Kapitel 20: Zurück aus der Wüste - Epilog

Der Mensch bringt die Wüste zum Blühen. Die einzige Wüste, die ihm noch Widerstand leistet, befindet sich in seinem Kopf. - Ephraim Kishon

Eine ungewohnte, aber angenehme Wärme war die erste Empfindung, die an Sherlocks Bewusstsein klopfte und ihn aus einem traumlosen Schlaf erwachen ließ. Der Detektiv blinzelte ein paar Mal und drehte seinen Kopf vorsichtig in Richtung des Ursprungs der Wärme. John schlief neben ihm, sein Arm lag locker über Sherlocks nacktem Oberkörper.

Der Detektiv schaute auf die Uhr auf seinem Nachttisch – noch zu früh für den Tatort. Sherlock runzelte die Stirn. Normalerweise war er vor einem Fall ruhelos und ständig in Bewegung. Der Drang das Rätsel zu lösen und der Lösung entgegen zu sprinten war unaufhaltsam. So etwas wie Schlaf war eigentlich nicht existent während eines Falles.

Aber er konnte nicht aufstehen.

Auch wenn Johns Arm über ihm lag, hielt er ihn trotzdem nicht so fest, dass Sherlock nicht hätte aufstehen können, wenn er denn gewollt hätte. Sherlocks Augen wurden größer. Wollte er überhaupt aufstehen?

Das Verlangen in Bewegung zu sein, die Neugierde auf den Fall war definitiv da, allerdings wurde sie von einem anderem Bedürfnis überschattet, das Sherlock nur schwer einordnen konnte. Dieses Bedürfnis wollte eindeutig im Bett bleiben, möglichst nah an John und die Wärme, die sein Körper ausstrahlte genießen.

Sherlock hatte niemals gedacht, dass er jemals so etwas für einen anderen Menschen fühlen würde. Das jemand ihm wichtiger als seine Arbeit sein würde. Seitdem er John kennengelernt hatte, war er in allen Dingen Sherlocks Ausnahme der Regel geworden.

Sherlocks Beziehung John gegenüber war schon von Anfang an widersprüchlich zu seinem sonst eher misanthropischen und soziopathischen Verhalten. Zum Beispiel interessierten ihn Menschen normalerweise überhaupt nicht, außer es war für einen Fall und selbst dann interessierten ihn nur die notwendigsten Informationen. Aber als er zum ersten Mal herausgefunden hatte, dass John einen mittleren Namen hatte, der mit dem Buchstaben 'H' anfing, hatte er nicht aufhören können, heraus zu finden, wie der Name lautete. Obwohl diese Information vollkommen irrelevant für sein Leben war und nach einer objektive Einschätzung es sicherlich nicht Wert gewesen wäre, in seinen Gedankenpalast abgespeichert zu werden.

Doch sein Gedankenpalast hatte sich ohne sein bewusstes zu Tun verändert. Er hatte eigene Räume für John angelegt und ein Treppenhaus, welches dem vom Tatorts ihres ersten Falls zusammen, glich. Der Tag, an dem Sherlock zum ersten Mal die Worte gehört hatte, die sein Fundament erschüttert hatten.

. That was amazing. Extraordinary, quite extraordinary ...

Johns Lobeshymne auf Sherlocks Fähigkeiten kamen unerwartet für den Detektiv. Als er John damals erzählt hatte, dass das nicht das war, was Leute normalerweise zu ihm sagten und er John mit seiner Antwort der üblichen Reaktion auf Sherlocks Kombinationsfertigkeiten zum Lachen gebracht hatte, hatte er versucht, seine Überraschung herunterzuspielen.

Von diesem Zeitpunkt aus fand sich Sherlock immer wieder in Situationen, in denen sein einziges Ziel war, etwas für John zu tun. Und Johns Reaktionen waren es immer Wert. Das ungläubige, freie Lachen auf seinem Gesicht, als er ihn von seinem psychosomatischen Humpeln geheilt hatte, oder als er den Aschenbecher aus dem Buckingham Palace geklaut hatte, nur um John zum Lachen zu bringen.

Sherlock war egal was andere Menschen von ihm hielten. Aber es war ihm nicht egal, was John über ihn dachte. Seine Meinung war die einzige, die etwas zählte.

John war widersprüchlich. Er war in vielerlei Hinsicht ein ganz gewöhnlicher Mann, und dann tat er so etwas Außergewöhnliches, wie Sherlock bei ihrem ersten Fall das Leben zu retten. Oder allem „Anstand" zum Trotz mit ihm an einem Tatort über Albernheiten zu kichern. Sherlock erinnerte sich daran, wie John ein paar Tage später frustriert nach Hause kam, weil er sich verbal mit einem PIN-Eingabegerät angelegt hatte und wie wundervoll er später Mycroft die Stirn bot, wo jeder normale Mensch zu viel Angst vor seinem Bruder gehabt hatte. Und schließlich erinnerte sich Sherlock daran, wie John in der Semtex Weste Moriarty in den Rücken fiel, um Sherlock eine Fluchtmöglichkeit zu geben.

Als ob Sherlock John jemals zurücklassen würde...

Und doch hatte er es getan, als er sich entschlossen hatte vom Dach zu springen.

Sherlock atmete tief ein und drehte sich vorsichtig zu John, um ihn anzublicken. John hatte mittlerweile ein paar mehr graue Haarsträhnen in seinem sand-blonden Haaren.

Sherlock strich vorsichtig durch Johns Haare, die in alle Richtungen abstanden und ihn ein bisschen wie einen Igel aussehen ließen. John seufzte kurz, wachte aber nicht auf, sondern drückte sein Gesicht nur dichter gegen Sherlocks Schulter, als wollte er sich vor der Außenwelt verstecken.

So eine kleine, eigentlich unbedeutende Bewegung, die Sherlock lächeln ließ. Ein echtes Lächeln, das er in seinem ganzen Körper fühlte und ihn freier atmen ließ. So musste sich Glück anfühlen.

Wenn Sherlock auf sein früheres Leben zurück schaute – vor allem auf seine Kindheit, so war Glück nichts, was er vorher kennengelernt hatte. Der Detektiv hatte das Gefühl, in einer emotionalen Wüste gelebt zu haben, aus der John ihn wie eine Oase einen Verdurstenden gerettet hatte. Sein Blogger hatte ihm nicht nur sein Leben gerettet, sondern ihn auch vor Einsamkeit bewahrt und ihm etwas geschenkt, von dem er niemals erwartet hatte, es jemals verdient zu haben. Liebe, Freundschaft, Glück.

Sherlock verzog seine Lippen kurz zu einem schiefen Grinsen bei diesem kitschigen Gedanken. Es wurde wirklich Zeit, aus dem Bett zu kommen, bevor er seine „Soziopathen-Karte" vollkommen abgeben musste.

John zog Sherlock näher an sich.

Was schadeten schon noch fünf Minuten länger im Bett?

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John Watson's Blog 26. September

Es war eine lange Reise. Doch jetzt bin ich endlich zu Hause.

John spürte, dass er die Wüste nun endgültig verlassen hatte. Nicht die Wüste in Afghanistan. Sondern die seines Herzens. Es hatte lange gedauert. Doch endlich war das Gefühl der Leere aus ihm gewichen. Freude und Glück hatten sich wieder in ihm ausgebreitet und die Angst, die er so lange hinter sich hergeschleppt hatte, hatte er endlich loslassen können.

Sherlock hatte wieder angefangen zu komponieren und spielte konzentriert auf seiner Geige, während John vor seinem Laptop saß und beobachtete, wie die Sonnenstrahlen Sherlock türkisfarbene Augen noch heller leuchten ließen. Mit jeder Note der Geige verteilte das Glück seine leuchtende Wärme wohltuend in Johns Körper und hinterließen ein Gefühl der Vorfreude in ihm. Eine Vorfreude den Rest seines Lebens mit diesem außergewöhnlichen Mann zu verbringen, der ihn aus der Wüste gerettet hatte und sein Leben wieder zum blühen gebracht hatte.

John schüttelte grinsend den Kopf und löschte den letzten Blog Eintrag wieder. Dann schrieb er:

Wir sind zurück aus der Wüste.

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Ich kann es kaum glauben, dass die Story jetzt zu Ende ist! Vielen Dank an alle, die mich und diese Geschichte so lange begleitet haben. Eure Kommentare haben mir sehr geholfen, die Motivation aufzubauen weiter zu schreiben. Auch möchte ich meinen beiden Beta-Lesern danken, die sich die Mühe gemacht haben, meine Kapitel zu überarbeiten und vor allem mit Kommas zu versehen.

Noch ein kleiner Hinweis: Ich arbeite gerade an der Übersetzung ins Englische für „Back in the desert". Wer die Story später noch mal auf Englisch lesen möchte, findet Updates auf meiner Webseite: oder auf meinem Ao3 Profil (Link ist auch auf der Webseite). Hier findet ihr auch weitere englische Sherlock Storys von mir.