SANDOR

Er hatte beinahe gedacht sie käme nicht mehr zurück, zumindest nicht am selben Tag. Aber zu seiner Überraschung tat sie es und brachte ihm sogar Kleidung mit. Es war keine Neue, aber dennoch besser als gar nichts.
Den restlichen Tag über hatte er sich immer und immer wieder ihre Worte durch den Kopf gehen lassen und vergeblich nach Wein gesucht.
Sie hatte nichts hier, damit er seine Gedanken wegspülen konnte, also stillte er seinen Durst mit einem Krug vom dem widerlichen Tee, den sie gekocht hatte, denn selbst frisches Wasser war nicht da und er hatte beim besten Willen keine Lust gehabt noch einmal halb nackt, draußen im späten Herbst, herumzuhumpeln um Wasser zu holen.
Gregor war sein Hauptgedanke. Gregor hier und Gregor da.
Ihr Vergleich mit ihm hatte ihn schon zu einem Teil erstaunt und zu einem anderen Teil war es verständlich das anzunehmen... hatte er sich denn besser verhalten als Gregor es tun würde?

Sandor war froh, dass sie wieder gekommen war, sie half ihm allein dadurch, dass sie da war sich von seinem Bruder abzulenken. Auch wenn ihr es offensichtlich unangenehm war, wenn er sie ansah. Widerstrebend ließ er sich sogar von ihr helfen sich die Haare zu waschen.
Er musste sich stark zusammen reißen, damit er nicht zurückzuckte, immer dann wenn sie sein Gesicht oder sogar seine Narben berührte.
Es war ungewohnt Hilfe anzunehmen, aber er fühlte sich nachdem er wieder sauber war wesentlich besser. Schade fand er nur, dass sie sich nicht gewaschen hatte... dieses wollene Kleid war nicht wirklich eine Augenweide und verdeckte viel zu viel, wie er fand. Der Aspekt der Kälte draußen war dabei im Moment recht unwichtig, da es in der Hütte warm war. Sie hatte es einfach verweigert, was auch ihr gutes Recht war, aber einen Versuch war es wert gewesen, sie war schön. Das Kleid zeigte gerade den Ansatz ihrer vollen Brüste und ihr Hintern zeichnete sich einladend unter dem Rock ab. Sicher war er fest, wenn er nur zupacken könnte um es zu testen. Sie reichte ihm mit dem Kopf gerade bis zur Brust, aber das gefiel ihm. Er hatte lieber kleinere Frauen mit ausgeprägten Rundungen. Die Haut war hell und makellos. Ihre Haare waren schlicht schwarz und glänzten gesund im Licht, ihre braunen Augen die angriffslustig funkelten, wenn ihr etwas nicht passte machte es ziemlich reizvoll sie zu ärgern...
In Kings Landing war er von wohlhabenden Frauen oder Mägden umgeben gewesen, die ihn allerdings gemieden hatten. Den Blick gesenkt waren sie an ihm vorbei gehuscht. Nur Sansa hatte sich nicht gescheut ihm offen ins Gesicht zu blicken, aber sie war immer angespannt gewesen, besonders wenn er allein bei ihr war. Er musste an den Abend denken, als er ihr angeboten hatte, sie mitzunehmen. An das Lied, das er von ihr erzwungen hatte und an den Kuss. Es wäre besser gewesen, sie wäre mitgekommen, wenn er daran dachte, dass sie an Tyrion verheiratet worden war...
Shaari hingegen sah ihm offen ins Gesicht und verhielt sich ruhig und entspannt, wenn er sich ruhig verhielt. Aber er löste auch Angst in ihr aus, wenn er sie bedrängte, wie er es gewollt hatte. Ansonsten sah sie ihn ohne Scheu an, hatte kein Angst ihn zu berühren oder Dinge von ihm zu fordern.
Allein das mit dem Waschen...
Als sie gesagte hatte sie würde auch hinaus gehen, musste er an eine ähnliche Situation denken. Eine Hure hatte das Weite gesucht, als sie ihn erblickt hatte. Sein Ruf leistete hervorragende Arbeit. Und Shaari hatte zwar den Vorschlag gebracht die Hütte zu verlassen, allerdings tat sie nichts dergleichen und kümmerte sich eher um das Essen.
Es verwirrte ihn, dass sie ihn einfach ignorierte.
Er war sich sicher, dass jeder der ihm begegnete ihn wahr nahm, ihn vielleicht nicht ansah, sich aber bewusst war, dass er da war und versuchte ihm auszuweichen. In seiner Gegenwart gab es selten Leute die sich nicht von ihm beeinflussen ließen, in irgend einer Art und Weise. Shaari tat einfach das was sie wollte, ohne sonderlich anders zu wirken.

Schweigend aß er den Eintopf den sie gemacht hatte, es war ein einfaches Essen, aber es war warm und schmeckte. Lange hatte er nicht mehr etwas so Gutes gehabt, da war sogar der Tee erträglich.

Am nächsten Morgen wurde er wieder wach, als sich Shaari an dem Verband an seinem Oberschenkel zu schaffen machte. Ruhig blieb er liegen und sah ihr dabei zu.
"Guten Morgen.", meinte sie und lächelte ihm entgegen als sie bemerkte, dass er wach war.
"Die Wunde sieht sehr gut aus.", fuhr sie fort. Sandor sah sie wieder einfach nur an. Das Lächeln, noch nie hatte ihn jemand Fremdes einfach so angelächelt.
Da bekam er beinahe ein schlechtes Gewissen, wegen dem gestrigen Tag. Ihm wurde jetzt erst richtig bewusst, dass sie das gestern nicht verdient hatte. Dass sie ihm noch immer half war der beste Beweis.
Er hob leicht das Bein an, damit sie den Verband besser anbringen konnte. Sie untersuchte auch noch die anderen Wunden und er schloss kurz die Augen als sie seinen Kopf untersuchte. Ihre Finger waren geschickt und ihre Berührungen federleicht.
Leichte Gänsehaut überfuhr seinen Körper und die Härchen stellten sich auf. Als sie fertig war griff er schnell nach dem Hemd, was noch immer am Fußende des Bettes lag und striff es sich über den Kopf, damit sie es nicht bemerkte. Zudem war es recht kühl in der Hütte, das Feuer im Kamin brannte nur niedrig. Das Holz war aufgebraucht.
"Da wird eine Narbe bleiben, sobald alles verheilt ist solltest du trainieren, sodass die alte Beweglichkeit wieder kommt.", redete sie weiter und legte die Verbände auf den Tisch um sie später vermutlich auszukochen.
"Eine Narbe mehr oder weniger macht wohl kaum einen Unterschied.", kam es rau über seine Lippen und er bekam einen überraschten Blick von ihr. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass er antworten würde.
"Du führst eine Waffe. Du wusstest, dass es Narben geben wird.", erwiderte sie und zuckte leicht mit den Schultern. Sie hatte gesehen welche Narben er hatte, und damit waren nicht nur die im Gesicht gemeint, die er nicht einmal durch ein Schwert erhalten hatte.
"Wo hast du Fremder hin gebracht?", wechselte er das Thema und nahm sich die Hose, in die er sich hineinquälte. Sie saß eng an seinem verbundenen Oberschenkel, aber sie passte. Nur in der Länge war sie etwas zu kurz. Auch das Wams passte, auch wenn es am Rücken etwas spannte.
"Fremder?", wiederholte sie fragend, dann trat aber Erkenntnis in ihr Gesicht. "Du meinst deinen schwarzen Hengst."
Er fühlte sich nackt ohne seine Rüstung, erhob sich aber dennoch mit dem Stock und humpelte zu seinen Sachen, wo unter anderem auch seine Stiefel standen.
"Warte.", erklang Shaaris Stimme dicht neben ihm und sie fasste unter seine Schulter um ihn zu stützen. Es ging zu schnell, sodass er ihre Hilfe widerstandslos annahm und in die Stiefel stieg. Einen Stiefel hätte er auch allein anbekommen, aber den anderen...
Sandor warf ihr einen kritischen Blick zu und löste sich mit einem Ruck von ihr, als er die Stiefel anhatte.
Ihr Duft klebte an ihm, sie roch nach Kräutern und nach ihrem eigenen Duft, es war angenehm. Er atmete tief ein. Wieso war eine solche Frau allein?
Ohne ein Wort ging sie voran, nach draußen und zu einem anderen Gebäude, ein kleiner Stall aus dem das Gackern einiger Hühner drang. Das Wetter war kalt, der Wind pfiff scharf durch die Kronen der Bäume. Die Sonne schien und der Himmel zeigte ein strahlendes Blau.
Sie öffnete die Tür und er trat in das dumpfe Licht. Als sich seine Augen an das Licht gewöhnt hatte erblickte er die gehörten Hühner ein paar Schafe die ihm auswichen und ein anderes, sichtbar altes Pferd das auf etwas Stroh herumkaute.
Dann sah er Fremder, der den mächtigen Kopf zu Sandor wandte, seine Nüstern bebten, als er den Geruch seines Herrn wahr nahm.
Er tätschelte kurz die Schnauze des Pferdes und er spürte wie Shaari ihn dabei beobachtete. Der Dunkelhaarige blickte zu ihr und sah das Erstaunen.
Er hatte eine gute Wahl getroffen, das Tier ließ sich nur von ihm berühren, zumindest ohne zu beißen und zu treten.
"Hat er genug Auslauf?"
Shaari nickte leicht. "Ich bringe ihn jeden zweiten Tag zusammen mit Rolf zu einem Bauern, der eine Koppel hat. Aber er ist nicht einfach zu händeln."
Sandor nickte und musterte das Pferd. Er war nicht immer vorbildlich was den Umgang mit dem Tier betraf, aber Fremder sah sehr gut aus. Noch etwas wofür er dankbar sein sollte.
Der Hengst war so ziemlich der einzige treue Gefährte.
Der Sattel und die Satteltaschen hingen neben einem anderen Sattel an der Wand.
Shaari trat auf den Hengst zu der schnaubte. Sie drückte Sandor das Zaumzeug in die Hand.
Und ging dann zu dem anderen Pferd.
"Ich bringe die Pferde zu dem Bauern. Wenn du Hunger hast kannst du etwas von dem Eintopf essen.", meinte sie und sah ihm dann dabei zu wie er Fremder das Zaumzeug anlegte, das Pferd ließ es widerstandslos über sich ergehen und ließ sich von Sandor brav nach draußen führen. Shaari folgte mit Rolf und nahm dann die Zügel entgegen die Sandor ihr hinhielt, vorsichtig, da der Hengst unruhig mit den Hufen scharrte. Soweit die Zügel es zuließen ließ sie Fremder hinter sich hergehen.
Sandor folgte ihr mit Blicken und blieb draußen stehen, der Wind war kalt, aber wenn er ruhte schien die Sonne recht warm hinab. Die frische Luft tat seinen Kopfschmerzen gut.
Humpelnd ging er wieder in den Stall um das an einer Wand gestapelte Holz in einen bereit stehenden Korb zu verfrachten. Es war eine ziemliche Herausforderung alles wieder in die Hütte zu schaffen, ohne nicht alles fallen zu lassen. Sein Bein protestierte und die Haut um die Wunde spannte unangenehm und er war froh, als das Feuer wieder höher im Kamin prasselte.

Die nächsten Tage verliefen ähnlich. Die meiste Zeit war er allein. Sie besuchte einige Menschen die ihre Hilfe benötigten, kümmerte sich um die Tiere, half einigen Bauern bei der letzten Ernte, damit sie etwas ab bekam. Wenn sie da war kochte sie irgendwelche Kräuter und schnitt sie um sie zu trocknen. Shaari war freundlich und er verhielt sich still, was nicht einfach war, da seine Laune Tag um Tag tiefer sank. Er verbrachte die Zeit in der sie da war damit sie zu beobachten und er ertappte sich öfters dabei wie er sie gedanklich auszog. Kings Landing war zwecks Huren viel besser bestückt als so ein mickriges Dorf. Allerdings vermied sie es, nicht gerade zu seiner Freude sich in seiner Nähe ausgiebig zu waschen, und wenn war er draußen bei Fremder... zumindest hatte er sie später mit nassen Haaren gesehen...
Sandor hatte wahnsinnig viel Zeit zum Nachdenken und das zermürbte ihn mehr und mehr, zum Nichtstun und zum Nichtssaufen verdammt zu sein war anstrengend. Nachts wachte er oft schweißgebadet auf. Die Alpträume kehrten in unregelmäßigen Abständen zurück und er sehnte sich noch mehr nach Wein.

Er begrüßte den Tag an dem Shaari verkündete, dass sie die Fäden entfernen könne. Die Wunde war fast vollständig verheilt, aber nichts desto trotz würde es noch Wochen dauern bis er alles wieder belasten konnte ohne Gefahr zu laufen, dass etwas passierte.
Er sah ihr dabei zu, wie sie sich mit einem dünnen Messer und geschickten Fingern an den Fäden zu schaffen machte, es war ein komisches Gefühl, wenn die Fäden aus der Haut gezogen wurden, aber die Wunde sah erstaunlich gut aus. Sie verstand was sie tat. Sie war gut darin Menschen zu helfen, sah gut aus und scheute nicht vor Arbeit. Sie war alt genug um eine Horde Kinder um sich zu haben und einen Mann.
"Wieso bist du nicht verheiratet?", fragte er sie, nachdem sie die Wunde vorsichtig abgewaschen hatte und einen neuen Verband darum gelegt hatte.

SHAARI

Sie zuckte bei den Worten zusammen. Es war ungewohnt seine tiefe Stimme zu hören. Er übte sich im Schweigen, worin er ziemlich gut war. Shaari sah ihn an und musterte sein grimmiges Gesicht. Es war immer grimmig. Sie hatte ihn bisher nur bösartig lächelnd und grinsend gesehen. Aber sie musste zugeben sich an ihn gewöhnt zu haben, auch seine Blicke waren erträglicher geworden, er starrte sie beinahe immer an. Aber er hatte auch nicht viel was er sonst tun konnte...
"Ich beantworte die Frage, wenn du mir ebenfalls eine Frage beantwortest.", ergriff sie die Chance beim Schopf um mehr über ihn zu erfahren.
Sie musste sich selbst eingestehen, dass sie neugierig war. Der erste Tag an dem er zu sich gekommen war, hatte ihr genau das gezeigt, was sie erwartet hatte. Er hatte ihr wohl genau das gegeben. Aber die anderen Tage über war er sehr still gewesen und hatte nachdenklich gewirkt und das passte nicht im Geringsten zu dem Bild, das man hatte, wenn man an den Bluthund dachte.
Waren allein ihre Worte der Auslöser dafür? Und das sicher auch nur, wenn mehr hinter dem brutalen Mann steckte als er vermuten lassen wollte.
Er war nicht mehr einmal handgreiflich geworden und abgesehen von dem nachdrücklichen Fragen nach Wein hatte er nichts gesagt.
Es war still und sie rechnete schon nicht mehr mit einer Antwort als nur ein brummelndes Ja zu vernehmen war. Shaari starrte ihn kurz an und nickte.
"Ich war verheiratet." gab sie zu. "Eldred ist bei einem Überfall getötet worden, als er Schnitzereien und Weidenkörbe in Darry verkaufen wollte. Und seit dem schlage ich mich allein durch.", dass einige Interessenten noch immer nicht aufgeben hatten musste er nicht wissen. Eigentlich wäre es für ihren Status förderlich zu heiraten, so würde sie nicht mehr so skeptisch betrachtet werden und auch nicht allein als alte, schrumplige Hexe enden, wenn sie Kinder hätte, aber sie wollte selbst entscheiden, wen sie heiratete und die die sich für sie interessierten waren nicht das was sie gern hätte... Liebe wäre schon eine schöne Grundlage für eine Heirat.
"Warum verlangt ihr so vehement nach Wein?", fragte sie ihn, nachdem er nickend ihre Erklärung akzeptiert hatte.
Sie sah ihn abwartend an. Die Frage gefiel ihm offenbar nicht, aber dennoch bekam sie nach einiger Zeit eine Antwort. Die sie überraschte, zur gleichen Zeit aber auch nicht verwunderte. Er knurrte ihr die Antwort entgegen.
"Gregor..."

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