Kapitel 8: Once upon a time

Harrys Haus – Gegenwart

John keuchte und legte das Fotoalbum langsam auf seinen Schoß.

„Alles klar, John?", fragte Harry besorgt, als sie den Gesichtsausdruck ihres Bruder bemerkte.

„Ich...ähm. Ist da noch ein Metallkästchen in der Truhe, wo dieses Fotoalbum drin war?", fragte John leise.

Harry wühlte ein wenig in der Kiste herum und zog dann ein kleines Kästchen heraus, dass sie ihm reichte.

„Das hier?"

John nahm es entgegen und öffnete es langsam. Ein überraschter Laut entwischte seinen Lippen, als er das Kästchen öffnete. Mit einem Lächeln erblickte er die schöne Muschel und Steine, die Sherlock gesammelt hatte und seine Notizen über ihren ersten gemeinsamen Fall.

„Das gibt es doch nicht... Wie konnte ich das vergessen."

„Was? Was ist das, John?" Harry setzte sich neben ihren Bruder.

„Sherlock! Erinnerst du dich an unseren Urlaub? Mein Freund am Strand war Sherlock. Ich glaube es einfach nicht!", meinte John aufgeregt und zeigte seiner Schwester das Foto von ihm und Sherlock.

„Das ist ziemlich lange her. Bist du sicher? Ich kann mich gar nicht mehr an den Namen des Jungen erinnern."

John zeigte ihr die Notizen. Auf einem der Blätter hatte Sherlock ein Piratenboot gemalt mit ihm und John an Bord. Das Bild hatte er mit „Captain Sherlock" unterschrieben.

„Jetzt, wo du es sagst. Das Foto sieht ihm auch irgendwie ähnlich."

„Weil das Sherlock ist!"

„Ist das nicht der Junge, wegen dem du so traurig warst, weil er dir nicht geschrieben hat?", fragte Harry nachdenklich.

Johns Freude über den Fund wurde etwas gedämpft, und er blickte Harry mit gemischten Gefühlen an.

„Du hast recht. Ich war ziemlich traurig deswegen. Ich habe nie verstanden, warum er nie geschrieben hat. Ich dachte, ihm wäre die Freundschaft genauso wichtig gewesen wir mir."

„Du könntest ihn fragen."

John schaute seine Schwester überrascht an und überlegte kurz. „Ich weiß nicht. Wahrscheinlich hat er das alles schon aus seinem Computergehirn gelöscht. Sherlock hat nicht viel übrig für Sentimentalität."

„Eigentlich ist es auch egal, oder?", meinte Harry nach einer Weile.

„Was meinst du?"

„Ich meine, ihr seid jetzt Freunde! Du kannst es Schicksal oder Zufall nennen, aber überleg' doch mal, was alles nötig war, dass sich eure Wege wieder kreuzen – ihr habt euch wieder gefunden. Wahrscheinlich gehört ihr beide wirklich zusammen."

John lachte kurz. „Harry, Sherlock und ich sind nicht zusammen."

Harry schüttelte den Kopf. „Wirklich John, du solltest aufhören, euch beide in eine Schublade zu stecken. Akzeptiere eure Beziehung doch einfach als das, was sie ist."

„Und was ist sie?", meinte John mit vor der Brust verschränkten Armen.

Harry lachte und tätschelte ihren Bruder auf die Schulter. „Ich mach uns einen Kaffee."

John blickte ihr verwundert hinterher.

Was war Sherlock für ihn?

Sherlock.

John lächelte, als er sich an alle seine Erlebnisse mit diesem Mann erinnerte. Dem einzigen Consultant Detective, den es auf der Welt gab. Ein Genie, dass es nicht schaffte Milch zu kaufen. Der Körperteile aus dem Kühlschrank holte, anstatt etwas zu essen. Der Aschenbecher aus dem Buckingham Palast stahl, weil John seinen Impuls für diese Tat unterdrückt hatte. Der mit ihm durch die ganze Stadt rannte, um John von seinem psychosomatischen Hinken zu heilen. Sherlock – der Violine spielte, jeden durchschaute und manchmal nur mit einem Bettlaken bekleidet Kriminalfälle löste.

Sherlock – der ihn brauchte – seinen einzigen Freund. John, der ihm bedingungslos vertraute, der ihn mit seinem Leben beschützen würde und für ihn Leben nahm.

Keine Schublade war groß genug – es war unmöglich sie zu kategorisieren. Harry hatte recht. Sherlock und John gehörten zusammen.

John stand vor der Haustür 221B in der Bakerstreet. Zu Hause. Er hatte versucht Sherlock eine SMS zu schreiben, aber er hatte nicht geantwortet. Das war ungewöhnlich für ihn, denn normalerweise antwortete Sherlock immer sofort. Auch hatte John keine Nachricht von Sherlock erhalten während er weg war. Normalerweise kamen immer solche Nachrichten wie:

Bring Milch und Natriumchlorid mit. SH

John nahm an, dass Sherlock immer noch schmollte, weil er zu seiner Schwester gegangen war. Schnell ging er die Stufen zu ihrer Wohnung hoch und in ihren Wohnraum. Auf dem Sofa saß ein Skelett, welches Sherlocks verhasste Deerstalker-Mütze trug.

„Mmmhh", machte John und setzte sich neben das Skelett.

„Hallo Sherlock. Ich nehme an, du hast nicht viel gegessen, als ich weg war."

„Langeweile John. Ich bin gestorben vor Langeweile", meinte Sherlock und kam schmollend aus seinem Zimmer. Er hatte gehofft, John würde sich vor dem Skelett erschrecken.

John grinste ihn an. „Wer ist dein Freund?"

Sherlock schüttele den Kopf und stellte sich ans Fenster, um mit gleichgültigem Gesichtsausdruck Fußgänger zu beobachten, die durch die Bakerstreet schlenderten. „John, du solltest keine Fragen stellen, wenn du die Antwort nicht wissen möchtest."

John verzog sein Gesicht und stand langsam vom Sofa auf, um in die Küche zu gehen. „Möchtest du einen Tee, Captain Sherlock?"

Sherlock blickte überrascht auf. „Was?"

John grinste und legte ein kleines Metallkästchen und ein Foto auf den Küchentisch. „Das habe ich gefunden, als ich bei meiner Schwester war."

Sherlock nahm das Foto von ihm und John in die Hand. John konnte nicht sagen, was in diesem Moment in seinem Freund vorging. Sherlock wirkte wie erstarrt, dann öffnete er das Metallkästchen und betrachtete seine Notizen über den „Fünf Orangenkerne" Fall.

„Ich hab es herausgefunden. Jahre später. James Calhoun war der Kapitän der Lone Star und der Anführer einer Bande des Ku Klux Klans. Anscheinend hatte er es auf eine Todesliste abgesehen, die Elias Openshaw in seinem Besitz hatte. James Calhoun sollte wegen seiner Morde in Savannah festgenommen werden, doch die Lone Star sank im Atlantik."

Sherlock drehte das Blatt um und sah das Bild, dass er auf die Rückseite gemalt hatte. Das Schiff mit Captain Sherlock und seinem Schiffsarzt John. Er strich mit dem Finger zärtlich über die Zeichnung.

John stellte sich neben ihn und blickte ihn an. Nach einer Weile drehte sich Sherlock zu ihm um.

„Mycroft hatte den Zettel mit deiner Adresse weggeworfen. Ich habe ihm das nie verziehen."

John fühlte wie sich etwas Schweres von seiner Brust löste. Er hatte damals geglaubt, dass Sherlock ihn doch nicht als so wichtig erachtete, um mit ihm befreundet zu bleiben.

„Aber wir haben uns wiedergefunden", meinte John schließlich grinsend.

Sherlock schaute John schweigend in die Augen und begann schließlich zu kichern. John ließ sich davon anstecken und die beiden fingen an zu lachen, als gäbe es kein Morgen mehr.

Sherlock küsste John schließlich kurz auf die Wange und marschierte ins Wohnzimmer.

„Ich nehme dann doch einen Tee, mein Schiffsarzt."

„Aye, Captain Sherlock", grinste John – seine Wange leicht gerötet.

221B war vielleicht kein Piratenschiff. Aber sie hatten ein gruseliges Skelett und einen riesigen, unbezahlbaren, kostbaren Piratenschatz: Ihre Freundschaft.

Es war einmal vor langer Zeit in Frankreich, als eine Freundschaft entstand, die einfach mehr war.