Kapitel 6: Die Wahrheit

Der Doktor beendete die Regenerationssequenz an Sevens Alkoven, zückte seinen Tricorder und begrüßte sie mit einem strahlenden Lächeln:
„Wie geht es meiner Lieblingsborg denn heute morgen? Haben Sie gut geschlafen?"

„Doktor, gerade Sie sollten wissen, dass Regenerieren und Schlafen nicht das gleiche sind."

„Wie ich sehe, sind Sie wieder in Topform", bemerkte der Doktor trocken, ließ es sich aber trotzdem nicht nehmen, Seven gründlich von Kopf bis Fuß zu scannen.

„So gut wie neu, alle Implantate funktionieren wieder innerhalb der vorgesehenen Parameter und Ihre biologischen Systeme haben sich auch vollständig erholt. Sie sind wieder diensttauglich, Seven. Trotzdem möchte ich, dass Sie Ihre Wartungsroutinen in der nächsten Zeit verdoppeln."

„Verstanden, Doktor."

„Und der Captain möchte Sie sehen, sobald Sie wieder auf den Beinen sind."

„Verstanden."

„Seven? Sie müssen es Ihr sagen. Sie hat sich große Sorgen um Sie gemacht."

„Ich bin mir nicht sicher, ob das weise wäre."

„Sie sollen ihr ja keinen Antrag machen. Sagen Sie ihr nur, was Sie empfinden und dass Sie wissen, dass es sich dabei um eine einseitige Attraktion handelt. Erklären Sie ihr, was passiert ist. Sie wird es verstehen."

„Nun gut. Wir werden sehen."

„Ich bin für Sie da, Seven. Sie können mich Tag und Nacht aktivieren, wenn Sie mich brauchen."

Seven erinnerte sich daran, dass auch der Doktor unter einer unerwiderten Liebe litt und vermutlich wusste, wie es ihr erging. Sie begriff, dass sie nicht auf sich gestellt war und einen Freund hatte, an den sie sich im Notfall wenden konnte. Ungeschickt, weil sie es noch nie ausprobiert hatte, tätschelte sie den Arm des Doktors; sie wusste, dass Menschen und auch der holografische Arzt auf solche Gesten Wert legten.

„Danke, Doktor." Sie versuchte sich an einem Lächeln. „Ich weiß Ihr Angebot zu schätzen."

Der Doktor lächelte sie aufmunternd an und verließ den Frachtraum. Seven folgte langsamer.

„Computer, wo befindet sich Captain Janeway?"

„Captain Janeway ist in ihrem Bereitschaftsraum."

Seven machte sich ohne weiteres Zögern auf den Weg zum Captain.

Als sie den Turbolift auf Deck eins verließ und die Brücke betrat, wurde sie erfreut von ihren Kollegen begrüßt.

„Seven! Schön, Sie wieder auf den Beinen zu sehen!", rief Tom ihr quer über die Brücke entgegen.

„Schön, dass Sie wieder da sind", kommentierte Chakotay mit einem freundlichen Lächeln und selbst Tuvok ließ sich zu einem Kommentar herab:
„Sie wurden vermisst."
„Danke", erwiderte Seven ein wenig verlegen angesichts der ungeteilten Aufmerksamkeit.

Mit schnellen Schritten durchquerte sie die Brücke und suchte Zuflucht in Janeways Bereitschaftsraum.

„Seven! Schön, Sie zu sehen! Wie fühlen Sie sich?"

„Ich funktioniere innerhalb ..." Sie unterbrach sich. „Danke, Captain, es geht mir gut. Der Doktor sagte, Sie wollten mich sehen?"

„Ja, ich wollte mit Ihnen reden. Setzen wir uns doch nach drüben."
Janeway kam hinter ihrem Schreibtisch hervor und begleitete Seven zu ihrem Sofa.

„Ich habe mir Sorgen um Sie gemacht, Seven", kam Janeway dann auch gleich auf den Punkt. „Der Doktor hat mir in groben Zügen erklärt, welche Probleme Sie wälzen, allerdings hat er sich mehr als nur vage ausgedrückt. Er meinte, Sie wären ..." Sie zögerte, „unglücklich verliebt und hätten sich deshalb so in die Arbeit gestürzt. Irgendwie scheinen diese Gefühle einen Konflikt in Ihren Implantaten ausgelöst zu haben, die damit Ihre Regeneration unterbrochen haben. Möchten Sie darüber reden?"

Sie schenkte Seven ein sanftes Lächeln.

„Das ist kein Befehl, Seven. Ich sitze hier nicht als Ihr Captain, sondern als Ihre Freundin und was wir hier besprechen, wird diesen Raum nicht verlassen."

Sie sah Seven abwartend an, immer noch das sanfte Lächeln, das Seven so wunderschön fand, auf ihrem Gesicht.

Seven versuchte, ihre Gedanken zu sammeln, um sich einigermaßen klar auszudrücken.

„Captain, Romanzen sind ein Gebiet, auf dem ich mich nicht gut auskenne. Von daher bin ich mir nicht sicher, wo und wie ich beginnen soll."

„Wie wäre es mit dem Anfang?", schlug Janeway vor.

„So paradox es klingen mag, ich bin nicht sicher, ob es einen gibt und wo ich ihn suchen sollte."

„Versuchen Sie einfach zu sagen, was Ihnen auf der Seele liegt, Seven. Es kann nicht so schlimm sein, dass Sie dadurch meine Achtung oder meine Sympathie verlieren würden, falls es das ist, was Sie befürchten."

Seven suchte Janeways Blick.

Janeway hatte keine Probleme damit, den Ausdruck der Hilflosigkeit in Sevens blauen Augen zu entziffern. Spontan nahm sie Sevens Hände zwischen ihre.

Seven erinnerte sich an ihre Studien romantischer Literatur und beschloss, sich davon leiten zu lassen. Sanft drückte sie die Hände des Captains, sah ihr in die Augen und sagte ruhig:
„Ich habe romantische Gefühle für Sie entwickelt, Captain. Wenn Sie bei mir sind, habe ich das Gefühl von Perfektion und wenn Sie nicht in meiner Nähe sind, fühlt es sich an, als würde meine kortikale Phalanx nicht richtig funktionieren. Ich weiß nicht, wann oder wie das passieren konnte, aber ich weiß, dass Sie meine Gefühle nicht erwidern, dass Sie biochemisch gar nicht in der Lage dazu sind, meine Gefühle zu erwidern. Das haben Sie unmissverständlich zum Ausdruck gebracht. Von daher erwarte ich nichts Ihnen."
Seven schwieg und sah Janeway abwartend an.

„Sie lieben mich, Seven?", fragte Janeway schließlich, und Seven konnte den Kloß in ihrem Hals hören.

„Ja, Captain", antwortete sie freimütig. „Und ich weiß nicht, wie ich mit diesem Gefühl verfahren soll. Ich habe versucht, es zu ignorieren, bin aber gescheitert. Der Doktor riet mir heute morgen, mich Ihnen zu offenbaren."

„Diesen Rat hätte er Ihnen schon viel früher erteilen sollen", murmelte Janeway, „es hätte mir viel Sorgen erspart."

„Captain?"

„Ich habe mir Sorgen um Sie gemacht, Seven. Und um Himmels Willen, wenn wir hier ein solches Gespräch führen, nennen Sie mich Kathryn. Das ist bei weitem kein Gespräch zwischen Offizieren, sondern eines zwischen Freunden."

„Wie Sie wünschen, Kathryn."

„Was mache ich nun mit Ihnen, Seven?"

„Soweit ich weiß, habe ich keinerlei Protokolle verletzt."

„Ich rede nicht von Protokollen, Seven! Ich bin vielmehr besorgt, wie sich diese ganze Sache auf Sie auswirkt. Sie sind zum ersten Mal verliebt – in eine Person, die Ihre Gefühle nicht in der gleichen Weise erwidert. Ich würde lügen, würde ich behaupten, dass ich mich nicht davon geschmeichelt fühlte. Sie sind eine einzigartige und bemerkenswerte Person und jeder könnte sich glücklich schätzen, Sie als Partnerin zu haben. Unglücklicherweise", sie lächelte schief, „gehöre ich nicht zu diesem Personenkreis. Ich mag Sie, Seven, ich mag Sie sogar sehr und ich habe Ihnen ja bereits gesagt, wie stolz ich auf Sie bin."

„Und das hat mich sehr – glücklich gestimmt, Kathryn", erwiderte Seven ruhig. „Ich freue mich über Ihre Anteilnahme an meiner Entwicklung und ich bin dankbar für Ihr Vertrauen und Ihre Anleitung. Ohne Sie wäre ich nicht die Person geworden, die ich bin." Seven wählte ihre Worte sehr bedachtsam.

„Es hat mir sehr viel Freude bereitet, Ihre Entwicklung zu beobachten, Seven. Sie haben nichts mehr mit der Drohne gemein, die damals im Frachtraum aus dem Alkoven stieg. Aber ich weiß immer noch nicht, was ich mit Ihnen machen soll."
Sie entwand Seven eine ihrer Hände und legte sie Seven sanft an die Wange.

„Was möchten Sie? Wäre es Ihnen lieber, wenn wir unsere Kontakte einschränken, ein wenig Abstand zueinander halten?"

„Ich glaube nicht, dass das praktikabel wäre, Kathryn. Und es würde nicht meinen Wünschen entsprechen", erwiderte Seven nachdenklich. „Ich weiß, dass Sie mich nicht lieben, aber dennoch ich möchte Ihre Freundschaft nicht verlieren. Dafür sind Sie mir als Mensch zu wichtig."

„Sie werden meine Freundschaft nicht verlieren, Seven. Schon gar nicht deswegen, weil Ihre Gefühle für mich tiefer gehen, das kann ich Ihnen versprechen. Sie müssen nur verstehen, dass ich auch Ihr Captain bin, das heißt, ich kann nicht immer Ihre Freundin sein."

„Ich weiß, das sagten Sie mir schon vor einiger Zeit."

„Und noch etwas, Seven." Sie legte die Hände auf die Schultern und sah ihr eindringlich in die Augen.

„Sie werden in Zukunft besser auf sich aufpassen. Sie werden Ihre Regenerationszyklen einhalten und sich daran erinnern, in regelmäßigen Abständen Nahrung zu sich zu nehmen. Selbst wenn der Captain mit einer dringenden Sache nach anderen hinter Ihnen her, sie kann warten. Treiben Sie Ihre Liebe und Loyalität nicht zu weit. Sie müssen mir nichts beweisen. Verstanden?"

„Ja, Kathryn."

„Gut. Was halten Sie davon, wenn wir jetzt das Holodeck aufsuchen und Maestro da Vinci einen Besuch abstatten?"

„Ich habe in der Astrometrie zu tun", wandte Seven ein.

„Die läuft Ihnen nicht weg, Seven. Und wenn ich mich nicht irre, hat der Doktor Ihnen für die nächsten Tage nur leichten Dienst verordnet."

„Das ist korrekt."

„Dann kommen Sie." Janeway stand auf und ergriff Sevens Hände.

„Holodeck 2. Sie und ich. Jetzt."

„Ist das ein Befehl, Captain?"

„Nein, aber ich könnte einen daraus machen." Janeway lächelte sanft.

„Das dürfte nicht nötig sein."
Seven erhob sich geschmeidig und stand vor Janeway, ihre Hände immer noch in denen Janeways. Janeway beugte sich vor und küsste Seven leicht auf die Wange.

„Kathryn? Nennen Sie Ihre Intention."

„Ein Kuss kann nicht nur Leidenschaft und Liebe zwischen Liebenden ausdrücken, sondern auf diese Weise auch Freundschaft und Respekt voreinander", erklärte Janeway. „Außerdem sahen Sie so aus, als wäre es nötig."

Seven hob die Hand und berührte die Stelle, die Janeway geküsst hatte.

„Das letzte Mal, dass mich jemand geküsst hat, war vor meiner Assimilation. Mein Vater, der mich zu Bett brachte."

„Dann wurde es endlich wieder Zeit dafür." Janeways Stimme klang unendlich sanft und geduldig.

„Sie müssen noch eine Menge lernen, Seven. Und ich würde Sie gerne dabei anleiten und begleiten. Und jetzt lassen Sie uns endlich zum Holodeck gehen, bevor aus irgendeinem Grund roter Alarm gegeben wird und der Captain auf Brücke gebraucht wird."

Sevens Lippen formten ein unerwartet sanftes Lächeln.

„Dann lassen Sie uns gehen, Kathryn."

Die Türen schlossen sich mit leisem Zischen hinter ihnen.

ENDE


Für alle, die es interessiert, quasi ein Video zur Fic:

watch?v=EML2-5b3UxA

Da ffnet Links zwischendurch gern klaut, das Video ist unter meinem Youtube-Account zu finden, den ich in meinem Profil verlinkt habe. Das Video läuft unter dem Titel "Sexual - Janeway and Seven"