[Kapitel 22]

Schnee berührte die Unterseite des zugefrorenen Sees. »Spiegel geformt aus Eis so kalt … durchtrenne jetzt meines Zaub …«

»Sei still, Schnee!« Es war Gerta, die Schnee unterbrach und humpelnd auf sie und Talia zukam.

»Gerta … was hast du vor?«, fragte Talia zitternd.

»Ich werde uns alle retten«, antwortete sie mit selbstsicherer Stimme, in der nicht der geringste Zweifel mitschwang. Sie nahm Schnees Gesicht in beide Hände und murmelte etwas, das Talia nicht verstehen konnte.

»Gerta!«, rief Schnee, doch ihre Stimme klang so leise, als wäre sie kilometerweit entfernt. Talia drehte sich panisch zu Schnees Spiegelbild um, doch ihre Freundin war nicht mehr allein. Sie erkannte Gerta, die Schnee festhielt und so verhinderte, dass sie ins Nichts stürzte. Talia konnte sich nicht rühren. Was ging hier bloß vor sich? Im eisigen Spiegelbild klammerte Schnee sich mit beiden Händen an Gertas ausgestreckten Arm. Gerta zog sie aus dem Abgrund und das verblasste Bild von Schnee wurde wieder kräftiger.

»Du sagtest es selbst … ich bin fast so klug wie du«, sagte Gerta mit einem Lächeln. Dann drehte sie sich zu Talia um. »Ich danke dir, Talia. Für alles.«

»Warte! Wir finden sicher einen anderen W…«

Gerta unterbrach Talia mit einem Kopfschütteln und ihr Lächeln wurde breiter. »Für mich ist es Zeit wieder zu gehen; sei bitte nicht traurig deswegen, denn ich bin es auch nicht. Ich verstehe es jetzt ganz genau. Das hier ist kein Ende, sondern bloß ein neuer Anfang. Ich sterbe nicht, wenn ich mit Schnee verschmelze; ich werde in ihr weiterleben. Ich werde immer ein großer Teil von ihr sein.« Sie lachte so süß, wie Schnee selbst es immer tat. »Und keine Angst … ich werde sie davon abhalten, noch mehr solcher Dummheiten, wie mit dem Spiegel zu begehen.«

Talia sah, wie Gertas Spiegelbild die Augen schloss und mit dem von Schnee verschmolz.

Und dann erschlaffte Gertas Körper und fiel leblos zu Boden.

Talia ließ die Kette los und Schnee brach auf dem Boden zusammen. Sie spürte die neue Kraft, die Gerta ihr gegeben hatte, als sie sich wieder mit ihr vereint hatte. Gerta war wirklich klug. Sie hatte den Moment genutzt, in dem die Kontrolle des Dämons über Schnee nachgelassen hatte. Jetzt waren sie beide wieder Eins und anders als an dem Tag, an dem der Spiegel zerbrach, war der Dämon verletzt. Er starb und wusste, dass er nicht mehr gewinnen konnte, doch wie ein wildes, verletztes Tier kämpfte er weiter. Wenn er schon sterben musste, so wollte er Schnee, Talia, Danielle und Jakob mitnehmen. Schnee konnte seinen unbändigen Hass fühlen. Sie kämpfte gegen ihn an, doch selbst jetzt war er noch unheimlich stark.

»Gerta? Gerta!« Es war Talia, die verzweifelt aufschrie.

Schnee hörte sie wie aus weiter Ferne. Ich bin hier, wollte sie rufen, doch über ihre Lippen kam bloß ein gequältes Keuchen.

Trotzdem schien Talia es gehört zu haben. Sie kam herübergerobbt und beugte sich mit einem vor Verzweiflung verzerrten Gesicht über Schnee.

»Schnee? Schnee, bist du das?«, fragte Talia. Ihre Stimme war nicht mehr als ein klägliches Schluchzen.

Schnee wollte antworten, doch in genau diesem Moment schlug der Dämon mit all seiner unbarmherzigen Kälte und Härte zu. Schnee versuchte sich zu wehren, doch der Dämon übernahm die Kontrolle über ihren Arm. Ihre Hand packte Talias Kehle und drückte sie zu. Schnee sah das Entsetzen in Talias Gesicht, als ihr klar wurde, dass der Dämon immernoch da war.

Verzweifelt versuchte Schnee die Kontrolle über ihren Arm zurückzugewinnen, aber selbst jetzt, wo sie wieder mit Gerta vereint war und der Dämon im Sterben lag, war sie nicht stark genug.

Gerta, du alte Närrin! Ich hätte wenigstens dich und die anderen retten können, sagte Schnee.

Du bist die Närrin, war Gertas Antwort. Reiß dich endlich zusammen. Gemeinsam können wir es schaffen.

Tränen liefen über Schnees Gesicht, während sie versuchte den Griff des Dämons um Talias Kehle zu lösen. »Töte mich«, flehte Schnee ihre Freundin an. Ihre Stimme war nicht mehr als ein Flüstern. »Bitte töte mich. Rette dich, Talia!«

Doch Talia reagierte nicht. Wehrte sich nicht. Alle Kraft schien aus ihrem Körper gewichen, und ihr Wille gebrochen zu sein. Sie weinte und wartete nur noch auf ihren Tod. Die Tränen rannen an ihren Wangen herunter und tropften von ihrem Kinn auf Schnees Gesicht herab. Einige fielen direkt auf die Narben in Schnees Gesicht, die die Splitter des Spiegels ihrer Mutter verursacht hatten und auf ihr zerstörtes Auge.

Schnee schrie vor Schmerz, als Talias Tränen durch die vom Spiegel verursachten Verletzungen unter ihre Haut sickerten. Sie spürte, wie die Tränen jeden einzelnen Splitter in ihrem Körper umschlossen und den Dämon aus ihr herausbrannten. Das Wesen schrie im Todeskampf, griff ein letztes Mal nach Schnees Verstand, doch jetzt konnte er ihr nichts mehr anhaben.

Dann war es endlich vorbei. Der Dämon war fort.

Zitternd sah Danielle sich um. Sie hatte Talia schreien gehört und betete, dass es ihr gut ging.

Sie und Schnee lagen auf dem Eis am Fuß des Throns. Gerta lag leblos daneben. Talia robbte zu ihr herüber und nahm ihren Kopf in die Hände. Und dann begann Schnee sich zu räkeln und seufzte.

»Schnee? Schnee, bist du das?«, fragte Talia mit zitternder Stimme.

»Schnee?« Danielle ließ das Schwert nicht sinken. Sie konnte sich nicht erklären, was da gerade geschehen war. Sie hatte nichteinmal mitbekommen, wie Gerta zu Schnee und Talia herübergekommen war.

»Er ist weg.« Schnee hatte den Kopf schräg gelegt, sodass die Haare über ihr geschundenes Auge fielen. Sie waren wieder komplett schwarz; so wie früher. So, wie Danielle sie einst kennen gelernt hatte. Sie musste blinzeln, um es zu glauben, denn Schnee sah wieder so jung aus, als hätte sie die Jahre, die sie ihren Sieben Zwergen opfern musste, zurückerhalten. Auch die Narben, die die Scherben des Spiegels ihr zugefügt hatten, waren verschwunden. So, als wäre sie nie vom Glas geschnitten worden. Die übrigen Verletzungen jedoch waren geblieben.

»Wie?« Danielle warf einen Blick auf Gerta und dann wieder auf Schnee. »Was ist denn nur …«

»Ich sollte tot sein. Niemals hätte ich …« Tränen fielen aus Schnees gesundem Auge. Sie klang benommen, doch sie sprach wieder wie früher. »Der Dämon ist besiegt. Wir haben ihn gemeinsam besiegt.«

»Aber wie denn?«

»Talia hat mich gerettet«, sagte Schnee zitternd. Sie drehte ihren Kopf leicht und sah Talia mit einem verliebten Lächeln an. Tränen stiegen ihr in die Augen. »Der Dämon, Gerta und ich lagen im Sterben, aber Gerta konnte einen letzten Zauber wirken. Sie hat ihren und meinen Geist wieder vereint. Zusammen haben wir gegen den Dämon gekämpft. Aber er war so unheimlich stark.« Ihre Stimme brach und sie schluchzte, bevor sie weitersprach. »Talia hat geweint … «

Schnee streckte die Hand nach Talia aus und berührte sie sanft an der Wange, um ihr eine Träne aus dem Gesicht zu wischen. »Ihre Tränen … sie haben den Dämon verbrannt.«

»Ist … ist das auch wahr?«, keuchte Talia atemlos.

Schnee nickte erschöpft. Tränen liefen ihr Gesicht herunter und sie legte die flache Hand auf Talias Wange.

Talia konnte spüren, dass Schnee die Wahrheit sagte. Der Dämon war verschwunden, und nichts war mehr von ihm übrig. Sie brach nun endgültig in Tränen aus, schlang die Arme um Schnee und drückte sie fest an sich. »Oh mein Gott, ich dachte … ich dachte ich würde dich verlieren, Schnee.« Mit einem Weinkrampf küsste sie ihre Freundin auf die Wange.

Schnees Körper war angespannt, die Kette abgefallen. Gequetschte, blutige Haut zeigte, wo sie sich in ihren Hals gegraben hatte. Sie erwiderte Talias Umarmung und auch sie ließ ihren Tränen freien Lauf. »Das dachte ich auch«, hauchte sie Talia schluchzend ins Ohr.

»Gerta hat es so gewollt«, sagte Schnee, die Talias Trauer um Gerta spürte. »Sie ist wieder zu einem Teil von mir geworden. Sie hat ihren Geist mit meinem verschmolzen.«

»Ich weiß.« Talia bewegte sich nicht. Ihr Haar verdeckte ihr Gesicht. »Dies ist Allesandria, Geburtsland der Magie. Es muss etwas gegeben haben, mit dem wir euch beide …«

»Talia.« Schnees Stimme bebte und sie hatte Mühe laut genug zu sprechen, dass Talia sie hören konnte. »Verstehst du denn nicht? Ich bin Gerta. So wie sie ich ist.«

»Sie sagte, sie sei nicht du.« Talias Stimme versagte.

»Das war sie auch nicht, du Dummerchen. Sie war ein Teil von mir. Ihre Erinnerungen lückenhaft. Wenn man dich deiner Erinnerungen berauben würde, wärst du auch ein anderer Mensch als jetzt.«

Talia schluchzte und Tränen tropften von ihrem Kinn auf den Boden. »Versteh das bitte nicht falsch«, sagte sie und rang um Fassung. »Ich bin überglücklich dich wiederzuhaben, Schnee. Es ist nur … ich hatte gehofft, wir könnten auch sie retten.«

Schnee legte ihre Finger unter Talias Kinn und drückte es hoch, bis sie beide sich direkt in die Augen schauten. Auch Schnee liefen die Tränen über das Gesicht. Dann fiel sie ihrer Freundin stürmisch um den Hals und küsste sie auf den Mund.

Danielle riss erstaunt die Augen weit auf und schlug sich beide Hände vor den Mund, um ein überraschtes Seufzen zu unterdrücken.

Irritiert drückte Talia Schnee zurück. »Was … was tust du da, Schnee?«, fragte sie erschrocken.

»Nur das, was ich schon vor Jahren hätte tun sollen.«