Das Stockholm-Syndrom

Nur noch wenige Gäste waren bei der Feier, die der Nobelpreisverleihung folgte. Die Band, die den ganzen Abend das Publikum mit klassischen und auch weniger klassischen Stücken unterhielt, packte bereits die Instrumente ein. Ein einzelner Pianistin spielte nunmehr ihre Stücke auf dem edlen, schwarz glänzenden Flügel und das eine oder andere Paar tanzte zu ihrer Musik.

Dr. Rodney McKay saß an der Bar und betrachtete sein leeres Champagnerglas. Intensiv dachte er darüber nach, ob er es vielleicht ein weiteres Mal füllen lassen sollte. Aber er hielt dieses Getränk für völlig überbewertet. Ja, es sprudelte und prickelte. Ansonsten war es einfach nur teuer, sehr teuer. Er schnipste mit seinen Fingern und als er endlich die Aufmerksamkeit des Barkeepers erlangte, deutete er auf sein Glas: „Noch einmal das Gleiche."

Er starrte dem Barkeeper hinterher und entdeckte im Spiegel einen müden, bärtigen Mann mit Glatze. „Ich werde auch nicht jünger," sagte er zu sich selbst und schüttelte den Kopf. Eine Bewegung, die der Mann im Spiegel exakt nachahmte. Vor ein paar Jahren hatte er sich entschlossen, den Mangel an Haaren auf dem Kopf mit Haaren im Gesicht zu kompensieren, sehr zu Jennifers Leidwesen, die Monate brauchte, um sich daran zu gewöhnen.

Apropos Dr. Jennifer Keller. Eben diese kam jetzt auf ihn zu: „Eine schöne Feier, nicht wahr, Schatz?"

„Wenn Du meinst. Können wir endlich gehen?"

„Ich weiß nicht, was Du hast. Die Musik ist wunderschön, das Büfett wirklich erlesen, viele alte Freunde sind hier und rate mal, ich wurde eben der königlichen Familie vorgestellt!"

„Ich habe genug von königlichen Familien. Als ich letztes Jahr Königin Elizabeth die Zweite traf, trennte sie fast mein Ohr ab," grummelte McKay.

„Sie hat es nur ein wenig angekratzt." Keller strich ihm sanft über die Wange. „Ich fand es sehr erstaunlich, dass sie in ihrem hohen Alter überhaupt noch ein Schwert halten konnte, nicht wahr, Sir Rodney?"

Er grummelte ein weiteres Mal, nahm das Glas Champagner entgegen und trank es in einem Zug aus: „Können wir jetzt gehen?"

„Was stört dich hier eigentlich?"

„Das weißt Du ganz genau!" McKay begann, wieder sein Glas anzustarren. Vielleicht sollte er es noch ein letztes Mal füllen lassen. Ein allerletztes Mal. Keller setzte sich neben ihn und umfasste seine Hüfte: „Ich fand es jedenfalls sehr nett von Radek, uns zu seiner Nobelpreisehrung einzuladen."