Schluchzend und mit hastigem Atem schreckte R aus dem Schlaf hoch.
Was zum...
Noch komplett verwirrt hatte er sich in seinem Bett aufgesetzt. Die Bettdecke lag zusammengeknüllt neben ihm auf dem Boden und das Kissen lag am Fußende des Bettes.
Vor lauter Euphorie darüber endlich wieder zu leben, wieder Dinge zu spüren hatte er eine Sache vergessen. Es gab auch negative Emotionen. Sein erster Herzschlag war mittlerweile 10 Tage her, die Schusswunde in seiner Schulter begann schon zu heilen. Aber bisher hatten ihn unschöne Gefühle ausser dem brennenden Schmerz seiner Wunden die er nun spüren konnte witestgehend verschont.
Der Alptraum der ihn heimgesucht hatte, war erschreckend intensiv und grauenhaft gewesen. Eiskalter Angstschweiss stand auf seiner Stirn und seine Wangen waren feucht von seinen Tränen. Julie war weg gewesen. Horden von Boneys waren über sie hergefallen, hatten sie vor seinen Augen zerfleischt und er hatte nichts tun können. Nur regungslos und stumm an der Seite liegen können, wie die Leiche die er vor kurzem noch war. Dann hatte man ihn in einem Sarg die Erde hinabgelassen und die Erde über ihm zugeschaufelt.
Ächzend liess R seinen Kopf nach vorne in seine Hände kippen. Seine Lunge brannte unangenehm, er hatte gar nicht realisiert das er seinen Atem angehalten hatte.
Der rasende Herzschlag in seiner linken Körperhälfte war auch recht unangenehm, da sich sein Brustkorb anfühlte als würde er gleich platzen.
Aber das war okay, es bedeutete das er am Leben war.
Schmerz bedeutet Leben. Schmerzen waren gut. Leben bedeutete Julie an seiner Seite.
Julie? R zog die Nase hoch und blickte mit zusammengekniffenen Augen zur Tür. Hatte die sich gerade bewegt? So genau konnte er es nicht sagen, es war viel zu dunkel.
"R?", kam es leise von der Zimmetür.
"Julie?" Himmel, seine Stimme klang wie ein Reibeisen und zitterte erbärmlich. Unsicher atmete er tief ein um sich etwas zu beruhigen.
"Ist alles in Ordnung? Ich habe dich rufen hören." Es klang besorgt. Im stockdunkeln Zimmer konnte er so gut wie gar nichts erkennen. Höchstens die schwarzen Schemen der Tür die sich farblich minimal in der Nuance von den Tapezierten Wänden abhob konnte er ausmachen.
Kurz konnte man den Klang nackter Füße auf dem Parkett hören, dann senkte sich die Matratze neben ihm ab als Julie sich neben ihn setzte. "R?" Julie streckte ihre Hand nach seiner Stirn aus, verfehlte ihn jedoch in der Dunkelheit und strich nur kurz über seine Wange. Erst so fand sie den Weg über seine feuchte Wange hinauf zu seiner nassgeschwitzten Stirn. Scharf zog sie die Luft ein. "Gute Güte R. Weinst du?" Ihr Flüstern klang aufrichtig erschrocken.
"Nicht... mehr.", schaffte er es zu sagen. "Es war nur ein Alptraum."
Eine kühle, zitternde Hand legte sich über ihre warme.
"Ich erinnere mich das es sowas gibt. Ich habe nur nicht daran gedacht das es so bald passiert." Jetzt als Julie neben ihm in der Dunkelheit saß fiel es ihm viel leichter sich zu beruhigen. Zwar war seine Stimme immer noch etwas brüchig, aber sein Herzschlag schien wieder im normalen Bereich zu pochen. Kurz hörte er gar nichts, dann zog Julie ihre Hand zurück. Kurzes rascheln von Kleidung.
"Wo ist deine Decke?"
"Ich glaube sie ist aus dem Bett gefallen."
"Dein Kissen ist ja auch weg?", murmelte sie, als sie nach der Bettdecke fingerte und zu sich hochzog. Doch das hatte R sich schon ertastet und in den Rücken gestopft. "Noch etwas länger und du wärst selbst aus dem Bett gefallen, Mensch." R konnte hören das sie grinste.
"Ja, vielleicht...", schmunzelte er.
Julie schwang ihre Beine über die Bettkante ins Bett hinein und warf die Bettdecke über sich. Mit den nackten Füßen trat sie das Ende schnell von sich weg und warf so die Decke über R und sich selbst. Sanft aber bestimmt zog sie seinen Kopf an ihre Brust und fuhr mit den Fingern durch seine schwarzen Haarsträhnen. Sie musste gar nichts sagen, er verstand auch so, vollkommen ohne Worte.
Zufrieden bettete er seine Wange auf ihrer Brust, genoss den kratzigen Stoff ihres Schlafhemds auf der Haut und lies sich bereitwillig in ihre warme Umarmung schmiegen.
"In Zukunft musst du leiser um Hilfe schrein, sonst schmeisst dich mein Vater aus dem Haus und du kannst alleine zusehen wo du lebst bis dein Körper sich erholt hat." Leise lachte sie in sein Ohr und kraulte weiter seine Kopfhaut mit den Fingerspitzen. Einzelne Haare verfingen sich immer wieder unter ihren kurzgeschnittenen Fingernägel und befreiten sich gleich darauf wieder. Beruhigend sanft.
Eine ganze Weile lang lagen sie so da, sagten nichts zu dem anderen und waren einfach nur beieinander.
"Hey, R. Du weißt, das dir nichts passiert, ja?", flüsterte Julie zärtlich in sein Ohr. "Du bist hier sicher." Er nickte nur sachte, seine Mundwinkel bei den liebevoll gehauchten Worten nach oben gezogen, die Augen wieder ruhig geschlossen.
Ja, sie beschützen sich gegenseitig, nicht wahr? Selbst bei banalen Dingen wie einem Alptraum.
So schlief er irgendwann wieder ein, lauschte dabei dem beruhigenden Geräusch ihres Herzschlags.

John würde ihn morgen umbringen wenn er sah das seine Tochter bei ihm im Bett lag.