Der Drachenkrieg Folge 19 – Für immer und ewig

Ist es nur ein Traum oder ist es Wirklichkeit? Van und ich wollten es eigentlich geheim halten, dass ich zur Erde zurückkehre, weil es uns so schon schwer genug fiel. Trotzdem haben die anderen es erfahren. Merle suchte mich daraufhin auf und sprach in bemerkenswert erwachsenem Ton mit mir. Als sie sah, dass sie mich nicht umstimmen konnte, verabschiedete sie sich, weil sie mit Llorin zu ihrem Volk ziehen wollte. Der Ball am Abend war wunderschön. Er gab mir Gelegenheit, meine Freunde ein letztes Mal zu sehen, bevor Van mich entführte. Ich bat ihn nochmals um Verzeihung, bevor ich ihn zum Abschied küsste und Gaia ein weiteres Mal hinter mir ließ...

„Pressen, Yukari! Du musst pressen!"

Amano wirkte so angespannt, als würde ER diese Tortur hier durchstehen, dachte Hitomi einen Augenblick lang belustigt. Dabei stand er im Grunde nur da und hielt die Hand seiner Frau... was allerdings angesichts der Kraft, mit der diese zudrückte, wenn eine neuerliche Wehe über sie hereinbrach, durchaus beachtlich war. Hitomi konnte sich vorstellen, dass Amano die nächsten Tage lang vermutlich nicht mal ein Glas würde halten können, aber das schien ihm, von gelegentlichen schmerzlichen Lippenzuckungen abgesehen, egal zu sein. War Liebe nicht etwas Wunderbares?, dachte sie zynisch.

„Was glaubst du eigentlich, was ich hier... AAAAAAHHH!"

Sogar jetzt noch zuckte Hitomi zusammen, als sie ihre Freundin schreien hörte. In den letzten Minuten war Yukari immer wilder geworden, krallte sich mit ihrer freien Hand (die andere zerquetschte gerade die von Amano) am Bett fest und stieß gelegentlich unschöne Worte aus (die der Autor aus Rücksicht auf das jugendliche Publikum hier nicht wiedergibt). Hitomi blieb nichts anderes übrig, als ihrer Freundin leise beruhigend zuzureden und zu versuchen, Yukari abzulenken. Mehr konnten sie und Amano nicht tun.

Nachdem die Wehe vorüber war, blickte Hitomi sorgenvoll auf die Uhr. Die Ärzte hatten ihr zwar versichert, dass das Kind genau in der Zeit lag, aber wenn urplötzlich die Wehen einsetzten und alle Ärzte momentan beschäftigt zu sein schienen, war das nicht grade ermutigend. Lediglich eine Hebamme war bei ihnen und die war auch noch ziemlich jung und unerfahren, ihrer Nervosität nach zu urteilen. Sie beschränkte sich jedenfalls darauf, Yukari ebenfalls gut zuzureden und immer wieder auf die Tür zu sehen, durch die eigentlich jeden Moment die Ärzte kommen sollten. Ärger stieg in Hitomi hoch. Wozu waren die Typen eigentlich da, wenn sie nicht kamen, wenn man sie brauchte?

„Bleib ganz ruhig, Yukari", murmelte sie und tätschelte die Hand ihrer Freundin. „Sie werden gleich da sein. Und dann hast du dein Baby bald in den Armen."

„Sie müssen JETZT kommen!", rief Yukari beinahe hysterisch und verzog schmerzerfüllt das Gesicht, als eine neue, leichtere Wehe ihren Körper heimsuchte. „Hitomi, mein Baby! Amano! Ihr müsst mein Baby retten..."

Die Panik ging förmlich in Wellen von Yukari aus. Kein Wunder, wenn man bedachte, dass das Baby eigentlich jeden Augenblick kommen konnte und kein erfahrener Arzt in der Nähe war. Auch wenn Hitomi versuchte, Zuversicht zu spenden, fühlte sie sich nicht wohl. Auch Amano nicht, aber bei ihm konnte man das auf die Nervosität eines werdenden Vaters schieben.

„Yukari, alles wird gut gehen, glaub mir", versuchte Amano sie zu beruhigen. „Du wirst sehen, gleich kommen sie und..."

In diesem Moment wurde die Tür des Entbindungsraumes aufgestoßen und drei, vier grün-weiß vermummte Gestalten kamen herein. Sie verschwendeten keine Zeit, sondern stellten sich sofort um Yukari auf. Die junge Hebamme wich mit dankbarem Blick zurück und überließ ihren Kollegen den Platz. Auch Hitomi ließ Yukaris Hand los, Amano jedoch nicht.

„Wann haben die Wehen eingesetzt?", erkundigte sich einer der Ärzte, während er vorsichtig Yukaris Bauch betastete.

„Vor ungefähr zwei Stunden", entgegnete Amano nervös, ohne den Blick vom Gesicht seiner Frau zu wenden. „Wir sind sofort hier..."

„Dann ist noch genug Zeit", unterbrach ihn der Arzt. „Sind Sie der Vater?"

Dumme Frage, dachte Hitomi. Würde jemand anders so panikerfüllt aussehen wie Amano? Der junge Mann nickte jedoch nur.

„Gut, Sie können bleiben." Dann wandte er den Blick Hitomi zu. „Und wer sind Sie?"

„Nur eine Freundin", antwortete diese. Sie ahnte bereits, was jetzt kommen würde.

„Dann muss ich Sie bitten, draußen zu warten", teilte ihr der Arzt mit. Er senkte die Stimme zu einem Flüstern. „In den nächsten Stunden wird es vermutlich ohnehin noch nicht kommen. Es wäre besser, wenn Sie nach draußen gingen. Wir teilen Ihnen mit, wenn etwas passiert. Sobald das Kind da ist, dürfen Sie wieder herein."

Hitomi war zwar nicht ganz einverstanden mit dieser Lösung, aber als Amano gebeten wurde, für die Ärzte Platz zu machen und hilflos stehen blieb, entschied sie, dass eine Verbannung nicht das schlechteste Schicksal war. Daher schlüpfte sie wieder aus dem Griff der Hebamme, die sie hinausbugsieren hatte wollen und ging alleine, nicht ohne zuvor einen letzten, mitleidigen Blick auf Yukari und Amano zu werfen. Beide, wenn auch Yukari wesentlich schlimmer, würden heute eine lange Nacht vor sich haben.

Draußen setzte sie sich erst einmal auf einen der Stühle, die wohl vor jedem OP der Welt standen, damit die bange Wartenden nicht durch das ständige Auf-und-Abrennen das Personal behinderten. Als Amano sie spät am Abend angerufen hatte, war sie schon halb bei der Haustür raus gewesen, bevor er ihr alles fertig erzählt hatte. Schließlich hatte sie schon seit Tagen erwartet, dass Yukaris Wehen einsetzen würden.

Natürlich freute sie sich für ihre Freundin, auch wenn diese heute vermutlich die schmerzvollste Nacht ihres Lebens haben würde. Das Baby war zwar ein Junge, aber Yukari hatte ihr verschwörerisch mitgeteilt, dass sie es Hitomi genannt hätten, wäre es ein Mädchen geworden. Dabei war die echte Hitomi etwas rot geworden. Sicher, sie, Yukari und Amano kannten sich schon lange, aber dass sie sogar ihr Kind nach ihr benennen würden...

Nachdenklich sah sie zur Decke auf. Es schien geradezu symbolisch, dass sie jetzt aus dem Entbindungsraum hatte weichen müssen, während ihre zwei besten Freunde hier drinnen bleiben konnten. Das würde in nächster Zeit – sehr langer Zeit, wie sie sich bitter eingestand – wahrscheinlich ohnehin so sein. Das Baby würde die beiden schon genügend auf Trab halten. Daran war nichts Schlechtes, hämmerte sie sich ein. Sie war die letzte, die wollte, dass Yukari und Amano ihr Kind vernachlässigten. Aber eine leise, penetrante Stimme flüsterte ihr gleichzeitig zu, dass die beiden dann noch weniger Zeit mit ihr verbringen würden.

Das hinterließ einen schlechten Nachgeschmack in ihrem Mund. Seit ihrem ersten Besuch auf Gaia waren Yukari und Amano bis auf wenige Studienkollegen die einzigen echten Freunde gewesen, die sie behalten hatte. Es freundeten sich einfach nicht viele Leute mit einem an, wenn man mit den Gedanken ständig auf fremden Planeten war. Sie lächelte kurz bei diesem Gedanken, wurde aber gleich wieder ernst. Jetzt konnte sie die beiden zwar immer noch besuchen... aber zwangloses Beisammensein war nun wohl nicht mehr möglich.

Wie schon oft zuvor drängte sich die Frage in ihr Bewusstsein, warum sie eigentlich nicht nach Gaia zurückging. Und wie immer, wenn das passierte, verdrängte sie sie. Im Grunde wusste sie es ja selbst nicht. Sie hatte sogar schon zu zweifeln begonnen, ob sie ihr Vertrauen in Van nicht schon längst wiedergefunden hatte, wenn sie nachts allein im Bett lag. Sie schlief nicht sehr gut in letzter Zeit. Immer wieder wachte sie auf und wusste sofort, dass sie wieder von Gaia geträumt hatte... hauptsächlich natürlich von Van. Sie vermisste ihn. Natürlich fehlten ihr die anderen auch, Allen, der ewige Gentleman, die schöne Millerna und Dryden, der gutmütige Forschergeist, der kleine, aber tapfere Herzog Chid, die liebe, lebenslustige Merle. Aber an sie dachte sie mit warmen Gefühlen zurück. Vans Bild hingegen ließ ihr Herz bluten. Sein trauriger Blick, als er sie beim Palast gebeten hatte, ein letztes Mal mit ihm zu fliegen...

Dennoch wollte sie noch nicht nach Gaia zurück. Es war besser so. Wenn sie wirklich wieder auf den Planeten ihres Liebsten zurückkehrte und dann feststellte, dass sie immer noch Angst vor ihm hatte... dann wusste sie, dass sie ihn nicht noch einmal verlassen konnte, ohne dass er sich das Leben nahm. Aber dann würde ihre Beziehung auch nicht mehr glücklich werden. Nichts, dass auf Angst aufgebaut war, endete im Glück. Deshalb war es besser zu warten, bis sie nichts mehr hier hielt. Dann war ihre Liebe wieder stark genug.

Hoffentlich war es dann noch nicht zu spät.

Sie atmete tief ein und aus und drängte einige Tränen zurück. Jetzt war nicht die Zeit dafür. Sie sollte sich jetzt eigentlich für Amano und Yukari freuen, anstatt sich selbst zu bemitleiden, auch wenn sie ihre Freunde nicht mehr so oft sehen würde. Schließlich hatten sie große Angst um das Baby ausstehen müssen, damals nach Llorins Angriff. Das schien schon wieder ewig her zu sein. Wer hätte gedacht, dass ihr einstiger Feind jetzt mit Merle zusammen war? Und wer hätte gedacht, dass sie selbst nicht für immer bei Van blieb?

Hitomi lehnte sich zurück und schloss die Augen. Sie war ziemlich müde. Die ganze Hetzerei, bis sie im Krankenhaus gewesen waren, danach die endlos lange Warterei auf die Ärzte... sie sollte vielleicht wirklich etwas ausruhen. Schließlich würde das Baby nicht in fünf Minuten kommen, was ein lauter Schrei Yukaris ihr ins Bewusstsein zurückrief. Gleich darauf fielen ihr jedoch die Augen wieder zu. Diesmal endgültig.

Hitomis Mutter sah verwundert auf, als die das Klicken des Türschlosses hörte. Es war schon ziemlich spät und sie selbst war eigentlich nur noch nicht im Bett, weil sie über einem Buch eingenickt war. Einen Moment lang fragte sie sich, ob ihr jemand heute den Haustürschlüssel gestohlen hatte, aber dann schalt sie sich eine Närrin. Es gab schließlich noch zwei andere Personen, die solche Schlüssel besaßen...

Allerdings hatte sie nicht mit der Person gerechnet, die eintrat. Sie hatte eigentlich mit ihrem Sohn Mamoru gerechnet, weil der Junge erst kürzlich ausgezogen war und sie immer noch sehr häufig besuchte. Hauptsächlich natürlich, damit sie sich nicht so allein fühlte, wie er betonte. Aber manchmal glaubte sie auch zu bemerken, dass er sie etwas vermisste. Nicht, dass es sie störte. Es gab kaum ein schöneres Gefühl als das, gebraucht zu werden, besonders für eine Mutter.

Aber nicht Mamoru trat ein, sondern ihre Tochter Hitomi. Das Mädchen... nein, die junge Frau, verbesserte sie sich in Gedanken sah erschöpft aus, und das nicht nur rein körperlich. Hitomis Augen wirkten irgendwie trübe, so wie damals, als sie zum zweiten Mal wieder aus Gaia aufgetaucht war.

„Mutter", sagte Hitomi leise. „Darf ich reinkommen?"

„Hitomi!" Mit einem Ruck war sie aufgestanden und umarmte ihre Tochter wortlos. „Wie kannst du mich nur so etwas fragen? Du weißt doch, dass du mich nie zu oft besuchen kannst."

Zu ihrer Überraschung legte Hitomi wortlos die Arme um ihren Rücken und presste sich an ihre Mutter. Normalerweise scheute sie wie eigentlich alle Erwachsenen derart intensiven Körperkontakt, aber heute schien sie dringend Trost zu benötigen. Was war da nur vorgefallen? Das letzte Mal, als sie so ausgesehen hatte, war sie gerade von ihrer Reise zurückgekommen. Und seither hatte sie noch immer nichts davon erzählt, so als wären die Erinnerungen an Gaia zu schmerzhaft für sie. Ob sie durch irgendetwas wieder daran erinnert worden war?

„Hitomi?", fragte sie vorsichtig. „Was hast du denn, Liebes?"

„Ich... ich komme gerade von Amano und Yukari", presste Hitomi hervor. Ihre Mutter konnte es nicht beschwören, aber es hörte sich so an, als würde die junge Frau kurz vor dem Losheulen stehen. „Ihr... ihr Kind ist da."

„Oh mein Gott", antwortete ihre Mutter erschrocken. „Ist etwas mit dem Kind, Hitomi? Ist es etwa...?"

„Nein, es geht ihm gut", wehrte Hitomi ab. Ihre Stimme klang nun sehr seltsam... so als würde sie gleichzeitig traurig und glücklich darüber sein. „Es ist ein wunderschöner Junge, weißt du? Er sieht Amano sehr ähnlich." Anscheinend wollte Hitomi nur mit jemandem reden, bis sie sich wieder in den Griff bekam. „Er wird sicher mal von den Mädchen umschwärmt werden, wenn er groß ist."

„Oh... gut", murmelte ihre Mutter. Sie wusste nicht so recht, was sie machen sollte. Wieso war Hitomi wegen der Geburt so seltsam? „Möchtest du dich hinsetzen, Hitomi? Ich möchte gern mehr darüber hören." Damit schob sie ihre Tochter etwas von sich fort. Diese Gelegenheit nutzte sie, um Hitomis Gesicht zu inspizieren. Offenbar hatte sie nicht geweint, auch wenn sie so wirkte, als wäre sie jeden Moment davor. Aber wieso?

„Natürlich." Hitomi setzte sich neben sie und zum Erstaunen ihrer Mutter legte sie ihren Kopf auf deren Schulter. „Es hat ziemlich lange gedauert, weißt du? Die Ärzte haben schon befürchtet, es gäbe Komplikationen wegen des... Unfalls damals."

Ja. Davon hatte ihr Amano erzählt, als er sie nach Hitomis zweitem Verschwinden aufgesucht hatte. Damals war sie eigentlich erleichtert gewesen, weil sie geahnt hatte, dass Hitomi hier auf der Erde nicht glücklich werden würde. Obwohl es schwer gewesen war, ihr Mädchen für immer zu verlieren, sie hatte es akzeptiert. Und sie hatte gebetet, dass Hitomi nichts geschehen würde, denn dieser Drache und sein Reiter hatten nichts Gutes verheißen. Um so überraschter war sie gewesen, als Hitomi dann plötzlich wieder vor ihrer Tür gestanden war, mit leerem Blick und Tränenspuren auf den Wangen.

„Aber es ist alles gutgegangen", fuhr Hitomi fort. „Ich habe schon Angst bekommen, als ich Yukaris Gesicht gesehen habe. Sie hat ausgesehen, als würde sie jeden Moment vor Schmerz sterben." Hitomi schauderte. „Habe ich... dir auch solche Schmerzen bereitet, Mama?"

Diese lächelte, legte ihre Hand über Hitomis Schultern und bettete ihren Kopf auf deren Haar. „Ja", gab sie zu. „Ich habe geglaubt, ich würde innerlich zerreißen, weißt du? Und ich war wirklich nahe davor, den Tag zu verfluchen, an dem ich deinen Vater kennen lernte. Aber als man dich mir in den Arm legte, war das alles vergessen. Ich war in meinem Leben niemals mehr so glücklich wie in dem Moment, als du mich das erste Mal ansahst, Hitomi."

Nun begann Hitomi wirklich zu heulen, aber das beunruhigte ihre Mutter nicht. Das Mädchen musste erst einmal ihren Schmerz ausleben, dann konnte sie wieder vernünftig mit ihr reden. Geduldig wartete sie, bis das Schniefen versiegte.

„Und?", fragte sie gespannt. „Wie hat Yukari nach der Geburt ausgesehen?"

„Am Boden zerstört", gab Hitomi mit einem gutgemeinten sarkastischen Unterton zurück. „Ich habe beinahe befürchtet, sie wäre zu schwach, ihr Baby zu halten. Aber sie hat es sich nicht nehmen lassen, auch wenn Amano aufpassen musste, dass sie ihn nicht fallen ließ. Ich glaube, sie war sehr, sehr glücklich. Sie hat sogar geweint."

Bei den letzten Sätzen war Hitomis Stimme sanft geworden. Offenbar war dies eine schöne Erinnerung, deshalb wartete ihre Mutter etwas, bis sie ihre nächste Frage stellte.

„Und warum warst du dann vorhin so traurig?", wollte sie wissen.

Einige Zeit lang erhielt sie keine Antwort. Sie war schon nahe daran, eine andere Frage zu stellen, als Hitomi schließlich den Mund aufmachte.

„Weil ich sie nun auch verloren habe", flüsterte sie. „Die beiden werden in der nächsten Zeit nur noch Augen für das Baby haben. Na ja, das sollten sie auch. Aber..."

„... du würdest auch gerne Zeit mit ihnen verbringen, nicht?", vervollständigte ihre Mutter den Satz. „Du kannst sie doch besuchen, Hitomi. Sie sind ja deswegen nicht aus der Welt."

„Aber es ist einfach nicht mehr dasselbe wie früher."

Darauf konnte ihre Mutter nichts erwidern. Jedes Leben veränderte sich grundlegend, wenn ein Baby hinzukam. Amano und Yukari würden Hitomi sicher nicht vergessen, das nicht... aber Hitomi würde für die beiden von nun an nie mehr an erster Stelle stehen. Und das tat weh, sie wusste es. Besonders, weil ihre Tochter seit ihrem ersten Besuch auf Gaia wenig unter Menschen ging.

Sie schwiegen beide einige Zeit. Hitomi, weil sie sich einen Rat von ihrer Mutter erhoffte. Und ihre Mutter, weil sie tatsächlich einen geben konnte... aber dieser würde Hitomi vielleicht noch mehr verletzen. Außerdem würde sie ihre Tochter dann für immer verlieren. Schließlich entschied sie sich.

„Und warum... gehst du dann nicht nach Gaia zurück, Hitomi?"

Sie spürte, wie das Mädchen sich versteifte. Offenbar hatte sie einen wunderen Punkt berührt, als sie gedacht hatte. Doch irgendwann musste sie einfach erfahren, wieso Hitomi zurückgekommen war. Warum also nicht jetzt? Der Schaden war ohnehin schon angerichtet, also konnte es wohl nicht mehr schlimmer werden.

„Das hat damit nichts zu tun, Mutter!" Hitomis Stimme klang frostig, als sie sich aus der Umarmung löste. „Ich danke dir, dass du dir Zeit für mich genommen hast, aber ich sollte dich jetzt wohl schlafen lassen. Gute Nacht."

Damit stand sie auf und drehte sich um. Als sie allerdings zur Tür gehen wollte, wurde sie an der Hand zurückgehalten. Sie wollte ihre Mutter schon anfunkeln, aber diese sah sie unbeeindruckt davon ernst an.

„Du bleibst, Hitomi!", sagte ihre Mutter streng. „Weißt du eigentlich, wie sehr ich mich um dich sorge? Gerade hatte ich mich damit abgefunden, dass du endlich zu deinem Liebsten zurückgekehrt bist, da klopfst du auch schon an die Tür und siehst aus wie jemand, dem man das Herz bei lebendigem Leibe herausgerissen hat! Dann sonderst du dich noch mehr als früher von den Leuten ab, sogar von mir! Jetzt, da Yukari und Amano auch keine Zeit mehr für dich haben, bist du dem Zusammenbruch nahe vor Einsamkeit! Und dennoch willst du mir nicht sagen, warum?"

Hitomi war unentschlossen. Einerseits wollte sie nichts von den Geschehnissen auf Gaia preisgeben... andererseits könnte ihr ihre Mutter vielleicht einen guten Rat geben. „Das ist... sehr privat, Mutter", wich sie aus, zog ihre Hand jedoch nicht zurück.

„Natürlich ist es das", bestätigte ihre Mutter. „Sonst würdest du es ja nicht hüten wie ein Staatsgeheimnis. Aber ich sage dir eins, Hitomi:" Sie kniff die Augen zusammen. „Als deine Mutter werde ich nicht zusehen, wie du den Rest deines Lebens dahinwelkst, wenigstens nicht, ohne den Grund dafür zu kennen! Also setz dich und erzähl oder geh und komm nicht wieder, bis du nicht dazu bereit bist!"

So resolut hatte ihre Mutter noch nie mit ihr gesprochen. Hitomi war starr vor Staunen. Ihr blieb nun wohl keine Wahl mehr. Ihre Mutter war jetzt die einzige Person auf der Erde, an die sie sich immer wenden konnte. Sie konnte jetzt nicht gehen und den Kontakt abbrechen, sie wusste das. Das würde sie nicht verkraften. Seufzend ließ sie sich wieder auf den Stuhl zurücksinken.

„Es ist eine lange Geschichte, Mutter", wagte sie den halbherzigen Versuch, ihre Mutter noch von ihrem Vorhaben abzubringen.

„Ich habe heute nichts mehr vor", entgegnete ihre Mutter und zog zufrieden ihre Hand zurück. „Lass dir ruhig Zeit."

Und das tat sie auch. Hitomi begann bei den seltsamen Träumen, in denen der Drache unter der Anleitung von Vans Tante eine Stadt zerstörte. Dann erzählte sie von Yukaris und Amanos Besuch und dem darauffolgenden Angriff, bei dem Yukari verletzt wurde. Ihre Mutter zog die Augenbraue hoch. Sie hatte zwar von Amano erfahren, was passiert war, aber in Hitomis Erzählung klang es viel spektakulärer. Doch sie unterbrach nicht.

Hitomi schilderte, wie Allen sie gerettet und nach Gaia gebracht hatte. Den Besuch bei Chid hielt sie kurz, bis auf ihre Freundschaft mit Serena. Bei dem Teil, als sie in Farnelia eintraf, erschien kurz ein sanftes Lächeln, als sie von Merle, dem Katzenmädchen erzählte. Ihre Mutter konnte sich diese Merle zwar kaum vorstellen, aber sie vertraute ihrer Tochter, auch wenn andere Mütter an deren Geist gezweifelt hätten. Aber andere Mütter hatten auch keine Mütter, denen dasselbe passiert war.

Das Lächeln verschwand jedoch, als die Sprache auf Van, den König Farnelias kam. Nun kamen sie der Sache anscheinend näher. Natürlich wusste sie von der Liebe Hitomis zu diesem Van. Wenn sie nun so ein Gesicht machte, war zwischen ihnen also Schlimmes vorgefallen. Das bestätigte sich, als die Rede auf das Missverständnis kam, das die beiden entzweit hatte. Hitomis Mutter staunte nicht schlecht. Ihre Tochter hatte schon einiges in ihrem jungen Leben durchgemacht, aber dass ihr das Schicksal noch einmal so übel mitspielte...

Als eine Träne aus Hitomis Auge lief, beugte sie sich vor und nahm ihre Tochter in die Arme. Hitomi ließ es willig geschehen, während sie stockend weitersprach. Mochte Hitomi noch so alt sein... jetzt, da sie Trost brauchte, schmiegte sie sich an ihre Mutter wie ein kleines Kind. Und ihre Mutter hielt sie sanft in den Armen, während sie der Erzählung lauschte.

Sie erzählte, wie Van immer aggressiver wurde. Wie Merle aus Angst den Drachenreiter befreite, aus Angst um sein Leben und wie sie daraufhin verbannt wurde. Wie Van schließlich verschwand und seine Tante ihn für sich zu gewinnen versuchte. Wie Dryden, Millerna, sie selbst und die Crusado-Crew ihn suchten und von der Guymelef-Werkstatt gefangengenommen wurden. Und wie Van sie schließlich mit Ritter Allens Hilfe doch noch retten kam.

Hitomis Stimme wurde etwas ruhiger, fast zärtlich und sie schloss die Augen, als sie davon erzählte, wie sie und Van ihr Gespräch führten. Hitomis Mutter war gerührt, als sie hörte, wie der stolze König ihre Tochter um Verzeihung bat. Doch ihr blieb kaum Zeit für weitere Gedanken, denn die Geschichte ging schon weiter: Während Allen Eries' Tod und den Krieg somit nicht hatte verhindern können, hatte Asturia bereits Freid eingenommen. Während den Geschehnissen dort hatte Merle ihren Liebsten wiedergefunden und Serena hatte sich wieder in Dilandau verwandelt. Sie alle kamen auf dem großen Schlachtfeld wieder zusammen. Nun ging es wirklich Schlag auf Schlag. Hitomis Mutter schwirrte beinahe der Kopf, aber sie wollte Hitomi nicht unterbrechen.

Sie staunte, als Allen gegen seine eigene Schwester kämpfte. Sie war fassungslos, als sie hörte, wie Van gegen eine Überzahl von Drachen antrat. Sie resignierte schließlich, als Hitomi mit Vans totem Bruder sprach und daraufhin mit Escaflowne Van rettete. Von nun an konnte es einfach nicht mehr sonderbarer werden. Hitomi erzählte immer langsamer, als würde sie sich nun einer schmerzhaften Stelle nähern. Und so war es auch. Sie streifte den Friedensschluss zwischen Asturia und Zaibach und kam gleich zu der Stelle, die sie fürchtete: Vans Heiratsantrag.

Ohne es zu wollen, atmete Hitomis Mutter zischend ein. Sie hatte sich vorgenommen, ihre Tochter nicht zu unterbrechen, aber es war einfach nicht alltäglich für eine Mutter, wenn ihr kleines Baby einen Heiratsantrag bekam! Doch als sie Hitomi überrascht ins Gesicht sah, wollte sich kein Hochgefühl einstellen. Denn ihre Tochter litt. Dennoch lächelte sie tapfer.

„Das hättest du nicht erwartet, Mutter, oder?"

„Nein", gab diese zu. „Aber du scheinst nicht glücklich darüber zu sein."

„Ich war überglücklich, Mutter", entgegnete diese mit einer Stimme, die nicht zu dieser Behauptung passte. Sie ließ den Kopf hängen. „Ich habe mir diese Worte jahrelang gewünscht. Aber ich... habe den Antrag abgelehnt."

„Du hast WAS?" Ihre Mutter streckte die Hände aus und hielt ihre Tochter ungläubig an den Schultern fest. „Aber... du hast doch gesagt, dass du diesen Van liebst?"

„Das tue ich auch", antwortete Hitomi, während eine weitere bittere Träne ihre Wange tränkte. „Aber... ich habe das Vertrauen in ihn verloren." Sie riss sich sichtlich zusammen und atmete tief ein. „Bitte lass mich jetzt fertig erzählen, Mutter. Ich weiß nicht, wie lange ich noch Kraft dazu habe."

Diese nickte lediglich, auch wenn sie gerne noch einige Dinge gesagt hätte. Also erzählte Hitomi noch den kurzen Rest ihrer Geschichte: Wie Van den Ball für sie organisiert hatte, Merle und die anderen sich von ihr verabschiedet hatten, Van seine schockierende Neuigkeit in die Menge warf und Hitomi dann entführte. Wäre die Lage nicht so ernst gewesen, hätte ihre Mutter gelächelt. Das war so romantisch!

Nach dem kurzen Abschied verstummte Hitomi und starrte ihre Mutter hilflos an. Sie schien einen Rat von ihr zu wollen. Diese ließ sich jedoch erst einmal ein paar Sekunden Zeit, um ihre Gedanken zu ordnen, schließlich war das ganz schön viel gewesen! Nur eines wusste sie ganz sicher.

„Du hast Van also verlassen, weil du kein Vertrauen mehr zu ihm hast?", fragte sie langsam. „Weil du Angst hast, er könnte dich noch einmal so sehr verletzen? Bist du deshalb so am Boden zerstört?"

„Ja", antwortete Hitomi leise. Ihre Augen blickte fragend. „Aber was...?"

Sie hatte nicht damit gerechnet, dass ihre Mutter kichern würde.

„Verzeih", meinte diese, als Hitomi sie verdattert und ein wenig verletzt ansah. „Ich wollte dich nicht beleidigen. Aber deine Dummheit ist einfach grandios!" Hitomi riss den Mund auf, kam aber nicht dazu, etwas zu sagen, als ihre Mutter fortfuhr: „Du hast dir selbst eingeredet, dass du Angst vor Vans Eifersucht hast, obwohl du tief im Innern weißt, dass er niemals wieder an dir zweifeln wird... nicht nach dieser Sache. Er hätte doch selbst viel zu viel Angst, dich wieder zu verlieren, als dass er so etwas Dummes noch mal machen würde."

„Mutter!", bekam Hitomi schließlich heraus. „Was...?"

„Sei still und hör zu!", wurde sie unterbrochen. „Du bist hergekommen, weil du einen Rat wolltest... und jetzt bekommst du einen. Ich weiß, wovor du wirklich Angst hast, Hitomi." Sie brachte ihr Gesicht näher an das ihrer Tochter heran. „Vans Bruder hat dich gefragt, ob du für Van sterben würdest... und du hast Ja gesagt. Ohne überlegen zu müssen und aus tiefstem Herzen. Du liebst diesen Jungen mehr als dein eigenes Leben, Hitomi... und DAS ist es, was dir Angst macht, nicht die Eifersucht oder irgendwelche anderen Gründe. Ist es nicht so?"

Hitomi war, als würde sie in ein tiefes Loch fallen. Ja. Ihre Mutter hatte Recht, mit jedem Wort. Mangelndes Vertrauen in Van? Ha! Sie hatte ihm in dem Moment verziehen, als sie sah, wie sehr er seinen Fehler bereute! Die Angst, sie würde Gaia Unglück bringen? Unsinn! Sie hatte keine Angst mehr vor Gaia, längst nicht mehr. Dort lebten beinahe all ihre Freunde... und ihr Liebster. Vans Mutter Varie hatte einmal behauptet, dass Hitomis Empfindungen die Ereignisse auf Gaia ändern konnten. Wenn das stimmte, dann müsste die Liebe, die sie für Van und ihre Freunde empfand, diese Welt des Krieges im Grunde in ein Paradies verwandeln! Diese und andere Gründe hatte sie nur erfunden, um sich selbst vor der Wahrheit zu schützen.

Sie fürchtete sich vor der Tiefe ihrer Liebe zu Van.

Als sie hemmungslos zu schluchzen anfing, wurde sie abermals von ihrer Mutter umarmt, die sie sanft hin- und herwiegte.

„Mutter", brachte sie schließlich hervor. „Du hast Recht. Ich fürchte wirklich meine eigenen Gefühle. Aber was kann ich dagegen tun?"

Ihre Mutter schwieg lange. „Ich weiß es nicht", gestand sie schließlich. „Ich weiß es nicht, Hitomi. Ich glaube, du musst dir allein darüber klar werden, was stärker ist. Deine Liebe... oder deine Furcht vor ihr. Erst dann kannst du entscheiden, ob du zu Van zurückkehrst."

Früher hatte Merle die schlichten Formen und naturverbundenen Farben des Königspalastes von Farnelia viel besser gefallen als die mit Pomp und Glanz angefüllten Bauwerke Asturias. Jetzt wünschte sie sich beinahe, es gäbe hier etwas mehr Zierrat. Dann käme die Düsternis, die sich über das ganze Gebäude gelegt hatte, nicht so sehr zur Geltung.

Langsam ging das Katzenmädchen durch die Gänge, die früher ihr Zuhause gewesen waren. Seit sie vor ungefähr einem halben Jahr mit Llorin weggezogen war, um ihr Volk kennen zu lernen, war sie nicht mehr in Farnelia gewesen. Ihr war klar gewesen, dass Hitomis Abreise Van schwermütig werden lassen würde, aber dass es sogar seine Umgebung so sehr beeinflusste, hätte sie nicht für möglich gehalten.

Sie wunderte sich, dass sie nirgends einen Bediensteten sah. Hier herrschte zwar auch unter normalen Umständen nicht das Gedränge, dass es in den Palästen von Asturia gab, aber dass hier keine Menschenseele seiner Arbeit nachging, war mehr als beunruhigend. Besonders, wenn man in Betracht zog, dass die Bewohner Farnelias ihr versichert hatten, dass Van hier war. Und dass sie hoffnungsvoll gemeint hatten, dass vielleicht ihr Besuch ihn aufheitern würde können.

Merle entschloss sich, zum Thronsaal zu gehen. Möglicherweise waren alle momentan dort, weil Van eine Ansprache hielt oder so etwas. Ihre Hoffnung dahingehend war nicht sehr groß, da Van dramatische Reden eigentlich nicht sehr hoch schätzte, aber sie konnte es immerhin versuchen. Ihre Schritte verursachten kaum ein Geräusch, worüber sie dankbar war. Das Hallen ihrer eigenen Schritte hätte ihr jetzt wirklich Angst gemacht. Fast wünschte sie sich, Llorin wäre hier, aber er hatte gemeint, seine Anwesenheit wäre bei Vans und ihrem Wiedersehen vielleicht störend. Vermutlich hatte er Recht.

Als Merle in den Gang einbog, der zum Thronsaal führte – sie hatte jetzt schon ein schlechtes Gefühl dabei, denn noch immer war kaum ein Geräusch zu hören – wäre sie beinahe mit jemandem zusammengestoßen. Sie wollte schon gereizt reagieren, schließlich hatte sie nicht grade einen perfekten Tag hinter sich, bevor sie erkannte, wer da vor ihr stand.

„Allen!"

„Merle!"

Es war tatsächlich der Ritter des Himmels, der sie wohl ebenso verwundert anstarrte wie sie ihn. Unter anderen Umständen hätte sie wohl über Allens verdatterte Miene gelacht. Der Ritter hatte die Hand am Schwertgriff, so als hätte er einen Angriff erwartet, aber jetzt nahm er sie peinlich berührt wieder weg.

„Merle!", sagte er noch einmal, diesmal jedoch mit freudigem Unterton. „Seit wann bist du denn wieder in Farnelia?"

„Seit einer Stunde", gab das Katzenmädchen zur Auskunft. „Ich wollte Van besuchen, schließlich war ich ziemlich lang fort."

„Dachte ich mir. Wieso bist du überhaupt so lange weggeblieben?" Allen setzte eine verschwörerische Miene auf. „Van hat schon überlegt, eine Rettungsexpedition loszuschicken."

Merle errötete leicht und fauchte den Ritter an. „Mach dich nicht über mich lustig, Allen! Du weißt genau, dass ich mit Llorin unterwegs war!"

„Ah ja, Llorin." Er machte einen Schritt zur Seite und machte Merle den Weg frei. „Du wolltest doch zu Van, oder? Ich bringe dich zu ihm. Wie geht es deinem Freund eigentlich?"

„Er ist nicht mehr mein Freund, Allen", erwiderte Merle hintergründig grinsend. „Er ist mein Mann."

Allen wandte ihr überrascht den Blick zu. „Ihr habt geheiratet?", fragte er ungläubig. „Und uns nicht mal eine Einladung geschickt?"

„Die Hochzeit wurde bei unserem Volk abgehalten", erklärte Merle achselzuckend, während sie mit Allen durch die Gänge wanderte. „Es ist eine sehr private Zeremonie. Llorin meinte, es wäre nicht sehr ratsam, die Leute mitzubringen, die Schuld am Tod der Drachenkönigin tragen. Mich tolerieren sie, aber bei euch wäre ich mir nicht so sicher."

„Ich verstehe." Allen nickte. „Bist du glücklich, Merle?"

Sie grinste. „Wie kannst du mich nur so etwas fragen? Natürlich bin ich glücklich. Anfangs war Llorin sehr scheu wegen dem Altersunterschied zwischen uns, aber das hab ich ihm schnell ausgetrieben!" Sie machte eine kurze Pause, als Allen hell auflachte. „Alles bei unserem Volk ist neu und aufregend für mich. Mir ist also nie langweilig gewesen." Plötzlich wurde ihr Gesicht wieder ernst. „Das einzige, was mir gefehlt hat, wart ihr."

„Ich fühle mich geschmeichelt", entgegnete Allen. „Wir haben dich auch vermisst, weißt du? Der Palast hat viel von seinem Glanz verloren, seit du und Hitomi weggegangen seid. Besonders Serena war mehr als betrübt über deine Abreise. Wäre ich nicht die ganze Zeit bei ihr gewesen, hätte ich um ihr Leben gefürchtet."

„Wie geht es ihr?", fragte Merle besorgt. Sie hatte sich oft Gedanken darüber gemacht, wie die zarte junge Frau es verkraften würde, gleichzeitig Hitomi und sie selbst zu verlieren.

„Ganz gut", meinte Allen. „Ich nehme sie überall mit hin... außer in die Badewanne." Er grinste flüchtig. „Meine Gesellschaft gibt ihr einigermaßen Halt, außerdem besuchen wir oft Chid." Jetzt wurde sein Grinsen frech. „Seit du weg bist, hat sie ihn als neuen besten Freund auserkoren. Es scheint ihm wenig auszumachen."

Merle zog die Augenbraue hoch. „Und wo ist sie jetzt?"

„In unserem Zimmer oben", antwortete der Ritter. „Wenn du willst, kannst du sie ja nachher besuchen. Die Trübseligkeit hier im Palast tut ihr nicht sonderlich gut."

„Was ist hier überhaupt passiert?", fragte Merle und sah sich um. „Wieso ist hier alles so verlassen?"

Allen zögerte kurz. „Das soll dir Van selbst erklären", entschied er nach kurzem Überlegen. „Wir sind ohnehin schon da. Er sitzt wie immer um diese Zeit im Thronsaal." Er sah Merle ernst an. „Erschrick nicht, wenn du ihn siehst, Merle. Er hat sich verändert, seit Hitomi weggegangen ist, weil er sich selbst die Schuld dafür gibt." Er machte eine kleine Pause. „Ich glaube, meine Anwesenheit ist das einzige, was ihn noch vom Selbstmord abhält."

„Selbstmord?" Merle riss erschrocken die Augen auf.

„Ja. Geh hinein, Merle. Vielleicht kann ihn dein Anblick wieder etwas aufheitern. Könntest du... vielleicht länger hier bleiben, wenn das der Fall ist?"

„Natürlich." Merle nickte heftig. „Llorin wird das schon verstehen. Wenn ich Van helfen kann, dann harre ich bis in alle Ewigkeit hier aus!"

Allen lächelte und wuschelte Merle durchs Haar. „Dein Mann wäre davon nicht begeistert", prophezeite er. „Aber vielleicht kann deine Sorge Van wirklich helfen. Geh jetzt rein. Wenn du willst, treffen wir uns nachher in Serenas Zimmer."

„In Ordnung", bestätigte Merle und öffnete leise die Tür. „Bis später, Allen. Wünsch mir Glück."

Während der Ritter des Himmels nickte und den Gang wieder zurückmarschierte, trat Merle völlig ins Zimmer. Sie erschrak, als sie Van auf seinem Thron sitzen... oder besser gesagt hängen sah. Von dem kraftstrotzenden jungen Mann, den sie seit frühester Jugend gekannt hatte, war beinahe nichts mehr zu erkennen. Van war in sich zusammengesunken und starrte mit bitterem Blick auf die gegenüberliegende Wand, wo die Geschichte Farnelias aufgezeichnet war. Es war nicht schwer zu erraten, dass er auf sein eigenes Bild von Hitomis erstem Abschied starrte. Seine Haut sah ungewöhnlich blass aus, als wäre er in letzter Zeit nicht nach draußen gegangen und unter seinen Augen lagen dunkle Schatten. Zwar hatte er frisches Gewand an, aber offenbar hatte er sich schon einige Tage nicht rasiert und die schwarzen Bartstoppeln vervollständigten noch sein düsteres Aussehen.

„Bist du das, Allen?", fragte er mit einer Stimme, die Merle noch mehr erschreckte als alles andere. Sie wirkte... teilnahmslos. Als würde ihn nichts mehr interessieren. „Ist etwa schon wieder ein Bittsteller gekommen? Schick ihn weg. Ich bin nicht in der Stimmung dafür."

„Van", entgegnete Merle leise und kam zögernd näher. „Ich bin's."

Sie prallte erschrocken zurück, als der junge König mit einem Ruck aufsprang und herumfuhr. Seine Augen weiteten sich, als er ihr gewahr wurde. Einen absurden Augenblick lang hegte sie die Befürchtung, er könnte sich auf sie stürzen. Dann veränderte sich sein Gesichtsausdruck und er wurde wieder zu dem Van, den sie kannte. Sein Lächeln wirkte ehrlich.

„Merle", erwiderte er mit sanfter Stimme. „Du bist zurückgekommen."

Das Katzenmädchen konnte nicht anders. Sie warf sich dem König von Farnelia in die Arme und hielt ihn fest. Dieser tat dasselbe, allerdings war er sehr viel sanfter, als hätte er Angst, seine alte Freundin zu zerbrechen.

„Endlich... bist du wieder da", murmelte der junge König. „Wenigstens... du."

„Van, es tut mir Leid, dass ich so lange nicht hier war", entschuldigte sich Merle, während sie seinem Herzschlag lauschte. „Wenn ich gewusst hätte..."

„Du musst dich für nichts entschuldigen, Merle", entgegnete Van. „Schließlich bist du zum ersten Mal zu deinem Volk gekommen. Ist Llorin wohlauf?"

„Ja", antwortete sie stolz. „Er ist jetzt mein Mann, Van. Wir haben geheiratet."

„Geheiratet?" Er schob sie auf Armlänge von sich fort und sah sie ebenso ungläubig an wie Allen zuvor. Dann verwandelte sich sein Ausdruck in ein trauriges Lächeln. Seine Hand strich zärtlich über ihre Wange. „Du hast also endlich dein Glück gefunden, Merle. Ich gratuliere dir. Ist er ein guter Mann?"

„Er ist der einzige für mich, Van, und das weißt du." Einen Moment lang genoss sie noch die Berührung seiner Hand, dann fasste sie sie mit beiden Händen und hielt sie vor sich hin. „Van... geht es dir gut? Und wieso ist hier niemand im Palast? Alles hier wirkt irgendwie... tot. Selbst..." Sie schluckte. „Selbst du."

Er kicherte leise. Merle lief ein eisiger Schauer über den Rücken. Dieses Kichern kam nicht aus dem Herzen. Es war nahe am dunklen Humor eines Wahnsinnigen... zu nahe.

„Tot?", fragte er belustigt. „So hat mich noch keiner bezeichnet. Ach, das habe ich vermisst, Merle. Deine schonungslose Ehrlichkeit." Dann wurde sein Gesicht wieder ernst und seine dunklen Augen fixierten sie. „Ich habe die Leute weggeschickt, Merle", teilte er ihr mit. „Sie dürfen ein paar Mal am Tag kommen, um hier sauberzumachen oder das Essen vorzubereiten oder etwas zu erbitten. Aber ich halte ihre Gesellschaft hier einfach nicht mehr aus." Er griff sich an den Kopf. „Ich... ich ertrage es einfach nicht, ihre mitleidigen Blicke zu sehen, Merle. Verstehst du?"

„Van." All ihr Liebe und ihre Sorge schwangen in diesem Wort mit, als sie seinen Kopf mit beiden Händen nahm und ihre Stirn an die seine presste. „Wenn ich gewusst hätte, wie sehr du leidest, dann wäre ich viel früher hergekommen." Sie machte eine kurze Pause, weil sie wusste, dass ihre nächste Frage ihn verletzen würde. „Du hast nichts von Hitomi gehört, nicht wahr?"

„Nein." Das Wort war mehr ein Schluchzen als alles andere. „Und ich habe nicht gewagt, mit ihr zu sprechen, weil ich Angst habe, sie endgültig zu verlieren." Er schluckte heftig. „Aber... ich halte es nicht länger aus, Merle, verstehst du? Letztes... letztes Mal hatte ich wenigstens die Gewissheit, dass sie irgendwann zurückkommen würde. Aber jetzt... ist das nicht sicher. Und es ist meine Schuld!"

Den letzten Satz hatte er geschrieen. Merle spürte, wie seine Hände sich zu Fäusten ballten und zitterten. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. So hatte sie ihren Freund... ihre Bruder noch nie erlebt. Er schien so... verletzlich. Als würde ein kleiner Stoß genügen, um ihn völlig in den Wahnsinn abgleiten zu lassen. Sie hatte Angst.

„Aber genug davon", erklärte er plötzlich entschieden und schob sie wieder auf Armlänge von sich weg, beide Hände auf ihren Schultern. Sein fröhliches Grinsen gefiel ihr ganz und gar nicht. „Du hast Recht, etwas muss sich ändern. Ich kann nicht herinnen sitzen, bis ich zu Staub zerfalle. Es wird Zeit, dass diese Sache ein Ende findet."

Als er plötzlich grinste, blitzten seine Augen auf. So wie früher in ihrer Kindheit, wenn er etwas vorgehabt hatte. Etwas Verrücktes. „Sag mal, Merle", wandte er sich wieder an sie. „Wolltest du nur mich besuchen? Oder möchtest du Serena und Allen auch wiedersehen?"

„Allen habe ich schon getroffen", antwortete sie. Diese plötzliche Stimmungsschwankung beunruhigte sie. Normalerweise war Van sehr beherrscht. „Und... Serena würde ich gerne sehen. Aber wenn ich bei dir bleiben soll..."

„Kommt nicht in Frage", entschied er. „Dein Besuch hat mir bereits sehr geholfen, Merle. Du hast mir gezeigt, dass ich nicht länger hier herumhängen und warten darf. Meine Entscheidung steht fest." Er zwinkerte ihr zu. „Heute wird alles ein Ende finden. Aber nun komm." Er legte ihr den Arm auf die Schulter und ging auf die Tür zu. „Besuchen wir Serena. Schließlich sollst du ja etwas von deinem Besuch haben."

Merle ging zögernd mit ihm mit. Van benahm sich sehr seltsam. Normalerweise war er nicht so offen fröhlich. Wenn er glücklich war, dann erkannte man das vor allem an seiner entspannten Haltung, aber so schwatzhaft war er sonst nicht. Sie hoffte... nein, sie betete, dass sie ihn nicht auf dumme Gedanken gebracht hatte. Sie nahm sich vor, gut auf ihren liebsten Freund aufzupassen. Erst viel später fiel ihr ein, was er mit „beenden" gemeint haben konnte. Aber es war bereits zu spät.

„Van ist verschwunden!"

Sie sah Merles Gesicht so klar vor sich, als stünde das Katzenmädchen direkt neben ihr. Das Gesicht ihrer Freundin war in Tränen der Verzweiflung aufgelöst, während sie Allen am Hemd gepackt hielt und den größeren Mann schüttelte.

„Er ist nicht mehr im Thronsaal! Er wollte nur, dass ich hier mit dir und Serena beschäftigt bin, damit ihn keiner vermisst."

„Merle, was redest du da?" Allen bemühte sich sichtlich, die Fassung zu wahren, aber auch er schien zu ahnen, worauf das Katzenmädchen anspielte. „Was soll schon mit ihm sein? Wahrscheinlich wandert er nur im Palast herum. Das macht er öfter in letzter..."

„Nein, tut er nicht!", schrie Merle völlig außer sich. „Verstehst du nicht? Vorhin hat er etwas vor sich hingemurmelt... dass er nicht mehr länger warten will und die Sache endgültig abschließen will!"

„Merle, so beruhige dich doch", versuchte Serena ihre Freundin zu beruhigen. Allens Schwester hatte sich sehr gefreut, das Katzenmädchen endlich wiederzusehen. Sie verstand nicht, wieso Merle jetzt plötzlich ausgerastet war, nachdem sie bemerkt hatte, dass Van ungesehen verschwunden war. „Was meinst du denn damit?"

Merles Kopf flog herum. „Jetzt denkt doch mal nach!", rief sie. „Es beenden! Damit meint er seine Sehnsucht nach Hitomi! Er will sich umbringen, versteht ihr? Van will sich umbringen!"

„Nein!"

Hitomi setzte sich abrupt im Bett auf und atmete gehetzt ein und aus. Nein, das konnte nicht sein! So etwas Dummes würde Van nicht tun... oder?

Instinktiv griff sie nach ihrem Anhänger, dann fiel ihr jedoch ein, dass sie ihn nach ihrem Gespräch bei ihrer Mutter zurückgelassen hatte. Sie hatte ihre Mutter gebeten, auf ihn acht zu geben, bis sie sich entschieden hatte, ob sie nach Gaia zurückkehrte. Dann konnte sie sich noch von ihr verabschieden, hatte sie gemeint. Jetzt verfluchte sie sich dafür.

Hastig sprang sie aus dem Bett und suchte im Dunkel ihre Kleider zusammen. Sie vergeudete keine Zeit damit, logisch nachzudenken, denn die Vision war viel zu real gewesen, als dass sie sie hätte ignorieren können. Sie musste sofort nach Gaia zurück, zum Teufel mit ihrer Angst! Wenn Van sich wirklich umbrachte, dann hatte sie keine Gelegenheit mehr, herauszufinden, ob sie noch eine Chance hatten oder nicht.

Es dauerte keine zwei Minuten, bis die Haustür hinter ihr zufiel und sie in ihrem Wagen saß. Sie betete, dass sie noch genug Benzin im Tank hatte, um die Strecke bis zu ihrem Elternhaus zu schaffen, doch ein Blick auf die Anzeige beruhigte sie. Es würde reichen. Sie startete und fuhr los. Mit einem letzten Rest von Logik ermahnte sie sich, nicht schneller zu fahren als erlaubt. Wenn sie jetzt angehalten wurde, dann war das schlimmer, als wenn sie einige Sekunden wegen langsamerer Geschwindigkeit verlor.

Dennoch schien sich die Zeit ins Endlose zu erstrecken, während sie durch die Stadt fuhr. Wirre Gedanken schwirrten ihr im Kopf umher, doch sie versuchte, sich auf den Verkehr zu konzentrieren. Sie durfte sich jetzt keinen Fehler mehr erlauben, sonst konnte sie jede Hoffnung begraben. Nervös nagte sie an ihrer Unterlippe, als sie vor einer roten Ampel bremsen musste. In diesem Augenblick wünschte sie alle Verkehrszeichen in die nächste Dimension... leider half es nicht sehr. Sie hatte das Gefühl, dass eine Ewigkeit vergangen war, als ihr Wagen endlich vor dem Haus ihrer Mutter anhielt.

Sie stieg aus und knallte die Wagentür zu, ohne sie abzuschließen. Sie hatte ohnehin nicht vor, den Wagen noch einmal zu benutzen. Sich die Bluse zuknöpfend, die sie rasch übergeworfen hatte, rannte sie zur Eingangstür. Bei ihrer Mutter würden wahrscheinlich die Alarmglocken schrillen, sobald sie Hitomi sah, so wie sie angezogen war. Aber sie hatte jetzt wahrhaftig keine Zeit, sich herauszuputzen. Auch der leichte Regen, der nun einsetzte, tat ihrem Erscheinungsbild sicher nicht gut, aber das war jetzt Nebensache. Hastig presste sie den Finger auf den Klingelknopf, als sie plötzlich hinter sich ein Rascheln von Blättern hörte.

„Hitomi."

Ihr Finger erstarrte auf der Klingel. Ihre Mutter dachte drinnen vermutlich, dass sich ein paar Rabauken einen Scherz damit erlaubten, doch dieser Gedanke kam nicht bei ihr an. Nichts kam bei ihr an, bis auf einen Satz. Das... war... doch... nicht...

Sie fuhr so schnell herum, dass sie beinahe das Gleichgewicht verloren hätte. Ihr Gesicht war kreidebleich und ihre Augen weiteten sich schier entsetzt, als sie sah, wer da hinter ihr aus den Büschen getreten war und offenbar auf sie gewartet hatte. Ihr Atem stockte und ihre Fäuste ballten sich instinktiv.

Van sah nicht gut aus. Sein Gesicht wirkte eingefallen und fast so blass wie ihres. Sein Haar war offenbar seit einiger Zeit nicht geschnitten worden und der Bart nur notdürftig, als wäre seine Hand zu nervös dazu gewesen, ihre Sache richtig zu machen. Die Kleider, die er anhatte, durchtränkte der Regen, der allmählich stärker wurde. Seine Miene war nicht freudig, sondern traurig, beinahe teilnahmslos. In seinen Augen war nichts weiter als qualvolle Sehnsucht zu lesen.

„Ich hätte nie gedacht, dass unser Wiedersehen hier stattfinden würde, Hitomi", fuhr er fort. Auch aus seiner Stimme war Trauer herauszuhören. Allerdings trug sie auch einen Teil der alten Entschlossenheit in sich. „Aber es musste sein. Es kann nicht so weitergehen."

„Van", stieß Hitomi schließlich hervor. Ihre Erstarrung löste sich und sie machte zögernd einen Schritt auf ihn zu. Weiter wagte sie sich allerdings nicht vor, dafür war der Schreck noch zu groß. „Aber... wie...?"

Wortlos langte Van in seine Tasche und förderte ein zu einer Knospe geformtes rosa Juwel zutage. Das Drachenherz! Er musste es aus Escaflownes Energiestein entfernt haben und damit auf die Erde gereist sein!

„Du... bist hier?", stellte Hitomi fest. Ihr war klar, dass das nicht besonders klug klang, da er schon vor ihr stand, aber momentan war das etwas viel für sie. „Aber wieso? Ich dachte..."

„Ich bin hier, weil ich eine Antwort brauche, Hitomi", teilte Van ihr mit. Sein Blick wurde forschend. „Ich denke, wir beide brauchen sie."

Hitomi riss sich zusammen. „Ich... wollte gerade zu dir", gestand sie. Ihre Stimme wurde leiser. „Ich dachte, du würdest... Selbstmord begehen."

Er schwieg einen Augenblick. „Manchmal habe ich mit dem Gedanken gespielt", erwiderte er ebenso leise. „Es hat mir Angst gemacht, weißt du? Früher wäre mir niemals auch nur der Gedanke daran gekommen, aber seit du mich verlassen hast..." Er zuckte mit den Schultern und holte zitternd Luft. „Wir beide haben uns sehr verändert, nicht?"

„Ja", antwortete sie unsicher. Was wollte Van nur hier? „Aber wieso bist du hier, Van? Ich habe Merle im Traum gesehen. Sie sagte, du wolltest etwas beenden." Furchtsam weiteten sich ihre Augen. „Willst du mir sagen, dass ich nicht mehr zurückkommen soll?"

Diesmal wirkte sein Lächeln ehrlich, auch wenn es nur kurz währte. „So könnte man es interpretieren, nicht wahr?", fragte er amüsiert. Dann wurde er ernst. „Nein, Hitomi. Ich bin hergekommen, um dir eine Frage zu stellen... und ich bitte dich, antworte ehrlich. Viel hängt von dieser Antwort ab."

Dann fiel der Herrscher von Farnelia vor Hitomi auf die Knie. Der Regen durchnässte ihn und er bot wahrhaftig ein Bild des Jammers... aber in seiner Haltung lag so viel Ernst, dass Hitomi unwillkürlich den Atem anhielt und die Hände vor den Mund legte.

„Ich habe dir diese Frage schon einmal gestellt, Hitomi", begann er, seinen Blick auf ihr Gesicht gerichtet. „Damals glaubte ich, es wäre der glücklichste Moment meines Lebens... aber ich habe mich geirrt. Seither ist ein halbes Jahr vergangen. Die ganze Zeit habe ich mir eingeredet, dass ich dir Zeit lassen muss, weil es meine Schuld war, dass es so gekommen ist. Ich habe mich bemüht, so lange ich konnte. Aber es geht nicht mehr."

Van stützte sich vorn mit den Händen ab und senkte den Kopf. Seine Stimme zitterte. „Ich war immer unabhängig, Hitomi. Immer stark. Zeit meines Lebens habe ich dafür gesorgt, dass ich niemanden brauchte als mich selbst. Ich dachte, nur so könnte ich mein Königreich regieren. Aber ich habe mich geirrt." Er holte tief Luft. „Denn ich weiß, dass ich ohne dich nicht mehr leben kann, Hitomi Kanzaki!"

Die Tropfen, die aus Hitomis Augen rannen, waren kein Regen. Alles in ihr schrie danach, zu Van hinzulaufen und ihn zu trösten, aber sie war wie gelähmt. Denn sie spürte, dass er noch nicht alles gesagt hatte. Und so war es.

„Ich habe meine Entscheidung getroffen. Es war die schwerste meines Lebens." Er sah wieder auf. Auch aus seinen Augen rannen Tränen. „Ich habe alles zurückgelassen, Hitomi. Meine Freunde... Farnelia... Gaia. Denn ich habe festgestellt, dass nicht einmal meine Heimatwelt mir so viel bedeutet wie du, meine Liebste." Seine Stimme wurde lauter. „Auch wenn ich nicht weiß, was mich hier erwartet, frage ich dich noch einmal, Hitomi Kanzaki: Willst du mich heiraten?"

Hitomis Kehle war wie zugeschnürt. Sie schloss die Augen und schluckte mühsam. Dieser Narr! Dieser dumme, verantwortungslose, liebenswerte Narr! Er hatte wahrlich alles zurückgelassen, an dem sein Herz hing. Merle, Allen und die anderen, die seit dem Großen Krieg wie eine Familie für ihn gewesen waren... Farnelia, die Stadt, die er im Schweiße seines Angesichts wieder aufgebaut hatte... und alles, was er je gekannt hatte. Er hatte sich freiwillig auf eine unbekannte Welt begeben, für immer, hatte alles aufgegeben... und das nur für sie. Sie konnte die Tränenflut nicht stoppen, selbst wenn sie es gewollt hätte.

„Van", schluchzte sie, aber es gelang ihr nicht, noch mehr zu sagen. „Ich..."

Als sie in sein Gesicht sah, auf dem Hoffnung und immer mehr Zweifel miteinander rangen, erkannte sie es endlich. Wieso nicht früher? Er war seinen Gefühlen ebenso hilflos ausgeliefert wie sie. Wieso hatte sie nicht erkannt, dass auch er wahrhaft alles tun würde, um bei ihr zu sein? Nun teilten sie alles... ihre Liebe... ihre Seelen... ihren Willen, für den anderen barfuss durch die Hölle zu marschieren. Als sie merkte, dass sich sein Gesicht wegen ihres Schweigens verfinsterte, brach der Bann.

„Ja!", schrie sie so laut sie konnte und warf sich nach vorne. Der vollkommen überraschte Junge fiel nach hinten, als Hitomi ihn so stürmisch umarmte, dass ein Pferd gestürzt wäre. Sie hielt ihr Gesicht an seine Brust gepresst und heulte hemmungslos. „Ja, ich will deine Frau werden, Van! Ich möchte... für immer... bei dir sein... du verrückter Kerl!"

Sie fühlte, wie kräftige Arme sie umschlagen und so fest drückten, als wollten sie sie nie wieder loslassen. Sie mussten wirklich ein Bild für Götter abgeben! Im Dreck aufeinander liegend, beide weinend, aber so glücklich wie niemand sonst auf der Welt. Es dauerte lange, bis sie sich beide soweit beruhigt hatten, dass sie aufstehen konnten. Da erst bemerkte Hitomi, dass jemand sie die ganze Zeit beobachtet hatte.

„Wie schön, dass ich deinen Freund endlich kennen lerne, Hitomi", bemerkte ihre Mutter und wischte sich verstohlen Tränen der Rührung aus den Augen. „Aber hättet ihr nicht drinnen übereinander herfallen können? Jetzt wird es in der Nachbarschaft von Gerüchten nur so wimmeln!" Als sie die verdutzten Gesichter der beiden sah, lachte sie hell auf. „Ich mache doch nur Spaß." Sie machte ein paar Schritte, bis sie vor den beiden Liebenden stand und sah Van ernst an. „Ich weiß nicht viel über sie, Van... nur das, was Hitomi mir erzählt hat. Ich kann nur hoffen, dass Sie meine Tochter glücklich machen können. Denn ich will nie wieder erleben, dass Hitomi bei mir wegen Ihnen Trost sucht!"

Van wand sich einen Augenblick lang. Er schien nicht zu wissen, was er sagen sollte. Dann legte er einen Arm um Hitomi und zog sie an sich heran. „Ich werde nicht zulassen, dass Hitomi wegen mir noch einmal trauert", antwortete er ernst. „Alles, was ich möchte, ist, bei ihr zu sein und ihr alles Glück der Welt schenken zu dürfen. So lange ich lebe, soll Eurer Tochter nichts Böses mehr widerfahren, das verspreche ich Euch!"

Hitomis Mutter lächelte spitzbübisch. „Hoffentlich übernimmst du dich damit nicht, junger Mann", neckte sie ihn. „Gib ihr einfach das, was sie verdient... deine Zuneigung. Das ist ihr genug, glaub mir." Dann wandte sie sich an Hitomi. „Komm her, mein Kleines", sagte sie und zog ihre Tochter fest an sich. „Du weißt nicht, wie sehr ich mich für dich freue!"

„Mutter", antwortete Hitomi, die nicht wusste, ob sie weinen oder lachen sollte. „Ich... ich habe keine Ahnung, was ich sagen soll..."

„Das ist ganz normal für eine frischgebackene Braut, glaub mir", versprach ihre Mutter. Hitomi glaubte zu wissen, dass nicht die ganze Nässe auf ihrem Rücken vom Regen herrührte. „Ich hoffe, dass du mich dann und wann mal besuchen kommst. Und dass du mich zu deiner Hochzeit einlädst. Schließlich möchte ich dich wenigstens einmal als Königin bewundern können."

„Königin?", wiederholte Hitomi und blinzelte. „Was...?"

„Nun, gibt es jetzt vielleicht noch etwas, was dich hier hält?", fragte ihre Mutter etwas traurig. „Sieh es ein, Hitomi: Gaia ist deine wahre Heimat geworden. Und die deines Mannes. Wenn ihr irgendwo glücklich werden könnt, dann dort." Sie schniefte. „Ich werde dich schrecklich vermissen, mein Kind."

„Ich dich auch, Mama", erwiderte Hitomi voller Liebe. „Du hast Recht. Wir werden dich oft besuchen, glaub mir. Es kann auf Gaia niemals so schön sein, als dass ich dich vergessen könnte... und Amano und Yukari auch." Sie löste sich von ihrer Mutter. „Ich hole mir nur rasch etwas Frisches zum Anziehen und dann..."

„Oh nein", erwiderte ihre Mutter bestimmt und drückte ihr etwas in die Hand. „Das kannst du alles später erledigen! Jetzt müsst ihr erst mal zurück, um eure Freunde zu beruhigen!"

„Ja, du hast Recht, Mutter", gestand Hitomi ein. Dann sah sie erst, was diese ihr in die Hand gedrückt hatte: ihren Anhänger. Aber er vibrierte so seltsam... als würde er von etwas angezogen. Und tatsächlich, als Hitomi ihn losließ, schlüpfte er wie magnetisch angezogen in Vans Tasche. Das Licht, das in der nächsten Sekunde aufblitzte, war so hell, dass sie die Augen schließen mussten, trotz des dicken Stoffs. Jedoch war es ebenso schnell, wie es aufgetaucht war, wieder verschwunden.

„Was war das?", fragte Hitomi verwundert. „So hat er noch nie reagiert."

Van griff vorsichtig in die Tasche und förderte zutage, was sich darin befand: Das Drachenherz, in dessen Mitte nun ein Juwel gleicher Farbe an einer goldenen Kette ruhte.

„Offenbar wurden wir soeben von einer höheren Macht verlobt, Hitomi", bemerkte er lächelnd. Mit einem Male wirkte er wieder so jung wie früher. Was ein Lächeln nicht alles bewirken konnte. „Ich glaube, deine Mutter hat Recht. Wir müssen nach Farnelia, um Merle und die anderen zu beruhigen, bevor sie den Palast auf der Suche nach mir zerlegen."

Damit hielt er das verschmolzene Kleinod in die Höhe. Sanftes rosa Licht ging davon auf und sandte einen Strahl in den Himmel. Eine Sekunde später formte sich oben ein gleißend heller Strahl weißschimmernder Energie, die neben ihnen einschlug. Der Teleportstrahl zerstörte jedoch nichts, sondern ließ etwas Großes auf die Erde herabgleiten. Etwas sehr Großes.

„Was um alles in der Welt ist das?", fragte Hitomis Mutter mit großen Augen.

„Escaflowne", erklärte Hitomi, die selbst verblüfft war. „Das ist der Drachenroboter, von dem ich dir erzählt habe, Mutter."

Mit einem lauten Krachen kam der Guymelef auf der Erde auf. Einige Fenster wurden aufgerissen und vereinzelte Schreie wurden laut. Hitomis Mutter sah sich um.

„Schnell, ihr müsst jetzt gehen!", drängte sie die beiden. „Es wird auch so schwierig genug, das alles zu erklären."

Hitomi umarmte sie noch einmal und küsste sie auf die Wange. „Auf Wiedersehen, Mutter... und danke für alles."

„Schon gut, schon gut", brummte diese und klopfte ihrer Tochter noch ein paar Mal auf den Rücken. „Es ist ja kein Abschied für immer. Geh jetzt. Und du", wandte sie sich an Van, „vergiss nicht, was du mir versprochen hast!"

„Keine Sorge!", erwiderte dieser ernst, ergriff Hitomis Hand und ging auf Escaflowne zu. Der Guymelef war zum Glück liegend gelandet, sonst wäre das Hochklettern etwas mühsam gewesen. Der Glanz, den der Energist ausstrahlte, als Van das Drachenherz noch einmal mit dem Kampfroboter verband, strahlte etwas anders als sonst, aber wie, das konnte Hitomi nicht sagen. Er wirkte... sonderbar friedlich, anders konnte man es kaum beschreiben.

„Vorsicht, es geht los", rief Van und zog an einigen Hebeln. Escaflowne wandelte sich in seine Drachengestalt und hob langsam wieder im Energiestrahl ab. Hitomi klammerte sich an ihm fest, zum ersten Mal seit vielen Wochen ein wirklich glückliches Lächeln aufgesetzt. Ihre Mutter sah den beiden nach, bis der Energiestrahl am Himmel verschwand. Das letzte, was sie von ihrer Tochter zu sehen glaubte, war, wie diese den Kopf ihres Liebsten zurückdrehte und ihn küsste. Sie seufzte und ging ins Haus zurück. Oh ja, das alles würde schwer zu erklären sein. Aber das Glück dieser beiden war es wert gewesen. Noch einmal sah sie zu den Sternen auf.

„Hoffentlich findet ihr dieses Mal euer Glück, Van und Hitomi."

ENDE

Nachwort: Endlich! Es ist vollbracht! Ich bin tatsächlich fertig *freu*. Wie hat euch dieses Ende gefallen? War's nach eurem Geschmack? Ich bin weiterhin dankbar für eure Kritiken, also sagt mir ruhig, was ihr von der Geschichte haltet, egal ob Review oder E-mail (g.girlinger@aon.at).

P.S.: Tut mir Leid, dass ich euch nach dem 18. Kapitel so einen Schrecken eingejagt habe. Ich hoffe, das ist jetzt korrigiert. Dies ist jetzt aber das ENDGÜLTIGE ENDE!