Kapitel 1: Das Fotoalbum

„Warum musst du ihr unbedingt helfen?", grummelte Sherlock. „Du wirst das ganze Wochenende weg sein."

John seufzte. „Weil sie meine Schwester ist. Dass sie ihren Keller entrümpeln will, ist ein gutes Zeichen für einen Neuanfang. Natürlich werde ich ihr dabei helfen."

„Aber kann sie nicht einfach ein paar Leute bestellen und alles entrümpeln lassen? Warum musst du unbedingt mitgehen?" Sherlock schaute missbilligend auf Johns halb gepackten Koffer.

„Weil es für sie nicht einfach sein wird, und ich will für sie da sein. Was ist dein Problem?"

„Was ist, wenn Lestrade anruft mit einem Fall?"

„Dann hast du was zu tun während ich weg bin." Frustriert zog John seine Augenbrauen hoch und blickte Sherlock groß an.

„Aber was ist, wenn er nicht anruft? Ich werde mich langweilen. Wer spielt dann Cluedo mit mir?"

„Ich spiele kein Cluedo mehr mit dir! Auch nicht, wenn ich da wäre."

Frustriert drehte sich Sherlock einmal im Kreis und seufzte tief. „Wenn ich wieder in die Wand schieße, bist du Schuld."

John ignorierte ihn und packte unberührt weiter seinen Koffer.

„Aha. Du willst also die Zeit bei deiner Schwester auch dazu nutzen, um ihn Pubs Frauen anzusprechen."

John verzog sein Gesicht und schaute ihn irritiert an. „Was?"

„Dieses Hemd zusammen mit dem Calvin Klein Fläschchen, was du eben eingepackt hast. Das trägst du immer, wenn du in einen Pub gehst. Du könntest eine Menge Zeit sparen, wenn du deiner Schwester nur kurz hilfst und dann wieder kommst. Du kannst auch hier in den Pub gehen. Wozu willst du das in Witham machen? Die Frauen sind da auch nicht anders als in London, wahrscheinlich eher noch langweiliger."

John rollte mit den Augen. „Ich bin am Sonntag Abend wieder hier, Sherlock. Versuch bitte unsere Wohnung in der Zeit nicht abzufackeln."

Sherlock warf sich trotzig aufs Sofa und überlegte sich dann noch eine weitere Strategie. Er schaute John mit den traurigsten Augen an, die er zustande brachte und schürzte die Lippen zu einem Schmollmund.

„John?"

Der Ex-Militärarzt schaute zu Sherlock rüber und wünschte sich in diesem Moment er hätte es nicht getan.

Sherlock zog seine Augenbrauen hoch und blickte ihn fast so an wie der gestiefelte Kater aus Shrek.

„Du weißt doch, du bist mein Dirigent des Lichts..."

Sherlock wich dem Regenschirm nur knapp aus, den John nach ihm warf.

„Ich bin nur zwei Tage weg. Wenn etwas Wichtiges ist, kannst du mich auch anrufen." John nahm seinen Koffer und ging in Richtung Tür.

„Aber nur, wenn es etwas wirklich Wichtiges ist. Du weißt schon, so wichtig, dass selbst du dafür das Haus ohne Bettzeug verlässt" fügte John nach kurzem Nachdenken hinzu.

„Okay, okay. Aber nur, dass du es weißt. Wenn du wiederkommst, werde ich ein ausgeblichenes Skelett sein. Das vor Langeweile gestorben ist."

„Bis später, Sherlock!"

Seit einer halben Stunde saß John mit Harry jetzt im Keller und durchwühlte alte Kisten. Harry war überglücklich über Johns Hilfe und ihr Bruder war auch sehr erfreut, dass sie tatsächlich nicht getrunken hatte. Vielleicht würde sie es diesmal wirklich schaffen. John wünschte es sich so sehr, dass im Leben seiner Schwester in Zukunft wieder alles rund laufen würde.

„Schau mal was ich gefunden habe, John", meinte Harry auf einmal.

Sie hielt ihm ein altes verstaubtes Fotoalbum hin.

„Unser Urlaub '85 in Frankreich. Erinnerst du dich? Dad war damals noch bei uns."

John lächelte seine Schwester an. „Lass mal sehen. Ich kann mich gar nicht mehr so richtig daran erinnern."

John wischte den Staub von dem alten, in rotes Leder gebundene Album und öffnete es vorsichtig. Die Seiten knisterten leicht. John blickte auf die ersten Fotos, die alle einen leichten Gelbstich hatten. Er war erst 14 Jahre auf den Bildern, seine Schwester war ein ganzes Stück größer als er. Im Hintergrund waren Palmen und viel Strand. Auf der nächsten Seite konnte man Fotos vom Campingplatz sehen und Bilder von ihm und seiner Schwester im Zelt. Mit einem Grinsen blätterte John weiter. Er sah Bilder von seinen Eltern, die noch sehr jung aussahen und dachte daran wie unbeschwert damals noch alles gewesen war. Als er weiterblätterte viel sein Blick auf ein Bild, dass ihn ins Stocken brachte. Auf dem Foto stand er am Strand mit einem anderen Jungen und hatte seinen Arm auf dessen Schultern gelegt. Der andere Junge schien etwas jünger zu sein, war sehr dünn und hatte dunkles lockiges Haar. Seine hellblauen wachen Augen starrten ernst in die Kamera und mit einem Mal kam die Erinnerung an diesen Urlaub mit einem Schlag zu John zurück.

Der Sand fühlte sich immer noch sehr warm an unter seinen Fingern. Die Sonne hing schon tief im Meer und John überlegte, ob er sich wirklich noch trauen sollte zu dem kleinen Berg, der einige Meter vom Ufer entfernt aus dem Meer ragte, zu schwimmen. Kurzerhand stieß er sich vom Boden ab und lief zum Wasser. Ein kurzes Zögern nur, dann lief er in die Wellen. Das Wasser war angenehm kühl auf der Haut. Es dauerte nicht mehr lange und er konnte nicht mehr im Wasser stehen. Er schwamm in Richtung des Felsens. Wenn seine Eltern wussten, was er hier tat wären sie wahrscheinlich ziemlich sauer. Er hatte eigentlich versprochen, abends nicht mehr schwimmen zu gehen. Aber gefährliche Dinge hatten John schon immer fasziniert. In wenigen Zügen hatte er den steinigen Hügel im Meer erreicht. Vorsichtig kletterte er darauf und achtete sehr darauf, auf keinen der stacheligen Seeigel zu treten, die Unterwasser am Felsen klebten. Wenn die Sonne untergegangen war, konnte er unmöglich wieder von dem Felsen klettern ohne auf die kleinen Tiere zu treten. Er beschloss dann, einfach so weit wie möglich ins Wasser zu springen. John machte es sich auf der Spitze des Felsens gemütlich und schaute der Sonne zu, wie sie im Meer verschwand. Er genoss die Ruhe, vor allem weil er im Moment keine Lust auf seine Schwester hatte, die ihr Herz gerade an einem jungen Franzosen verloren hatte, wie sie behauptete. Aber John sah sie eigentlich immer nur mit diesem französischen Mädchen auf dem Campingplatz herum ziehen. Hier hatte er Ruhe von ihrem Geschnatter und konnte sich richtig entspannen. Die Sonne war mittlerweile untergegangen und die Sterne erschienen langsam am Himmel. John wusste es wurde langsam Zeit wieder aufzubrechen. Er stand auf, nahm ein bisschen Anlauf und sprang dann vom Felsen ins Meer.

Das Wasser schloss sich kühl um ihn und John schwamm in kräftigen schnellen Zügen zum Strand zurück. Als er an dem Platz mit seinen Sachen und seinem Handtuch ankam, sah er wie zwei Jungs in seinem Alter, einen jüngeren herum schubsten und ihn beschimpften.

„Ey, was soll das?", rief John ihnen zu.

Die Jungs schauten hoch und sahen John wütend an.

Was willst du? Das geht dich nichts an", meinte der eine drohend.

Der kleinere Junge riss sich von dem älteren los und ging ein paar Schritte rückwärts zu John.

Die beiden wollten deine Sachen klauen", meinte er bestimmt. Er schaute John mit hellblauen Augen ernst an. John hatte erwartet, dass der Junge verängstigt wäre. Aber im Gegenteil. Er wirkte sehr gefasst.

„Ihr verschwindet jetzt besser, bevor ich Kleinholz aus euch mache." John trat auf die Jungs zu und ballte seine Fäuste. Die beiden Unruhestifter schauten sich kurz fragend an und griffen John schließlich an. Ein schwerer Fehler, wie sie kurz danach schmerzhaft feststellen mussten. John spielte schon eine ganze Weile im Rugby Team seiner Schule, und er konnte sich sehr gut verteidigen. Er schlug dem einen Jungen, der auf sein Gesicht zielte, in den Bauch, so dass dieser stöhnend zusammen knickte. Der andere versuchte ihn zu treten. John schnappte sich sein Bein, drehte es um und schubste den anderen Jungen zu Boden.

Ich sag es nicht nochmal. Verzieht euch, bevor ich euch richtig wehtue."

Das ließen sich die beiden dann doch nicht noch mal sagen. Sie suchten fluchend das Weite.

Danke, dass du auf meine Sachen aufgepasst hast. Ich bin John." Er hielt dem bleichen, seltsamen Jungen seine Hand hin.

Dieser schaute ein paar Sekunden verwirrt auf die Hand und schüttelte sie dann kurz.

Mein Name ist Sherlock."