SANDOR

Langsam kam er zu sich. Er spürte leichte Berührungen an seinem Oberschenkel und ein Ziehen als der Verband von der dortigen Wunde entfernt wurde. Sein ganzer Körper fühlte sich zerschlagen an. Hier pochte es, dort zog es, aber am Bein war es am unangenehmsten. Sandor hatte die Augen geschlossen, versuchte sich zu erinnern wo er war, was passiert war.
Es brauchte eine Weile, bis die Erinnerungen zurückkehrten. Da war eine schwarzhaarige Frau gewesen. Sie hatte sich geweigert ihn zu töten, hatte ihm so nicht helfen wollen. Dann waren da die Schmerzen gewesen, als sie ihn hier her gebracht hatte. Aber wo genau war hier? Nebenbei registrierte er, wie der Verband erneuert wurde, aber er ließ es geschehen.
Dann erinnerte er sich an die wirren unzusammenhängenden Fieberträume, die er am liebsten gleich wieder vergessen würde. Besonders Gregor und Sansa waren darin herumgespukt und er biss sich schmerzhaft auf die Zunge, bis er Blut schmeckte.
Selbst hier verfolgte ihn noch sein elender Bruder. Alter und neuer Hass wallte in ihm hoch, der noch verstärkt wurde, als er Kopfschmerzen bekam.
Die Frau kümmerte sich zweifelsohne um seine Wunden und als sie sich an dem Verband an seinem Kopf zu schaffen machte, schlug er die Augen auf, knurrte unwillig und hatte mit den Reflexen eines Kämpfers nach ihrem Arm gegriffen und zerrte sie von seinem Kopf weg. Sie gab einen kurzen Schrei von sich und starrte ihn erschrocken an. Seine Muskeln protestierten auf Grund der heftigen Bewegung, aber sie gehorchten, was ihm ein gewisses Maß an Zufriedenheit gab. Der Dunkelhaarige war wütend. Auf sich selbst, auf Gregor oder die ganze verfluchte Welt, es spielte keine Rolle... die Frau war da und musste herhalten.
Sandor drückte heftiger zu und die Frau zuckte unter dem Schmerz zusammen.
"Bring mir Wein.", zischte er und blickte sie finster an.
Sie starrte zurück, ihr Mund war leicht geöffnet und er fragte sich einen Moment wie alt sie eigentlich war. Ihre Haare waren tiefschwarz und ihre Haut war hell, sie wirkte jung, war aber sicher älter als er vermutete, ihre Augen wirkten als habe sie schon vieles gesehen.
Die Fremde reagierte nicht und er drückte heftiger ihren Arm.
"Hast du mich verstanden, ich sagte bring mir Wein!", brummte er sie düster an, als das Hämmern in seinem Kopf stärker wurde und Bilder von Gregor durch seine Gedanken huschten. Er wollte es nicht länger ertragen, wäre er doch nur allein verreckt da an dem Baum, jetzt blieb ihm nur noch sich die Gedanken weg zu saufen.
Dass er Sansa bei Tyrion gelassen hatte, dass er sie nicht beschützt hatte als Joffrey sie gequält hatte, dass er wie ein feiger Hund, der er war, den Schwanz eingekniffen hatte und geflohen war.
Er glaubte er sah nicht recht, als sie den Kopf schüttelte. "Ich bringe euch Tee.", sagte sie mit leicht unsicherer Stimme. Sandor war gut darin Leute zu verunsichern. Sie hatte eine angenehme Stimme was aber nichts an dem Wein änderte, den er wollte.
Knurrend zerrte er sie dicht an sich heran. Graue Augen starrten unnachgiebig in hellbraune, erschrockene Augen. Sie roch nach getrockneten Kräutern, Rauch und Stroh. Er spürte einzelne Haarsträhnen auf seinem Gesicht.
"Wein!", forderte er abermals. Er konnte die Wandlung ihres Gesichtsausdruckes ziemlich nah miterleben. Ihr Blick wurde stur und ihre Augenbrauen zogen sich entschlossen zusammen. "Ihr habt die neun Tage die Ihr schon hier liegt genug Traumwein bekommen!", sagte sie bestimmt.
"Wenn ich könnte würde ich dir zeigen wo dein Platz ist!", zischte er und schleuderte sie von sich. Den Schmerz der ihn dabei durchzog begrüßte er. Sie landete hart auf dem Boden und stieß sich den Kopf an der Tischkante. Die Schwarzhaarige rieb sich den Hinterkopf und blinzelte die Tränen aus den braunen Augen, sein Blick lag noch immer hart und unnachgiebig auf ihr. Ihm tat es einen kurzen Moment leid, dass er so gehandelt hatte. Aber der Funke war genauso schnell wieder verschwunden, wie er aufgeblitzt war. Er hatte sie nie gebeten, ihn bei sich aufzunehmen. Als sie sich wieder erhob und ihn nun wütend ansah musste er rau lachen. Sein Hals war trocken weswegen er anfing zu Husten, aber noch immer lachte er.
"Jetzt schau nicht so als ob du nicht wüsstest, WER ich bin!", meinte er mit heißerer Stimme und hielt sich kurz den Kopf der schmerzhaft pochte.
"Ihr sei der Bluthund, der Schoßhund des erstickten Königs.", erwiderte sie. "Ich weiß, was für einen miesen Verbrecher ich in mein Haus geladen habe!", zischte sie giftig wie eine Schlange und er musste breit Grinsen. "Du hättest es einfach haben können, Weib."
Ihre braunen Augen funkelten angriffslustig auf, aber sie schluckte die Worte die ihr offenbar auf der Zunge lagen herunter.
"Ihr bekommt fiebersenkenden Tee. Mehr nicht.", kam sie auf das vorherige Thema zurück und klopfte sich den Dreck von dem einfachen Wollkleid, dass sie trug. Sie näherte sich ihm wieder, um dort weiter zu machen wo er sie unterbrochen hatte. Abwehrend hielt er eine Hand hoch, sodass sie stehen blieb. Sie verstand. "Seid kein Narr!", meinte sie nun aufgebracht. "Lasst mich eure Wunden versorgen!"
Der Bluthund starrte sie nun wieder ernst an. Seufzend ließ sie von ihm ab. "Sagt mir bescheid, wenn Ihr Eure kindische Trotzerei überwunden habt, nur weil ihr kein Wein bekommt."
Du hast keine Ahnung...
Er wurde nicht gern angefasst, besonders nicht am Kopf oder gar im Gesicht. Es hatte nicht direkt etwas mit dem verwehrten Wein zu tun.
Sein Hals schmerzte und nun war auch Gregor wieder da, der ihn in seinen Gedanken verspottete.
Sandors Blick lag noch immer auf der jungen Frau die nun einen Kessel Wasser aufsetzte und einige Pflanzen klein schnitt. Sie hatte die Ärmel des Kleides hoch gekrempelt und so erkannte er deutlich den Abdruck den er an ihrem Arm hinterlassen hatte. Sie war noch immer wütend, so wie sie auf die Kräuter einhackte. Der einfache Tisch wackelte unter der Bearbeitung. Überall an den Dachbalken hingen Büschel an getrockneten Kräutern, deren Geruch sie angenommen hatte. Die Einrichtung war denkbar einfach. Nur das nötigste. Zwei Stühle, der Tisch, ein Holzzuber und eine hölzerne Waschschüssel, mehrere Schränke und Regale für ihre Sachen und ein Strohsack, auf dem sie wohl schlief... während er das Bett besetzte.
Alles wirkte abgenutzt und die Gegenstände die sie verwendete waren sichtbar nicht neu.
Sandor lag schon neun Tage hier, ihm kam es nicht so vor, schemenhaft konnte er sich daran erinnern, dass sie ihn mehrfach festgehalten hatte, wenn er aus einem Fiebertraum aufgeschreckt war. Allerdings war er schnell wieder weg gewesen und sonst konnte er sich selbst an das was nach Aryas Verschwinden passiert war nur grob erinnern.
Er hatte es verdient, was die kleine Stark gemacht hatte. Auch, wenn er der Ansicht direkt danach nicht gewesen war.
Ihn juckte es überall, vermutlich stank er wie ein ganzer Sumpf voller verrotteter Leichen, noch ein Grund mehr sich bis zur Besinnungslosigkeit zu besaufen, von den dumpfen, pochenden Schmerzen mal ganz abgesehen. Grimmig beobachtete er die Schwarzhaarige einige weitere Augenblicke. Ihre Haare hingen glatt über ihre Schultern und fielen über ihren Rücken bis zu ihrem Hintern. Sie sah jung aus, hatte aber eindeutig die Figur einer Frau. Sie blickte zu ihm und er sah zurück, bis sie sich kopfschüttelnd wieder ihrer Arbeit widmete. Brummelnd sah er zur Decke und schloss die Augen. Er war am Leben. Seine Rache demnach auch, die er noch immer nehmen konnte. Sandor konnte nicht genau sagen, warum er auf die Schwarzhaarige gehört hatte. Gregor. Er ballte die Hände zu Fäusten. Wein, schrie es in seinem Kopf untermalt von den Kopfschmerzen. Allein schaffte er es kaum sich von den Gedanken zu befreien.
Und jetzt konnte er wohl kaum etwas anderes tun als nachzudenken. Als er probehalber sein Bein bewegen wollte, bemerkte er schnell, dass das keine gute Idee war. Der Schmerz war durchdringend und schoss sein Rückrat hinauf und schien in seinem Kopf zu explodieren, was ihm ein unterdrücktes Stöhnen abrang. Zumindest konnte er die Arme bewegen und das Fieber schien weitestgehend verschwunden zu sein. Denn abgesehen von den Schmerzen seines restlichen Körpers spürte er das Fieber nur leicht im Hintergrund.
Seine Gedanken würden also bleiben müssen.
"Ich muss pissen.", entkam es ihm grunzend und nun richtete er sich doch auf, biss die Zähne zusammen und schaffte es sogar in eine sitzende Position, allerdings zu schnell, denn ihm war schwindlig. Es käme nicht in Frage, dass er sich wie ein alter Mann dahingehend helfen lassen würde...zum Glück waren die Erinnerungen der letzten Tage dunkel. Die Decken und Felle unter denen er lag rutschten auf den Boden und sein Blick wanderte sofort zu dem verbundenen Oberschenkel. Der Verband war sauber und er sah, dass sie wusste was sie tat. Hatten die Sieben jetzt einen bösartigen Sinn für Humor entwickelt? Er hatte sterben wollen und sie ließen eine unschuldige Frau über ihn stolpern die glatt einen Maester im Verbinden den Rang streitig machte, er musste lachen und erntete einen verwirrten Blick von der fremden Frau, die sofort herbeigeeilt war, als er Anstalten gemacht hatte aufzustehen.
"Legt euch wieder hin! Die Wunde könnte trotz allem wieder aufgehen.", meinte sie zum Ende hin schwach, als sie den störrischen Ausdruck in seinen Augen bemerkte.
"Du schuldest mir neue Kleidung.", brummte er, bis auf die Reste der zerschnittenen Hose hatte er nichts am Leib. Mit knirschenden Zähnen ging sie davon um ihn einen Stock zu holen, den er als Stütze verwenden konnte.
"Ich habe euch das Leben gerettet. Ihr schuldet mir etwas.", stellte sie trotz allem klar und sah dabei zu wie er versuchte sich allein aus dem Bett zu kämpfen, was nach mehrtägiger Bettlägrigkeit nicht so einfach war. Er fühlte sich schwach und ausgelaugt.
Allerdings ging es gegen seinen Stolz Hilfe anzunehmen, dass er sich diesen Stock schon nahm...
Knurrend stemmte er sich in die Höhe und versuchte sein doch beachtliches Gewicht sogleich auf den Stock und das gesunde Bein zu verlagern. Schwitzend stand er und blickte zu der Frau hinab, die mit zusammengepressten Lippen zu ihm hochsah. Ihr passte offensichtlich nicht, dass ihr heilendes Werk an seinem Bein drohte Schaden zu nehmen. Dass es dabei um ihn gehen könnte, kam ihm nicht einen Moment in den Sinn.
"Ihr seid so störrisch wie Euer schwarzer Gaul."
Glückwunsch, du hast den Grund gefunden, wieso ich Fremder mag.
Fragend hob er eine Augenbraue, als sie ihn noch immer anstarrte.
Sie seufzte geschlagen und deutete auf eine Tür, auf die er nun zuhumpelte. "Draußen ist es kalt.", hört er sie noch sagen, bevor er die Tür ungelenk öffnete und kalter Wind ihn empfing. Sein Atem bildete weiße Wölkchen.
Es würde sich nicht leicht gestalten Einhändig irgendwo dagegen zu pissen, aber es war besser als sich von einem Weib dabei helfen zu lassen.
Die Blätter hingen bunt an den Bäumen, in der Nähe rauschte Wasser und das Gras war leicht gefroren, taute aber unter seinen bloßen Füßen.
Kaum hatte er die Hütte verlassen die nur aus einem Raum bestand vernahm er ein Klopfen.
Die Schwarzhaarige ging zu der anderen Tür. Sandor lauschte der Stimme einer fröhlichen Frau, die sich überschwänglich... bei Shaari, wie er erfuhr, für ihre Hilfe bei der Niederkunft ihrer Schwester bedankte und zwei Säcke Mehl brachte.
"Liebes, was ist mit deinem Arm passiert?"
"Nichts, Gertrud, nur ein Fiebertraum von dem Mann den ich pflege. Er hat mich unglücklich gepackt.", beschwichtigte Shaari benannte Gertrud und schob sie wohl soeben zur anderen Tür nach draußen, damit die Frau keinen Blick in die Hütte werfen konnte.
Sandor konnte sich das neugierige Klatschweib bildlich vorstellen. Nachdem er sich erleichtert hatte, begrüßte er die Wärme des Kamins und ließ sich schwerfällig auf das Bett nieder, zischend stieß er die Luft aus. Ihm tat alles weh. Er sah beinahe Gregor vor sich, der ihn auslachte ihn als Weichei betitelte um dann mit dem Schwert auszuholen und ihn mit der flachen Seite zu verprügeln...
Schmerzen war er gewohnt, Verhöhnungen ebenso, merkwürdige Blicke und Hass, aber ertragen konnte er die ganze Scheiße kaum noch.
Etwas später betrat Shaari wieder die Hütte, warf ihm einen bösen Blick zu, der ihn nur noch mehr belustigte.
Sie stellte die beiden Mehlsäcke in eine Ecke und jetzt fiel ihm auch auf, das dort die Reste seiner Rüstung lagen, gesäubert und ordentlich.
Sandor sah zu ihr, sie ging weiter ihrer Arbeit nach und ließ ihn unbeachtet schmoren, später stellte sie ein Holzbrettchen mit Brot, Käse und einem Becher auf das Bett. Sofort griff er nach dem Becher, allerdings war es nur der Tee... er trank dennoch. "Du solltest mir besser Wein geben, wenn du weißt was gut für dich ist."

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Ich hoffe ihr hattet Spaß beim Lesen... mehr oder weniger. ;)

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