Kapitel 4:

„Haku? Wach auf." Die ungewohnt sanfte Stimme holte mich langsam aus dem Schlaf. Ich öffnete die Augen und schaute in Zabuza's düsteres Gesicht.

„M-Meister?", murmelte ich. Ich konnte noch immer kaum glauben, dass er tatsächlich gekommen war. Ich sah mich um, merkte dass ich im Gras lag. Es war kühl, der Sommer war längst vorbei. Aber das merkte ich nur am Rande, das war mir zu dem Zeitpunkt ziemlich egal. „Wo sind wir?"

Unwirsch antwortete er: „Na wo schon? Irgendwo auf dem Land. Wir können hier nirgends mehr übernachten, sie haben den Arzt getötet und man wird es uns anlasten. Wir müssen machen, dass wir hier wegkommen. Aber nicht mehr heute. Du siehst nicht gut aus."

Ich schaute ihn fragend an und folgte seinem düsteren Blick hin zu meinem Bauch, in dem noch immer der Kunai steckte. Scheiße. Er schaute mich ernst an und riss ein Stück Stoff aus seinem Anzug. Bisher hatte er den Kunai nicht rausgezogen um den Blutverlust zu minimieren, aber jetzt hatten wir Zeit und ich ahnte, was mir bevorstand.

Er packte den Griff und sah mir in die Augen. Ich nickte stumm, wappnete mich gegen den Schmerz, und dann riss er ihn raus. Ich presste die Zähne zusammen um nicht zu schreien. Er warf den Kunai achtlos weg und presste den Stoff auf die Wunde. Geübt wickelte er den Stoff um meinem Körper und hatte sein Werk schließlich beendet. Aber ich machte mir keine Illusionen. Er war kein Arzt und der Stich war geschickt geführt worden. Ob mir dieser semi-professionell gemachte Verband wirklich helfen würde, war fraglich. Aber das war mir ganz egal. Ich war wieder bei Meister Zabuza, das allein zählte.

Nachdem der Schmerz verebbt war, murmelte ich: „Und wohin gehen wir jetzt?"

„Es wird bald dunkel. Ich glaube nicht dass du in deinem Zustand weit kommst. Vorläufig bleiben wir in der Gegend. Aber wir sollten uns was zum unterstellen suchen. Nicht weit weg hinter den Hügeln habe ich eine kleine Hütte gesehen. Da könnten wir heute Nacht bleiben. Kannst du aufstehen?" Ich war erstaunt. Er war erstaunlich redselig. Normalerweise konnte ich mich glücklich schätzen, wenn ich ein „Komm endlich!" von ihm erhaschte.

„Klar.", antwortete ich und versuchte, mich aufzurichten. Es tat weh, aber es ging. Wortlos beobachtete er mich, mit seinen ausdrucksvollen, dunklen Augen. Dann stand er ebenfalls auf, verwischte unsere Spuren, und ich schleppte mich neben ihm vor bis zu der Hütte von der er gesprochen hatte.

Es war dunkel und schmutzig darin, unter unserer Würde. Ich wünschte, ich wäre nicht so eine Last für ihn. Ohne mich hätte er längst diesen Ort verlassen, und woanders eine neue Bleibe finden können. Er verdiente es nicht, hier übernachten zu müssen.

Plump ließ ich mich auf den Boden sinken und Zabuza setzte sich ebenfalls. Er befahl mir, mich nicht zu sehr zu bewegen, wegen meiner Wunde. Stille kehrte ein in der kleinen, dreckigen Hütte und ich versuchte, ruhig zu bleiben, zu schlafen, nicht zu frieren.

Ich war gefangen zwischen Schlaf und Wachen, als ich seine Stimme hörte: „Frierst du, Haku?" Ich war unfähig, zu antworten. Tatsächlich zitterte mein Körper, nur bedeckt von dem kurzen, schwarzen Kimono, aber ich war es gewohnt, zu frieren.

Auf einmal spürte ich, wie ich in die Höhe gezogen wurde, und im nächsten Moment fand ich mich in seinen Armen. Ich wollte fragen, was hier los war, aber meine Stimme versagte mir den Dienst. Irgendwas stimmte mit meinem Körper nicht, ich wurde immer schwächer.

„Gift.", murmelte er, als hätte er meine Gedanken gelesen. „Der Kunai war vergiftet."

Das war es also. Ich konnte mich nicht mal fürchten. Vor dem Tod hatte ich keine Angst. Ich drückte meinen zitternden Körper näher an seinen, suchte und fand bei ihm Wärme. Als ich schließlich meine Stimme wiederfand, fragte ich schlicht: „Wie lange?"

„Nicht sehr lange, wenn du nicht anfängst zu kämpfen.", antwortete er. Ich fragte mich längst nicht mehr, woher er das wusste. Er hatte recht. Ich kämpfte nicht dagegen an, obwohl ich selbst nicht begriff, warum. Aber wozu brauchte er auch einen verwundeten Ninja, nein schlimmer, ein verwundetes Kind? Ich war ihm nur eine Last, vielleicht war es wirklich besser so.

„Wage es nicht, mich jetzt zu verlassen!", zischte er plötzlich. Manchmal war die Art, mit der er mich so leicht durchschaute, mir richtig unheimlich. „Du hast deine Aufgabe noch nicht erfüllt! Du wolltest doch mein Werkzeug sein, meine Waffe gegen die, die mich verraten haben!"

Ja, das war richtig. Ich war sein Werkzeug, und ich hatte nicht das Recht, ihm wegzusterben. Aber was sollte er mit einem nutzlosen Shinobi wie mir noch anfangen? Selbst wenn ich das Fieber überlebte, die Wunde an meinem Arm sah schlecht aus und würde mich für eine ganze Zeit lang handlungsunfähig machen. Ich wäre ihm nur ein Klotz am Bein. Eine Last.

„Zabuza-san... es tut mir leid." Ich schloss die Augen, um mich etwas auszuruhen. Mir war kalt. Und ich fühlte mich so schwach.

Ich weiß nicht, wie lange ich mich ausruhte. Irgendwann sagte er: „Kämpfe endlich, Haku."

„Ich kann nicht..", flüsterte ich. Ich fand die Kraft einfach nicht. Ich spürte, wie ich immer schwächer wurde und plötzlich begriff ich, was er gemeint hatte. Mir blieb nicht mehr viel Zeit. Ich hustete und zu meiner Überraschung lief etwas aus meinem Mund. Blut, wahrscheinlich. „Zabuza-san..." Er nahm meine Hand in seine.

„Haku!", sagte er, etwas zu laut. Meine Augen fielen immer wieder zu, ich hatte kaum die Kraft, sie offenzuhalten. Ich fühlte mich, als drohte ich in einen Abgrund zu stürzen, in ein schwarzes Loch. Meine schwachen Versuche, mich am Leben festzuhalten, nützten nichts. Immer näher kam ich der Dunkelheit. Zabuza drückte mich an sich. „Haku! HAKU!!! Wenn du jetzt stirbst, dann kannst du sie nicht rächen!"

Mutter.

Er hatte so recht. Aber... es ging einfach nicht. Immer schneller stürzte ich auf das schwarze Loch zu, die Sicht verschwamm vor meinen Augen. „Zabuza-san..", meine eigene Stimme klang so fremd und schwach. „Ich... ich.... liebe Sie." Ich musste es ihm einfach sagen. Er war mir der wichtigste Mensch auf der Welt. Wenn ich wirklich jetzt in seinen Armen sterben sollte, dann wäre ich glücklich.

„Haku. Du warst... mir eine große Hilfe. Ich bin froh, dich mitgenommen zu haben. Ich... wünschte, ich könnte dir folgen, dort wo du hingehst." Ich konnte es nicht erkennen... weinte er um mich? Und ich sah, wie er sich zu mir runter beugte, und mich küsste. Endlich konnte ich meine Augen schließen, mir war, als habe ich meinen Frieden mit der Welt gemacht. Etwas lief über meine Wange. Tränen? Dann war das Gefühl auf meinen Lippen fort und ich hörte ihn wie durch Watte sagen: „Du weinst schon wieder, Haku."

Und dann verlor ich meinen Halt, und stürzte ab, verlor mich in der Dunkelheit. Meine letzte Erinnerung an diese Welt ist seine Stimme: „Ich liebe dich auch, Haku."

Draußen, außerhalb der kleinen Hütte, in der Zabuza mit dem leblosen Körper saß, fing es an zu schneien. Haku hatte den Schnee immer geliebt. Es war, als würde der Himmel mit ihm weinen.

Sayounara, Zabuza-san.

OWARI.