann?«
»Neuseeland«
»ist das dein ernst?«
Er Nickte leicht und wandte wieder den Blick ab. Jett jedoch grinste wieder, deutlich angetan von der Wendung die ihre Unterhaltung genommen hatte.
»Dann hattest du aber verdammt recht damit, das das absolut nicht deine Leute sind.«
»Vielleicht«
»Hmm…dann bist du aber ziemlich weit weg von Zuhause, findest du nicht«
Zuhause? Er hatte ja keine Ahnung! Das war nicht sein Zuhause, nicht mehr. Nachdem seine Eltern gestorben waren, war er nach London gekommen. Als blinder Passagier auf einem Frachtschiffes nur um in der angeblichen Metropole in einer genauso hoffnungslosen Situation zu stecken wie in der Kolonie die er früher wirklich einmal Zuhause genannt hatte.
»Also meine Eltern oder eher mein Vater und Großvater sind in den frühen 50er rüber, vorher haben sie in Amerika nach Gold gegraben, nur um auf dem neueren neuen Land dann das gleiche zu tun. Tja ich bin dort geboren und eigentlich auch aufgewachsen, bis es meiner Mutter nach mehr ‚Zivilisation' verlangte« Obwohl der Australier noch immer am Lächeln war klang das alles In Lukes Ohren traurig »so bin ich dann hier gelandet. Die Angebliche Blüte der Zivilisation, dem Herzen der Welt«
Wie das klang, aber Luke verstand nur zu gut was er meinte. Er wusste natürlich nicht genau wie es in Australien aussah oder ausgesehen hatte, aber die Kolonien die er bisher gesehen hatte waren alles andere als … Modern. Zumindest glaubte er das. Inzwischen waren seine Erinnerungen an die Fernen Kolonien längst verschwommen, sie waren verdrängt wurden von der harten Realität der Gegenwart. Auf der Straße hatte man nun einmal keine Zeit in Erinnerungen zu schwelgen. Und doch war ihm diese eine Sache erhalten geblieben. Nachdem er sich von Bord des Schiffes geschlichen hatte, hatte er das Gefühl gehabt, nie im Leben etwas Vergleichbares gesehen zu haben. Zugegeben sein Leben war damals noch nicht besonders ausführlich oder lang gewesen, aber als blinder Passagier auf einem Handelsschiff sah man doch das ein oder andere. Wenn gleich diese Einzigartigeit nicht nur positive Aspekte hatte.
Inzwischen hatte er langegenug auf der Straße gelebt, gestohlen und betrogen um irgendwie über die Runden zu kommen. Mehr als einmal war das auch schief gelaufen, wenn es etwas gab das die Menschen noch mehr hassten, als die Huren und Händler an den Straßenecken, dann waren es bettelnde und stehelende Kinder. In den Augen der meisten Menschen hatten jungen wie Luke einer gewesen war kein recht dazu überhaupt zu leben… und das gaben sie einem nur zu gerne zu verstehen. So waren neben Hunger, Kälte und Angst, auch Schläge und sogar Mord nichts Ungewöhnliches im Leben der Londoner Straßenkinder. Vielleicht, nein genau genommen, war es sogar so, dass sein leben hier um einiges miserabler gewesen war als es in Neuseeland jemals hätte sein können.
»Weißt du ich« – Setzte er grade an um dem anderen seine Geschichte zu erzählen als er von der Tür her unterbrochen wurde.
»Seit ihr endlich fertig damit sentimentale Geschichten auszutauschen?!« Scott war herein gekommen, ohne dass Luke ihn gehört oder bemerkt hätte und fixierte den Neuseeländer mit einem ernsten Blick. Nachdem dieser endlich den Blick hatte zurück auf die Tischplatte sinken lassen, setzte er sich auf den freien Platz von Daan. »Das ist wirklich nicht zum Aushalten euch zuzuhören« fügte er ein wenig leiser hinzu was Lukes Wangen abermals ein wenig rosa färbte.
Zuzuhören… zugehört. Er hatte ihnen zugehört. Luke fragte sich instinktiv wie lange er dort gestanden hatte, was er alles gehört und gesehen hatte und auch warum er sich nicht einfach …
»Ich habe nur … Daan wollte das ich seine-«
»unwichtig!«
»A-Aber …«
»Wir wissen längst wer er ist. Es gibt von diesem netten Personalien schon ein paar mehr in unseren Archiven. Fünf, um genau zu sein« Jetzt galt der kalte, ernste Blick des Chief Inspektors nicht mehr dem blonden auf dem Stuhl neben sich sondern dem Australier, der ruhig zurück sah und mit den Schultern zuckte. Er hatte ihnen ja gesagt, dass ihm so was öfter passierte. Allerdings wusste dass Luke, nicht Scott. Er sich jedoch nicht davon abbringen ließ ohne irgendwelche Einwände weiter zu machen. »also, wie zur Hölle haben sie diese verdammten Artikel zustande gebracht?«
Es gab ein kurzes klatsch-ähnliches Geräusch, als Scott die beiden Zeitungen auf die Tischplatte fallen ließ und sie quer über diesen zu dem Braunhaarigen hinüber schob. Endlich verstand auch der Neuseeländer worum es die ganze Zeit über gegangen war und auch warum sie Jett überhaupt erst hier her gebracht hatten. Er hatte die Artikel geschrieben. Die Artikel über den Leather Apron.
»mit der Schreibmaschine« Jetts Mundwinkel gingen in ein leichtes Lächeln über und auch Luke musste sich ein Kichern verkneifen, was ihm nicht allzu gut gelang. Selbst Scotts Mundwinkel schienen leicht zu zucken, wenngleich das leichte zucken seiner Augenbraue nicht unbedingt dafür sprach, dass er irgendwie erheitert war.
Langsam erhob sich der Schotte wieder von seinem Platz, ging um den Tisch herum und setzte sich auf der anderen Seite halb auf die Tischplatte. Direkt vor dem Journalisten.
»und jetzt zeige ich dir warum wir seine Personalien nicht brauchen« sage er und seine Stimme war so kalt das es dem Blonden einen Schauer über den Rücken jagte. Das was der Inspektor dort tat, konnte technisch vielleicht noch als Lächeln durchgehen, doch praktisch hatte es nichts von dem was ein Lächeln zu einem Lächeln machte. Luke Schluckte, er wusste nicht ob er das überhaupt wissen wollte und auch nicht ob sein nicht wollen überhaupt einen Einfluss auf das hätte was in den nächsten Minuten passieren würde. Wahrscheinlich nicht. »Ohne dieses Schreiben ist er offiziell betrachtet heute niemals hier gewesen!«
»was?!« Jett sah leicht erschrocken auf »das war ein Schert, okay? Darüber lacht man!«
»Ich weiß nicht ob dir das irgendwie klar sein könnte, aber wir versuchen hier einen zweifachen Mörder! Wir sind nicht hier zum Spaßen!«
Darauf hatte der Australier nichts mehr zu sagen. Sein Blick viel auf Luke, wanderte dann hinüber zur Tür, zum Fenster und viel schließlich auf die Tischplatte hinab. Wenn der Schotte ein Talent hatte, dachte Luke bei sich, dann war es Leuten Leid und Schmerzen zu bereiten. Er war eben nicht unbedingt laut gewesen, doch sicher waren seine Worte wie ein Schlag ins Gesicht des Journalisten gewesen und sicher waren sie auch als solcher gedacht gewesen.
Eine kurze Weile, die allen beteiligten vorkam wie Stunden, blieb es ruhig. Keiner von ihnen sagte etwas. Luke sah mitleidig zu Jett, der unter dem finsteren Blick des Schotten immer noch auf die Tischplatte hinab starrte, den Kopf leicht gesenkt. Dann endlich, nach dieser gefühlten Ewigkeit fand er seine Sprache wieder. So leise das der Blonde es fast überhört hätte.
»Ich habe niemanden umgebracht« Das war die Wahrheit, Luke wusste es. Er hatte niemanden umgebracht. Vielleicht konnte er es aus der Stimme heraus hören, vielleicht war es auch nur ein Gefühl. Aber er wusste, dass er damit Recht hatte. Scott schien es nicht zu spüren, ungnädig bohrte er weiter.
»Dafür sind diese Berichte aber erstaunlich genau und sicher nicht dank unserer öffentlichen Aussage, die wir heute Morgen am Tatort gemacht haben. Also, wer außer dem Mörder selbst könnte solche Details wissen?«
»Ich … ich … Meine Quelle hat es mir gesagt«
»und die wäre?«
»Das kann ich nicht sagen …« Das war offensichtlich die Falsche Antwort! Binnen weniger Sekunden hatte der Chief Inspektor, seine Hand auf Jetts Hinterkopf gelegt, seinen Griff verstärkt und ihn vornüber mit dem Gesicht nach vorne auf die Tischplatte geschlagen. Luke hörte ein leises Knacken, ein leises wimmerndes quicken von sich selbst, sein Stuhl der von der plötzlichen Bewegung des Aufstehens nach hinten umfiel und die Tür wie sie gegen die dahinter liegende Wand schlug. Mr. Kirkland!
Luke war aufgesprungen ohne so recht zu wissen was er eigentlich tun sollte und ob er was tun sollte, doch Kirkland würde sicher irgendetwas machen. Die grünen Augen des Blonden wanderten einmal über die drei Anwesenden, so schnell, das dem Neuseeländer beinahe schlecht wurde. Doch dem Engländer hatten diese paar Sekunden bereits gereicht um die ganze Situation zu analysieren. Und er handelte! Flink wie ein Wiesel war er hinter Scott und griff diesem von hinten unter den Armen durch um anschließend seine Finger in dessen Nacken ineinander zu verschränken. Er zog und obwohl Scott eindeutig der größere und wahrscheinlich auch kräftigere war, hatte der blonde den Moment des Vorteils ideal genutzt. Nicht zuletzt da der Inspektor so unpraktisch auf dem Tisch gesessen hatte.
»Luke, schau nach ob er Okay ist!«
Der Angesprochene nickte eilig und ging zu dem Braunhaarigen hinüber. Doch, inzwischen befreit, hob der andere nur leicht den Kopf und winkte Luke ab
»Allels gut« bis auf die Tatsache das seine Nase stark am Bluten war und ein klein wenig schief aussah. Der Blonde reichte ihm sein Taschentuch, welches Jett ihm nickend abnahm und auf sein blutverschmiertes Gesicht drückte. Er zuckte leicht als seine Finger sich um die Nase schlossen um den Blutstrom zu stoppen, sagte jedoch bemüht lächelnd »danke«
»Das tut uns wirklich Leid« Entschuldigte Kirkland das unangemessene Verhalten seines Vorgesetzten. Der zwar keine Anstalten machte überhaupt erst zu versuchen, sich aus Kirklands griff zu befreien, doch ein grummelndes »Mir nicht« vernehmen ließ. Die anderen seufzten doch als der Schotte ein »er hat es nicht anders verdient« hinzufügte, das im gleichen Moment auch von dem betroffenen ihm am - nur das jetzt ich nicht er sagte – starrten alle den Australier an.
»Aber ich kann euch trotzdem nicht sagen wer meine Quelle ist … ihr würdet mir ohne hin nicht glauben«
Jetzt zuckte der Schotte wieder leicht und Mr. Kirklands Gesicht verriet, das auch er bemerkt hatte das die Lust neuerlich auf den Journalisten einzuschlagen neuerlich in ihrem Vorgesetzten aufloderte. Ihn und Luke interessierte jedoch etwas anderes viel mehr: was würden sie ihm nicht glauben? Und warum? Luke war es der diese Frage endlich äußerte und ein schwaches seufzen folgte vonseiten des Australiers, er sah von dem Neuseeländer zu seinem Mr. British hinüber und sagte dann den Blick senkend und die Stimme durch das Tuch gedämpft
»sie ist eine Wahrsagerin«
Eine Wahrsagerin … das war wirklich … schwer zu glauben.