Story: Äh... Es ist sehr komisch, ich weiß. Langweilig, sinnlos, skuril (wäre ein Kompliment), schlecht, einfallslos oder beschissen. *schulternzuck*

Umgeben von Toten

Es war eine ungewöhnliche Zeit, um an diesem Ort zu sein. Doch wenn er dort hin ging, dann immer erst nach Anbruch der Dunkelheit. Um sicher zu gehen, dass er alleine war und ungestört das tun konnte, was er wollte.

Quietschend öffnete er das Eisengitter, das Zugang durch die mannshohe Thuja-Hecke gab. Sein schwarzer Umhang wehte im lauen Nachwind, der Kies knirschte unter seinen Schuhen als er zwischen den Gräbern hindurch ging. Er genoss die Stille und sog die kühle Luft tief ein. Am Brunnen bückte er sich, griff eine Gieskanne, von der Sonne ausgebleichtes gelb, und stellte sie auf den Rand des Brunnens. Er krämpelte die Ärmel seines Umhanges zurück. Seine helle Haut wirkte im fahlen Mondlicht noch unwirklicher, fast wie die eines Toten. Auf seinem linken Unterarm hob sich eine schwarze Zeichnung deutlich von der Haut ab.

Er nahm die Gieskanne und tauchte sie in das kalte Wasser bis sie voll war. Dann zog er einen schwarzen Gieskopf aus einer Umhangtasche, steckte ihn auf den Hals der Kanne und trug sie zu seinem Ziel. Er ging nicht auf dem etwas breiteren Hauptweg, der eigentlich der kürzeste gewesen wäre, sondern zwischen den Gräbern auf schmalen, teilweise mit Gras und Unkraut überwucherten Pfaden. Dreimal ging er zwischen Grab und Brunnen hin und her. Die Blumen sahen im Mondschein alle gleich grau aus, nichts von ihrer Blütenschönheit und Farbprachte enthüllte das spärliche Licht. Der Grabstein, ein rauher, ungeschliffender Naturstein, sah dort, wo Wasser hingekommen war, schwarz aus. Seine eigentliche Farbe war grau, mit grünen, weißen und dunkelroten Schichten.

Er stellte die Gieskanne ab und sah auf das Grab. Nach einer Weile setzte er sich auf den Kiesboden und versank in Gedanken.

Von einem der hohen Bäume jenseits der Hecke hallte der Schrei eines Uhus. Der Mann sah auf. Fledermäuse flogen aus dem kleinen Glockenturm der Friedhofskapelle in die Nacht um zu jagen. Er erhob sich langsam, nahm die Gieskanne und ging auf dem Hauptweg zurück zum Brunnen. Die Gieskanne füllte er noch einmal und stellte sie auf den Boden zurück, den Gieskopf lies er in seiner Tasche verschwinden, die Ärmel rollte er wieder auf.

Vom Rufen des Uhus begleitet ging er über den Kiesweg zum Eisengitter, öffnete es quietschend und trat hinaus auf den gefpflasterten Vorhof.

Er ging entlang der Hecke über die Wiese in Richtung Wald. Willkürlich griff er beim Laufen nach einem Zweig und riss ihn ab. Mit den Fingern spielte er noch eine Weile damit, dann warf er ihn weg und verschwand im Wald.

Morgen würde er im Archiv des Dorfes nachsehen, wer Karl Ranseier war und was für eine Geschichte sein Leben erzählte. Vielleicht würde sie für zwei Tage reichen, vielleicht würde er auch morgen wieder herkommen müssen, und ein anderes Grab gießen.

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Eigentlich doch traurig, wenn das eigene Leben so langweilig ist, dass man auf dem Friedhof wildfremde Gräber gießt...